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Das Ende der Geldschwemme

Aus ist der Traum von den Ressourcen aus dem Nichts, die durch ewige Schulden aktiviert werden können. Das süsse Leben aus den Druckerpressen des Eurosystems ist vorbei. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Die neuen Zahlen sind so extrem, dass die Position der EZB, die ihren Kopf am liebsten in den Sand stecken möchte, geradezu als Realitätsverweigerung interpretiert werden muss.»

Während die Leitung der amerikanischen Notenbank Fed angesichts der wachsenden Inflationszahlen über Tapering nachdenkt, weist die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) eine nachhaltige Inflationsgefahr weit von sich. Die derzeit gemessene Inflation sei ein schnell vorübergehendes Problem, das mit der Überwindung von Lieferengpässen verschwinde; die EZB werde ihre Politik nicht ändern. Das ist ungefähr so, als würde der Kutscher, dem die Pferde durchgehen, sagen, er wolle die Zügel nicht anziehen, weil die Pferde von allein müde würden.

Die Möglichkeit, die Preise temporär laufen zu lassen, ist im Maastrichter Vertrag indes nicht vorgesehen. Die EZB soll vielmehr die Preise unter allen Umständen stabil halten, und im Gegensatz zum Fed hat sie auch keine rechtliche Möglichkeit, das Ziel der Preisstabilität mit anderen Zielen der Geldpolitik abzuwägen.

Die Lieferengpässe haben wesentlich mit den Quarantänemassnahmen der Seehäfen (vor allem, aber nicht nur) in China zu tun. Die einlaufenden Schiffe können ihre Fracht nicht löschen und können deshalb auch nicht mit den Zwischenprodukten bestückt werden, die die europäische Wirtschaft so dringend braucht, um ihre Kunden beliefern zu können. Die Frachtraten für den internationalen Seetransport von Containern haben sich deshalb seit 2019 verachtfacht.

Teure Lieferengpässe

Die Engpässe resultieren aber auch aus den hausgemachten Lockdowns der europäischen Staaten während des vergangenen Winters und Frühjahrs, die dazu geführt haben, dass selbst heimisches Bauholz und andere in Europa hergestellte Baumaterialien knapp wurden.

In der Summe führten die Lieferprobleme dazu, dass nach einer Umfrage des Ifo-Instituts unter den deutschen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes diesen Herbst 70% antworteten, sie hätten Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Vorprodukten. Der in den vergangenen dreissig Jahren höchste Wert in dieser Umfrage hatte zuvor bei 20% gelegen.

Nach Schätzung des Ifo-Instituts verliert Deutschland 2021 durch diese Engpässe etwa 40 Mrd. € an Wertschöpfung. Das sind 1,15% seines BIP.

Stagflation

Die Engpässe stehen in scharfem Kontrast zu den gewaltigen Konjunktur- und Rettungsprogrammen, die die Staaten der Eurozone in der Covid-Krise durchführten. So beschloss die deutsche Regierung haushaltswirksame Rettungsprogramme, die, wenn man sie auf zwei Jahre verteilt, jeweils etwa 10% des deutschen BIP ausmachen, und die EU setzte noch Programme auf, die nach einer ähnlichen Rechnung 4,5% des BIP der EU ausmachen. Diese Programme wurden im Wesentlichen durch neue staatliche Schulden finanziert, die selbst umgehend zu niedrigsten Zinsen von der EZB monetisiert wurden. Noch nie hat Europa Konjunkturprogramme in einer auch nur halbwegs ähnlichen Grössenordnung erlebt.

Was die europäische Autoindustrie betrifft, hat die Politik Vollgas gegeben, während die Handbremse angezogen war. Die Überhitzung der Wirtschaft war die Folge. Die besondere Form dieser Überhitzung nennen die Ökonomen Stagflation.

Die Inflationsraten sind heute nicht nur in den USA mit 6,2% sehr hoch, sondern auch in der EU. So sind die Konsumentenpreise der Eurozone im Oktober 2021 gemessen am Oktober des Vorjahres 4,1% gestiegen und diejenigen Deutschlands, der grössten Volkswirtschaft des Kontinents, 4,5%.

