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CS-Grossaktionär: «Wir hätten die Aktien verkaufen sollen»

David Herro sagt, was er von Credit-Suisse-CEO Thomas Gottstein hält und welche Schweizer Aktien ihm im Gegensatz zu CS Freude bereiten.

Begeisterung hört sich anders an. «Der Verwaltungsrat muss entscheiden, ob Thomas imstande ist, ein effektiver CEO zu sein», sagt David Herro im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Herro ist Partner bei der US-Investmentgesellschaft Harris Associates, einer der Grossaktionärinnen von Credit Suisse (CSGN 5.42 +0.07%).

Mit Thomas ist Bankchef Gottstein gemeint, dessen Abberufung vergangene Woche ein anderer Aktionärsvertreter – David Samra, Manager von Artisan Partners – gegenüber Reuters gefordert hatte. Am 13. Mai berichtete Bloomberg, der CS-Verwaltungsrat (VR) habe erste Gespräche über die Ablösung Gottsteins geführt.

Start mit Zwillingskrise

Die Bank dementierte. VR-Präsident Axel Lehmann hat seine Unterstützung für Gottstein am Montag gegenüber dem US-TV-Sender CNBC wiederholt. Es ist laut Herro aber auch fraglich, ob eine andere Person bessere Arbeit geleistet hätte.

«Er ist in einer Zwillingskrise gestartet», sagt Herro und meint damit den Kollaps des Hedge-Fund-Kunden Archegos sowie die Auflösung der Greensill-Fonds. CS hat so im vergangenen Jahr, in dem andere Banken Rekordergebnisse geschrieben haben, einen Verlust von rund 1 Mrd. Fr. gemacht.

«Es ist daher schwierig, ihn zu benoten», sagt Harris. Gottstein bringe «viel Erfahrung und eine ruhige Hand» mit. «Er hat das Herz am rechten Fleck.» Angesichts der Umstände hat er laut Herro das Beste aus der Situation gemacht, der Job sei aber noch lange nicht beendet.

Dramatischer Wertverlust

Die Bank muss gemäss dem CS-Grossaktionär weiter stabilisiert werden, die hohen Rechtskosten, Strafzahlungen und Abschreibungen müssten beendet werden, und das Geschäft müsse wieder zu gutem Wachstum und Performance finden.

Den Verkauf gewisser Geschäftsteile oder gar der ganzen Bank, wie Samra ihn ins Spiel gebracht hat, schliesst Herro zum jetzigen Zeitpunkt aus. Damit würde CS momentan weit unter Wert den Besitzer wechseln. Erst wenn das Geschäft wieder rund laufe, könne man sehen, «welche Teile vielleicht besser anderswo aufgehoben sind», sagt Herro.

Gottstein ist mittlerweile das einzige Konzernleitungsmitglied aus der Ära von Ex-CEO Tidjane Thiam. Ihn hatte Gottstein als Bankchef Anfang 2020 ersetzt, nachdem Thiam im Zuge der Beschattungsaffäre um Ex-Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan hatte zurücktreten müssen.

Thiam bekam Rückhalt

Laut Herro ist es damals am Ende darum gegangen, ob entweder Thiam oder VR-Präsident Urs Rohner gehen musste. Letzterer habe «über ein Jahrzehnt der Wertvernichtung» hinter sich gehabt. Thiam sei dagegen der «Vater der erfolgreichen Restrukturierung der Bank». So hielt Herro bis zuletzt zu Thiam und drohte Rohner öffentlich mit einer Abwahlkampagne. Nach dem Abgang Thiams setzte er die Drohung aber nicht in die Tat um.

«Wir hätten die Aktien eigentlich verkaufen sollen, als der VR entschied, an Rohner festzuhalten», sagt Herro. Grundsätzlich sei CS aber eine starke Marke mit gutem Geschäft. Vor allem jetzt berge eine mögliche Erholung der Bank ein hohes Renditepotenzial. Die Aktie handelt nahe ihrem Allzeittief.

Harris ist seit zwanzig Jahren Aktionär der zweitgrössten Schweizer Bank, und obwohl sie die Anzahl CS-Titel seit Anfang 2019 nicht mehr substanziell verändert hat, ist die Bank aus den Top Ten der grössten Harris-Beteiligungen geflogen.

Unter den Schweizer Positionen von Harris ist sie von Platz zwei auf fünf abgerutscht. Darin spiegelt sich ein jahrelanger, dramatischer Wertverlust der CS-Valoren. Seit seinem Höhepunkt 2007 hat der Aktienkurs rund 90% eingebüsst.

Swatch Group (UHR 225.90 -0.26%) wenig zugänglich

Mehr Freude macht Herro da zuletzt die grösste Schweizer Beteiligung, Glencore (GLENl 4.25 -4.79%), deren Wert sich seit Ende März 2020 fast verfünffacht hat. Der Rohstoffriese operiert laut Herro in einem «Sweet Spot», biete Lösungen im Bereich erneuerbarer und fossiler Energien, habe wenig Schulden und «eine Tonne Cash».

Auch Holcim (HOLN 40.70 -0.37%) hebt Herro hervor. Der Baustoffkonzern werde «signifikant besser geführt als noch vor fünf Jahren». Schwächere Geschäftsbereiche seien verkauft und die freien Mittel in die Stärken des Unternehmens investiert worden. «Ein Lehrbuchbeispiel, wie man Wert schafft», sagt Herro.

Reduziert hat Harris den Anteil an Swatch Group von einst über 4% auf heute unter 1%. Das Unternehmen sei eine «tolle Ansammlung von Geschäften». Das Problem liege allerdings in der Transparenz: «Wir haben leider nicht den Zugang zum Management, wie wir ihn gerne hätten.»

Bankaktien als Lieblinge

Reduziert hat Harris Ende vergangenes Jahr auch die Anteile am Luxusgüterkonzern Richemont (CFR 100.25 -1.38%), als die Bewertung sportliche Höhen erreicht hatte. Mittlerweile hätten die Titel über ein Drittel an Wert verloren und seien wieder attraktiver. Das Gleiche gelte für die Valoren von Julius Bär (BAER 43.65 -0.89%), die seit Jahresanfang rund ein Viertel eingebüsst hätten und bei denen Harris jüngst zugekauft habe.

Angesichts einer strafferen Geldpolitik, vor allem der US-Notenbank Fed, empfiehlt Herro Aktien von Unternehmen mit starkem freien Mittelfluss und günstiger Bewertung. Dazu zählen nach Herros Ansicht zum einen Finanzwerte wie CS.

Zum Zweiten Industrieaktien wie BMW (BMW 73.76 +0.41%), Mercedes Benz oder CNH, ein Hersteller von Nutzfahrzeugen. Zum Dritten gebe es nach der allgemeinen Talfahrt seit Jahresbeginn solide Tech-Papiere wieder günstiger zu haben. Herro nennt hier beispielsweise den Softwarekonzern SAP (SAP 93.82 -0.03%).