Meinungen English Version English Version »

Das Aufräumen nach der Krise

Der Westen braucht reale Investitionen, Produktivität und Lohnwachstum – nicht noch mehr wirtschaftlich ungerechtfertigte Profite. Ein Kommentar von Jim O'Neill.

Jim O'Neill, London
«Die Politiker sollten ein strenges Auge auf die Rolle der Aktienrückkäufe halten.»

Der 9. August 2017 war der zehnte Jahrestag des Entscheids der französischen Bank BNP Paribas, drei Fonds im Wert von rund 2,2 Mrd. $ einzufrieren, d.h. die Rückzahlungen an Kunden einzustellen. Wer sich damals auf den Anlagemärkten bewegte, wird sich an dieses Ereignis als den Beginn der schlimmsten Finanzkrise seit der Grossen Depression erinnern.

Viele Ökonomen und Marktbeobachter behaupten, wir lebten nach wie vor mit den Folgen dieser Krise und mit den Kräften, die sie ausgelöst hatten. Das trifft zum Teil zu. In vielen entwickelten Volkswirtschaften ist immer noch eine unkonventionelle Geldpolitik in Kraft, wie etwa quantitative Lockerung, und sowohl die Produktivität wie auch das reale Lohnwachstum scheinen meist zu stagnieren.

Doch es ist wichtig, diese Entwicklungen im Zusammenhang zu betrachten. Viele Menschen stellen – so wie Königin Elisabeth II im November 2008 – immer noch die Frage: «Warum hat niemand das kommen sehen?» In der Tat warnten etliche Marktbeobachter, dass die Hauspreise in den USA unhaltbar stiegen, besonders angesichts der geringen Ersparnisse der amerikanischen Verbraucher.

Leistungsbilanzen im Ungleichgewicht

Als damaliger Chefökonom von Goldman Sachs verfasste ich über einige Jahre drei unterschiedliche Studien, die zeigten, dass sich das amerikanische Leistungsbilanzdefizit nicht aufrechterhalten lässt. Unglücklicherweise stiessen diese Erkenntnisse auf taube Ohren.

Irgendwann in 2007 erreichte das US-Leistungsbilanzdefizit 6 bis 7% des BIP (seither ist es auf rund 5% für das ganze Jahr revidiert worden). Dieser hohe Wert spiegelt den Umstand, dass sich die amerikanische Handelsbilanz seit den 1990er Jahren stetig verschlechtert. Weil das keine offensichtlichen schädlichen Folgen hatte, setzte Nachlässigkeit ein, und die USA fuhren fort, mehr auszugeben als zu sparen.

Dagegen hat China in den 1990er Jahren dem Rest der Welt Waren mit geringem Mehrwert verkauft, besonders den amerikanischen Konsumenten. 2007 erreichte Chinas Leistungsbilanzüberschuss rund 10% des BIP – spiegelbildlich zur amerikanischen Quote. Während die USA zu wenig sparten, sparte China zu viel.

Problem Deutschland

Manche Beobachter hielten dieses Ungleichgewicht für die Ursache der Krise. In den Jahren vor dem Crash argumentierten sie, das globale Finanzsystem erfülle bloss seinen Zweck, indem es zunehmend gerissene Wege finde, die Überschüsse anzulegen. Heute wissen wir natürlich, dass es diese Aufgabe ziemlich schlecht machte.

In der zurückliegenden Dekade hat sich vieles verändert. 2017 wird China einen Leistungsbilanzüberschuss von 1,5 bis 2% aufweisen und das Defizit der USA wird rund 2%, möglicherweise auch gegen 3% des BIP erreichen. Das ist eine grosse Verbesserung für die beiden bedeutendsten Volkswirtschaften.

Andere Länder jedoch haben im vergangenen Jahrzehnt immer grössere Leistungsbilanzungleichgewichte aufgebaut. Zuvorderst unter ihnen rangiert Deutschland, dessen Überschuss nun 8% des BIP übersteigt. Deutschlands Leistungsbilanz lässt darauf schliessen, dass es tiefliegende Ungleichgewichte gibt, die zu einer neuen Krise führen könnten, wenn die Politiken nicht gut aufeinander abgestimmt werden. Das Letzte, das Europa braucht, ist eine abrupte Umkehr, wie sie auf dem Höhepunkt der griechischen Schuldenkrise zu beobachten war.

Chinas Aufstieg

Das Vereinigte Königreich wiederum wird dieses Jahr ein Leistungsbilanzdefizit von über 3% verbuchen, fast dreimal mehr als vor zehn Jahren. Das heisst jedoch nicht, dass sich die britische Handelsbilanz erheblich verschlechtert hat, sondern es spiegelt eher die Tatsache, dass das Vereinigte Königreich ein grosses Finanzzentrum ist und dass die Erträge aus Investitionen sich dort mehr verschoben haben als in anderen Ländern.

Insgesamt ist die Weltwirtschaft heute viel gesünder als vor zehn Jahren. Viele sind zwar enttäuscht, dass das reale BIP-Wachstum seit der Krise unter den Vergleichswerten im Jahrzehnt zuvor liegt, doch seit 2009, dem schlimmsten Jahr der Rezession, ist die Weltwirtschaft im Durchschnitt 3,3% gewachsen, genauso wie in den 1980er und 1990er Jahren.

Natürlich ist das grossteils China geschuldet, das einzige der BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien, China), das meine Wachstumserwartungen für die Dekade erreicht hat, wobei Indien nicht weit zurückliegt. Das Volumen von Chinas Wirtschaft hat sich seit 2007 nominal mehr als verdreifacht; das BIP ist von 3,5 Bio. $ auf rund 12 Bio. $ gestiegen. Als Folge davon beträgt die addierte Grösse der BRIC-Volkswirtschaften 18 Bio. $; das ist mehr als diejenige der EU und fast so viel wie diejenige der USA.

Fatales Quartalsdenken

Weil eine weitere Finanzmarktblase unvermeidlich ist, lohnt es sich zu fragen, wo sie platzen könnte. Nach meiner Ansicht ist es unwahrscheinlich, dass sie direkt aus dem nun so stark regulierten Bankensektor hinaus entsteht. Die grössere Sorge ist die, dass sich viele führende Unternehmen über verschiedene Branchen hinweg stetig übertrieben auf Quartalsgewinne konzentrieren, denn diese bestimmen die Gehälter der Manager.

Die Politiker sollten in diesem Zusammenhang ein strenges Auge auf die Rolle der Aktienrückkäufe halten. Der britischen Premierministerin Theresa May muss zugutegehalten werden, dass im jüngsten Wahlprogramm ihrer Konservativen Partei steht, ihre Regierung werde dies tun. Es ist zu hoffen, dass sie sich daran hält. Das könnte ein symbolischer Schlag gegen das untergründige Malaise im Wirtschaftsleben nach der Krisenphase sein. Der Westen braucht reale Investitionen, Produktivität und Lohnwachstum – nicht noch mehr wirtschaftlich nicht zu rechtfertigende Profite.

Copyright: Project Syndicate.