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Das Fed macht keine Kompromisse

Die US-Notenbank startet den Bilanzabbau wie erwartet Anfang Oktober in sachtem Tempo. Einen überraschend scharfen Ton schlägt sie jedoch zu weiteren Zinserhöhungen an.

Christoph Gisiger, New York

Das Federal Reserve hat an der Sitzung vom Mittwoch wie erwartet beschlossen, mit dem Abbau seiner riesigen Bilanz im Oktober zu beginnen. Die US-Notenbank startet damit einen Prozess, dessen Auswirkungen schwierig abschätzbar sind. Umso überraschender kommt deshalb, dass sie gleichzeitig die Zinsen in zügigem Tempo weiter straffen will.

«Wir erwarten nach wie vor, dass die anhaltend robuste Entwicklung der Wirtschaft graduelle Erhöhungen des Leitzinses erfordern wird. Das, damit der Arbeitsmarkt gesund bleibt und die Inflation sich bei unserem Ziel von rund 2% stabilisiert», sagte Fed-Chefin Janet Yellen an der Pressekonferenz.

Zinstauben sind in der Minderheit

Die US-Notenbank hat das Zielband für die Federal Funds Rate nach ihrem zweitägigen Treffen zwar unverändert auf 1 bis 1,25% belassen. Bereits Ende Jahr will sie den Leitzins jedoch weiter auf 1,25 bis 1,5% erhöhen. Für einen solchen Schritt sprechen sich zwölf der sechzehn Mitglieder im Fed-Vorsitz aus.

«Der Grundton aus dem Fed ist damit etwas schärfer, als es die Finanzmärkte angenommen hatten», bemerkt Marc Chandler, Chefstratege der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co. Entsprechend deutlich ist die Reaktion an der Terminbörse CME. Haben Investoren einem Zinsschritt bis Ende Jahr bislang nur eine Chance von knapp 50% zugemessen, sind es jetzt über 70%.

Auch was den weiteren Pfad zur Zinsentwicklung betrifft, zeigen die Währungshüter wenig Kompromissbereitschaft. Für kommendes Jahr prognostizieren sie wie bisher drei weitere Straffungen. Nur für 2019 gehen sie neu von zwei anstelle von drei Schritten aus, wobei der dritte 2020 folgen soll.

Das Grossmanöver beginnt

Bis dahin kann noch viel passieren. Fraglos ist aber, dass nächsten Monat eine neue Ära in der Geldpolitik beginnt. Nachdem Zentralbanken ihre Bilanzen auf ein historisch hohes Niveau aufgebläht haben, setzt das Federal Reserve als erstes Institut den Gegentrend in Gang und lanciert den Abbau seines rund 4200 Mrd. $ grossen Wertschriftenportfolios.

«Dieses Programm wird unsere Reinvestitionen aus dem Erlös von auslaufenden Staatsanleihen und verbrieften Hypotheken graduell reduzieren», sagte Yellen dazu. Das Fed werde dabei mit viel Umsicht vorgehen, wodurch «übergrosse Bewegungen bei den Zinsen und andere potenzielle Spannungen an den Finanzmärkten» verhindert werden sollen.

Optimistische Konjunkturprognose

Mut zu diesem heiklen Unterfangen gibt Yellen die Konjunkturlage. «Wir erwarten, dass die Wirtschaft in den nächsten Jahren weiterhin in massvollem Tempo expandiert», erklärte die 71-jährige Ökonomin. Die Hurrikane «Harvey», «Irma» und «Maria» dürften die Konjunktur im dritten Quartal zwar belasten. «Wenn sich die Aktivität neu belebt und der Wiederaufbau im Gang ist, wird das Wachstum aber wohl erstarken», gab sie sich zuversichtlich.

An der Konjunkturprognose hat sich denn auch kaum etwas verändert. Die US-Notenbank rechnet damit, dass die Arbeitslosenquote bis Ende Jahr von 4,4 auf 4,3% abnimmt und per Ende 2018 auf 4,1% sinkt. Die Wirtschaftsleistung soll dieses Jahr um 2,4% zunehmen und nächstes Jahr um 2,1%. Die Schätzungen zur Kerninflation betragen 1,5% für 2017 sowie 1,9% für 2018.

An Wallstreet lösten die Nachrichten aus dem Federal Reserve zunächst etwas Verunsicherung aus. An den New Yorker Börsen knickte der Leitindex S&P 500 unmittelbar nach dem Zinsentscheid ein, fing sich dann aber und ging 0,1% fester auf 2508 aus dem Handel. Das Blue-Chip-Barometer Dow Jones Industrial machte 0,2% auf 22’412 gut, der technologielastige Nasdaq Composite büsste 0,1% auf 6456 ein.

Dollar verspürt Auftrieb

Zu mehr Bewegung kam es an den Bond- und den Devisenmärkten. Die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen avancierte 4 Basispunkte auf 2,28%. Auch der Dollar zog im Vergleich zu den wichtigsten Währungen an. Der Goldpreis gab 0,5% nach auf 1303.90 $ je Unze.

Die Details zum Bilanzprogramm hatte die US-Notenbank bereits an der Sitzung von Mitte Juni publiziert. Liefen die Wertschriften in ihrem Portfolio aus, hat sie die Einnahmen daraus bislang in neue Papiere reinvestiert.

Ab Oktober wird sie nun zunächst 6 Mrd. $ pro Monat weniger in den Kauf von Staatsanleihen reinvestieren. Im Fall verbriefter Hypotheken sind es 4 Mrd. $ weniger. Diese Beträge werden dann alle drei Monate erhöht, bis eine monatliche Obergrenze von 30 Mrd. $ bei Staatsanleihen und von 20 Mrd. $ bei Hypotheken erreicht ist.

Den Beschluss, mit dem Rückbau der Bilanz zu beginnen, hat der Fed-Vorsitz einstimmig gefällt. Die nächste Sitzung der amerikanischen Währungshüter findet vom 31. Oktober bis 1. November statt. Seit der Finanzkrise haben sie die Zinsen insgesamt vier Mal erhöht, das letzte Mal vor drei Monaten.

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