Preisanstieg überall

Als wäre das nicht genug des Schreckens, hat das Statistische Bundesamt gerade mitgeteilt, dass die gewerblichen Erzeugerpreise im Oktober gemessen am Vorjahresmonat 18,4% gestiegen sind. Das ist der höchste Wert seit 1951, kurz nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Selbst die Spitze der monatlichen Preissteigerung während der Ölkrisen der Siebzigerjahre wirkt mit 14,6%  im Juni 1974 vergleichsweise bescheiden. Im Gegensatz zu den Konsumgüterpreisen, die allein die Endproduktpreise messen, erfassen die gewerblichen Erzeugerpreise sämtliche Zwischenstufen der Produktion unterhalb der Endstufe und haben deshalb eine gewisse prognostische Bedeutung für das, was bei den Endproduktpreisen jetzt noch ansteht, auch wenn Letztere die extremen Ausschläge nicht mitmachen werden. Die gewerblichen Erzeugerpreise werden auch nicht durch Mehrwertsteueränderungen beeinflusst, wie Deutschland sie vorgenommen hat.

Die neuen Zahlen sind so extrem, dass die Position der EZB, die ihren Kopf am liebsten in den Sand stecken möchte, geradezu als Realitätsverweigerung interpretiert werden muss. Deutschland erlebt heute die stärkste Inflation in einem Menschenalter.

In anderen EU-Ländern ist die Lage kaum besser. Im September verzeichnete Frankreich für gewerbliche Erzeugerpreise im Jahresvergleich einen Preisanstieg von 11,6%, Italien von 14,6%, Finnland von 18,1%, die Niederlande von 21,4% und Spanien von 23,6%.

Wie in den Siebzigerjahren

Leider sieht es nicht aus, als handle es sich um ein vorübergehendes Phänomen, denn auch wenn die Lieferengpässe im nächsten Sommer überwunden werden, dürften die Gewerkschaften die Lohnforderungen des nächsten Jahres um die Inflation dieses Jahres erhöhen. Das setzt eine Lohn-Preis-Spirale in Gang, die sich mehrere Jahre drehen kann. Auch wird es zu Vorziehkäufen bei langlebigen Konsumgütern kommen, was die Inflation weiter anheizt.

Wenn dann die erste Welle der Inflation vielleicht 2023 abebbt, ziehen am Horizont schon weitere Gefahren auf. Sofern die EZB nicht bereit ist, der Zinspolitik des Fed zu folgen, wird der Euro sich abwerten, was die Importpreise steigen lässt. Der Renteneintritt der Babyboomer bedeutet, dass es viele neue Empfänger gibt, die selbst nicht mehr bei der Produktion mithelfen und deshalb die Inflation schüren. Der Totalausstieg aus sämtlichen fossilen Brennstoffen sowie auch die Stilllegung der Kernkraftwerke in Deutschland werden ein Übriges tun, die Inflation von der Kostenseite her anzutreiben. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, für den Rest des Jahrzehnts und darüber hinaus eine Rückkehr der Eurozone in ein hartnäckiges Inflationsregime zu erwarten, wie es in den Siebzigerjahren herrschte.

Angesichts dieser Verhältnisse muss den Staaten der EU und der EZB jetzt ein eindeutiges Haltesignal für weitere mit der Druckerpresse finanzierte Verschuldungsorgien gesetzt werden. Alle Ressourcen, die die heutigen Politiker für ihre Belange nun aus der Wirtschaft abzweigen wollen, bekommen sie nur, indem sie andere Verwendungen eins zu eins zurückdrängen. Wenn die Zurückdrängung über Kürzungen im Staatsbudget oder den Zins nicht mehr funktioniert, weil die EZB nicht mitmacht, greift stattdessen der direkte Crowding-out-Mechanismus über die Güterpreise. Aus ist der Traum von den Ressourcen aus dem Nichts, die durch ewige Schulden aktiviert werden können. Das süsse Leben aus den Druckerpressen des Eurosystems ist ein für alle Mal zu Ende.

Copyright: Project Syndicate.