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Dätwyler stellt sich neu auf

Analyse | Nach dem Verkauf des Elektronikhandels reorganisiert das Unternehmen das Dichtungsgeschäft. Die Hälfte der Konzernleitung wird ausgewechselt.

Neue Geschäftsbereiche, neue Spartenleiter und ein neuer Finanzchef: Beim Urner Industriekonzern Dätwyler (DAE 172 -0.23%) wird alles neu. Der Grund für die umfassende Reorganisation ist, dass Dätwyler ihr Sorgenkind verkauft: das margenschwache Handelsgeschäft mit Elektronik (Technical Components). Es war zu klein, um langfristig eigenständig erfolgreich zu sein. Den Verkauf hat Dätwyler bereits vor zwei Wochen, unmittelbar vor Weihnachten, publik gemacht.

Künftig konzentriert sich das Unternehmen auf das wachstums- und margenstarke Dichtungsgeschäft (Sealing Solutions). Es ist mit seinen Nischenprodukten, etwa Stopfen für Spritzen oder Beschichtungen für Nespresso-Kapseln, sehr erfolgreich und schreibt Ebit-Margen im Bereich von 18%. Die Elektronikhandelssparte kam hingegen auf lediglich rund 3%.

Wie Dätwyler am Dienstag mitteilte, wird das Dichtungsgeschäft neu nach Kundensegmenten gegliedert. So gibt es neu einen Geschäftsbereich, der Kunden aus dem Gesundheitsmarkt beliefert (Health Care Solutions), und einen, der Produkte für die Industrie herstellt, insbesondere den Automobilsektor (Industrial Solutions). Zusätzlich werden zwei Serviceeinheiten gebildet (Technology und Innovation sowie Finance und Shared Services).

Wechsel in der Konzernleitung

Die neue Struktur führt zu Wechseln in der Konzernleitung, wobei alle neuen Führungskräfte aus den eigenen Reihen rekrutiert werden konnten. Der Geschäftsbereich Health Care Solutions wird in Zukunft von Dirk Borghs geführt. Er war bisher für alle Produktionsstandorte der Dichtungssparte verantwortlich. Die Leitung des Geschäftsbereichs Industrial Solutions übernimmt Torsten Maschke, bislang COO der Dichtungssparte. Zudem wird Frank Schön Leiter der neu gebildeten Serviceeinheit Technology & Innovation. Neil Harrison, bislang Chef der Elektronikhandelssparte, wird aus der Konzernleitung ausscheiden.

Ebenfalls ausgewechselt wird der Finanzchef, was aber nicht direkt mit der Reorganisation zusammenhängt: Der langjährige CFO Reto Welte habe sich entschieden, Ende März in den Ruhestand zu treten, teilte Dätwyler am Dienstag mit. Er war seit 2009 in dieser Funktion tätig gewesen. Ersetzt wird er durch Walter Scherz, bislang Finanzchef der Elektronikhandelssparte.

Zwei von drei Marken verkauft

Am Abend des 23. Dezembers hatte Dätwyler mitgeteilt, dass sie für zwei der drei Marken der Handelssparte einen Käufer gefunden habe: Das deutsche Private-Equity-Unternehmen Aurelius (AR4 32.4 -1.58%) übernimmt Distrelec, einen B-to-B-Distributor für elektronische Komponenten, sowie Nedis, einen Grosshändler für Home und Consumer Electronics. Am Markt war bereits seit einiger Zeit über die Abspaltung des Elektronikhandelsgeschäfts spekuliert worden.

Welchen Preis Aurelius für die beiden Sparten zahlt, ist nicht bekannt. Die Vertragsparteien hätten darüber Stillschweigen vereinbart, hiess es in der damals verschickten Mitteilung. Ein Analyst der Bank Vontobel schätzte den Preis auf einen mittleren zweistelligen Millionen-Franken-Betrag.

