Märkte / Makro

Dämpfer für das Schweizer BIP

Enttäuschende Ergebnisse aus der Industrie lassen nichts Gutes erwarten für die Quartalsschätzung des Bruttoinlandprodukts (BIP) Anfang September.

Anderthalb Jahre nach der Aufhebung des Frankenmindestkurses, dem sogenannten Frankenschock, ringen Schweizer Unternehmen immer noch mit schrumpfenden Absatzchancen. Die erhoffte Besserung ist nicht eingetreten. Das belegen Daten des Bundesamts für Statistik (BfS), wonach die Industrieproduktion in der Schweiz im zweiten Quartal gegenüber der Vorjahresperiode um 1,2% abgenommen hat. Der Umsatz ist gar 2,3% geschrumpft. 

Wie die Behörde am Donnerstag mitgeteilt hat, sank der Output im April und Mai. Im Juni lag er zwar höher als im Vorjahr, aber wohl nur deshalb, weil der Ausstoss im Juni 2015 um 10% eingebrochen war. In den achtzehn Monaten von Januar 2015 bis Juni 2016 wurden nur fünf Monate mit einem Produktionszuwachs gegenüber dem Vorjahr gezählt.

Pharma entzieht sich dem Abwärtstrend

Fast alle Branchen sind betroffen. Vermochten sich 2015 noch Pharma und Uhren dem Abwärtstrend zu entziehen, gilt das im laufenden Jahr nur noch für den Pharmasektor. Seine Produktion lag im zweiten Quartal 8,6% über dem Wert des Vorjahres. Der Umsatz war angesichts rückläufiger Preise mit 3,6% etwas weniger stark gewachsen.

Uhren einschliesslich Datenverarbeitung verzeichneten indes Einbussen von 9,5 resp. 9,1%. Sie sind inzwischen das Schlusslicht im Sekundärsektor.

Quelle: Bundesamt für Statistik

Frühindikatoren wie der Einkaufsmanagerindex hatten bislang auf ein solides industrielles Wachstum hingedeutet. Erst im Juni und Juli schwächte sich der PMI markant ab. Er notiert inzwischen 50,1, was auf eine Stagnation im laufenden Halbjahr hindeutet.

Schwaches BIP-Wachstum

Der enttäuschende Produktionsausweis dämpft die Erwartungen für die Veröffentlichung des Bruttoinlandprodukts (BIP) am 6. September.

«Von der Industrie gehen keine Impulse für das BIP im zweiten Quartal aus», sagt Alexander Koch, Leiter Makro- und Immobilien-Research bei Raiffeisen Schweiz. Die rückläufige Produktion im verarbeitenden Gewerbe spiegelten auch die schwächeren Exporte im zweiten Quartal. Und der starke Rückgang in der Produktion von Investitionsgütern deute eine Korrektur nach unten bei den Investitionen an.

Koch rechnet damit, dass das BIP im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal erneut praktisch stagniert hat. Nach 0,2% im ersten Quartal erwartet er einen minimalen Zuwachs von 0,1%.

Das BfS hat am Donnerstag zudem die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für das Jahr 2015 publiziert. Demnach wuchs das BIP inflationsbereinigt lediglich 0,8% (2014: 2%). Bisher waren nur die Hochrechnungen des Seco bekannt. Sie gingen von etwas höheren 0,9% BIP-Wachstum 2015 aus. Sie müssen nun herabkorrigiert werden.

Wird berücksichtigt, dass in der Schweiz die Preise fallen (Deflation), ergibt sich ein nominales BIP-Wachstum von 0,3%. Die Schweizer Wirtschaft hat also 2015 mehr oder weniger stagniert.

Gemäss BfS schwächten sich 2015 vor allem die Unternehmensinvestitionen in Maschinen, Informatik etc. ab. Die Steigerungen halbierten sich auf 1,3%.

Pro Kopf verringerte sich das reale BIP 2015 um 0,3%. Das lässt sich aus der Volkszählung ablesen. Die Wohnbevölkerung nahm demnach 1,1% zu.

Sorge um Deindustrialisierung

Je länger der Abschwung andauert, umso mehr wird aus dem Ringen der Industrieunternehmen gegen die Nachfrageflaute ein Existenzkampf. Denn abgesehen von konjunkturellen – sprich: vorübergehenden – Phänomenen wie dem schwachen Europageschäft und der Abkühlung in Asien und Lateinamerika lasten strukturelle Probleme auf den Schweizer Anbietern: die nicht enden wollende Frankenüberbewertung sowie die Ungewissheit über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, welche die Produktionskosten in der Schweiz verteuern dürfte.

Beide Faktoren schwächen den Produktionsstandort Schweiz und könnten dazu führen, dass zu wenig im Inland investiert wird. Diese Deindustrialisierung wiederum gefährdet die Beschäftigungsaussichten und letztlich den Wohlstand des Landes.

Tiefbau korrigiert deutlich

Im Baugewerbe sind Produktion und Umsatz im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um jeweils 4,1% gesunken. Die kräftige Einbusse ist vor allem auf den Tiefbau zurückzuführen (–4,7 resp. –4,5%). Der Hochbau verzeichnete einen Produktionsrückgang von 1,1%, der Umsatz fiel um 0,6%.

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