Zum Thema: Ausnahmezustand in Omaha

Das Berkshire-Prinzip

Wie Warren Buffett so phänomenal viel Geld verdient.

Christoph Gisiger, Omaha

Warren Buffett scheint die Gesetze des Markts ausser Kraft zu setzen. Seit der «Weise von Nebraska» vor fünfzig Jahren Berkshire Hathaway (BRK.A 418'101.00 -0.07%) übernommen hat, ist die einst kriselnde Textilfirma zu einem der weltgrössten Konzerne mit 360 Mrd. $ Börsenwert avanciert. Der Aktienkurs hat sich durchschnittlich 21,6% pro Jahr verbessert und den US-Leitindex S&P 500 weit überflügelt. Wer 1965 einen Dollar in Berkshire investierte, hat damit bis heute über 18 000 $ verdient. Gemäss dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» ist Buffett mit fast 73 Mrd. $ der drittreichste Mensch auf dem Planeten. Doch wie hat der umgängliche Greis, der äusserlich eher an einen pensionierten Chefverkäufer eines Haushaltwarengeschäfts als an einen Multimilliardär erinnert, in einem halben Jahrhundert so phänomenal viel Geld angehäuft?

Reich zu werden war für Buffett schon ein Kindheitstraum. Der Sohn eines Aktienbrokers aus Omaha legte früh eine emsige Geschäftstätigkeit an den Tag und kaufte im Alter von elf mit Cities Service sein erstes Dividendenpapier. Als Student war er der beste Schüler des berühmten Value-Investors Benjamin Graham, nach dessen Anlagephilosophie er 1956 unter dem Namen Buffett Associates eine eigene Firma gründete. Stets auf der Suche nach unterbewerteten Gesellschaften wurde er Anfang der Sechzigerjahre auf Berkshire Hathaway aufmerksam. Der Textilfabrikant aus Neuengland kämpfte zwar ums Überleben und musste ein Werk nach dem anderen verkaufen. Aus dem Erlös erwarb er jedoch eigene Titel zurück, worin Buffett die Chance auf einen schnellen Profit witterte. «Diese Aktie zu kaufen war wie einen Zigarrenstummel vom Boden aufzuheben: Obschon er schwammig und abstossend ist, gibt er gratis noch einen letzten Zug her», schreibt Buffett im diesjährigen Brief an die Aktionäre.

Qualitativ hochstehende Unternehmen

Anstatt den Stummel nach dem letzten, gewinnbringenden Zug auszudrücken, wollte sich Buffett aber nicht von seiner Beteiligung trennen. Er fühlte sich vom Geschäftsleiter übervorteilt und baute seine Position stetig aus, bis er im Mai 1965 formell die Kontrolle übernahm. Berkshire hielt zwar noch zwanzig Jahre am Textilbereich fest, der Fokus des Unternehmens veränderte sich jedoch grundlegend. Anfang 1967 übernahm es den in Omaha ansässigen Versicherer National Indemnity, was das Fundament für einen beispiellosen Expansionskurs legte. «Das Assekuranzgeschäft war meine Stärke. Ich verstand und mochte die Branche», blickt Buffett zurück. Reizvoll fand er am Sektor vor allem das, was er den «Float» nennt: den kontinuierlichen Strom an Prämiengeldern, den er für weitere Investitionen nutzen konnte. Bis heute ist die Versicherungssparte das Kronjuwel in Buffetts Kollektion von über achtzig Unternehmen.

Im Alleingang hätte er sein Riesenimperium aber wohl kaum aufgebaut. Einen wesentlichen Anteil am Erfolg hat der Anwalt Charles Munger, der Buffett den Impuls zu einem entscheidenden Strategiewechsel gab. «In den frühen Buffett-Jahren stand Berkshire vor einer grossen Aufgabe – aus einem kleinen Sammelsurium an Beteiligungen einen grossen und nützlichen Konzern zu formen», entsinnt sich Munger, der bis heute als Vizepräsident amtet und Buffetts bester Freund ist.

Anstatt nach kurzfristigen Schnäppchen zu suchen, setzte Berkshire fortan auf qualitativ hochstehende Unternehmen und war bereit, einen entsprechenden Preis dafür zu zahlen. Paradebeispiel ist See’s Candies. 1972 für 25 Mio. $ gekauft, erwies sich der Praliné-Hersteller als hochprofitables Investment und hat Berkshire seither fast 2 Mrd. $ Vorsteuergewinn eingebracht – Geld, das Buffett zum Kauf weiterer Unternehmen und zum Aufbau von Beteiligungen an Weltkonzernen wie Coca-Cola (KO 53.89 -0.28%), American Express (AXP 175.72 +1.36%) und Wells Fargo verwenden konnte.

Eine kerngesunde Bilanz

Voraussetzung für diese Strategie ist eine kerngesunde Bilanz. Berkshire hält stets mindestens 20 Mrd. $ Cash, um im richtigen Moment mit voller Kraft zuschlagen zu können. Zuletzt war das in der Finanzkrise der Fall. «Wir waren praktisch die Einzigen, die das System unterstützen konnten», meinte Buffett an der Generalversammlung. Insgesamt investierte er im Herbst 2008 fast 16 Mrd. $ in andere Unternehmen und half Schwergewichten wie General Electric (GE 103.80 +0.89%), Goldman Sachs (GS 390.85 -0.26%), Dow Chemical, Swiss Re (SREN 80.30 -0.15%) sowie später Bank of America (BAC 42.14 +1.08%) zu überleben.

Inzwischen ist Berkshire so gross, dass es zusehends schwieriger wird, das Wachstumstempo zu halten. Das mag ein Grund sein, weshalb Buffett vermehrt mit dem brasilianischen Private-Equity-Tycoon Jorge Paulo Lemann und dessen Firma 3G Capital zusammenspannt. Gemeinsam haben sie Milliardentransaktionen wie die Übernahmen von Heinz und Kraft Foods eingefädelt. Noch wichtiger ist jedoch, wie es mit Berkshire weitergeht, wenn Buffett und Munger das Spielfeld verlassen. Obwohl die Nachfolge intern geregelt wird, lässt sich sein einzigartiger Instinkt für hochprofitable Investments nicht ersetzen.

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