Für Erstaunen sorgte der hohe Buchverlust von 670 Mio. Fr., zu dem der Verkauf bei Dätwyler führt. Er besteht einerseits aus Goodwill sowie Währungsumrechnungsdifferenzen auf dem Eigenkapital der verkauften ausländischen Tochtergesellschaften. Zudem musste Dätwyler die beiden Gesellschaften 180 Mio. unter dem Preis verkaufen, zu dem sie sie in den Büchern geführt hat.

Dieser dritte Effekt schmälert im Gegensatz zu den beiden anderen die Eigenkapitalquote. Dätwyler teilte jedoch mit, diese werde nach der Veräusserung weiterhin über 50% liegen. Vollzogen werden soll der Verkauf per Ende Februar, wie CEO Dirk Lambrecht am Dienstag an einer Telefonkonferenz sagte. Die Verbuchung des Verlusts teilt sich auf die Jahre 2019 und 2020 auf, wobei 200 Mio. im vergangenen Jahr anfallen dürften. Auf die Ausschüttungsstrategie dürfte der Buchverlust keine Auswirkungen haben, wie Lambrecht sagte.

Gut 1 Mrd. Umsatz

Distrelec und Nedis erwirtschafteten im vergangenen Jahr mit 850 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 300 Mio. Fr. Dätwyler als gesamtes Unternehmen kam im vergangenen Jahr auf 1,36 Mrd. Fr. Nach dem Verkauf der beiden Gesellschaften wird die Dätwyler-Gruppe noch einen Umsatz von 1,05 bis 1,10 Mrd. Fr. schreiben, wie Sprecher Guido Unternährer mitteilte. Mit eingerechnet ist dabei der Umsatz der dritten Marke der Elektronikhandelssparte, Reichelt. Sie hat Dätwyler noch nicht verkauft.

Auf Ebene Betriebsgewinn wird der Effekt der Veräusserung deutlich geringer sein. Der Vontobel-Analyst schätzte, dass die beiden veräusserten Marken auf Stufe Ebit im vergangenen Jahr bestenfalls die Gewinnschwelle erreichten. Damit wird die Betriebsgewinnmarge des Unternehmens, die zuletzt bei 12,5% lag, in die Richtung der 18% der Dichtungssparte (Sealing Solutions) steigen.

Dies gilt umso mehr, als die bislang noch bei Dätwyler verbleibende Marke Reichelt der werthaltigste Bestandteil von Technical Components ist. Im Gegensatz zu Distrelec und Nedis erwirtschaftet sie eine branchenübliche Ebit-Marge, das bedeutet 7 bis 8%. Zwar soll auch dieses Geschäft veräussert werden, da es nicht mehr zum Kerngeschäft zählt. Dätwyler hat aber genügend Zeit, einen ansprechenden Verkaufspreis auszuhandeln. So hiess es in der Mitteilung vom Dezember, für den Verkauf von Reichelt prüfe Dätwyler «wertoptimierende Optionen».

Aus Anlegersicht positiv

Aus Anlegersicht ist die neue Aufstellung positiv zu beurteilen: Die Neugliederung ermöglicht eine stärkere Kundenorientierung, die internen Besetzungen sorgen für Kontinuität. Entsprechend fiel die Kursreaktion aus: Die Dätwyler-Aktien notierten am Dienstag rund 1,5% im Plus, nachdem sie bereits am ersten Handelstag nach der Verkaufsmeldung um rund 3% zugelegt hatten.

Dätwyler in ihrer künftigen Form ist eine attraktive Gesellschaft mit guten Wachstumsaussichten. Sie besetzt in Nischen der Märkte Pharma und Medizinaltechnik, Automobilindustrie und Konsumgüter lukrative Marktpositionen. Mit Investitionen in neue Produktionsanlagen hat sie in letzter Zeit eine solide Basis für organisches Wachstum geschaffen. In den kommenden Jahren werden die Investitionen zurückgehen, was sich positiv auf die Profitabilität auswirkt. Ein Einstieg könnte sich langfristig lohnen.