Märkte / Makro

Das Fed hält die Märkte «high»

Die US-Notenbank lässt das Stimulusprogramm QE3 unverändert. Das überrascht und sorgt an Wallstreet für Rekordlaune. Auch der Goldpreis und die asiatischen Börsen verbuchen kräftige Gewinne.

Christoph Gisiger, New York

Die amerikanische Wirtschaft ist nicht fit genug, um mit weniger Stimulanz auszukommen. Dieses Fazit zieht das Federal Reserve nach seiner letzten Sitzung vom Mittwoch. Anders als von den meisten Auguren erwartet halten die US-Währungshüter unverändert am Stimulusprogramm QE3 fest, mit dem sie jeden Monat für 85 Mrd. $ US-Staatsanleihen und verbriefte Hypothekarkredite kaufen.

Der geldpolitische Steuerungsausschuss habe «sich dazu entschieden, mehr Belege für einen nachhaltigen Fortschritt abzuwarten, bevor das Tempo der Wertschriftenkäufe angepasst wird», heisst es im Communiqué.

Fed-Chef Ben Bernanke traut vor allem der Entwicklung am Arbeitsmarkt nicht. Seit er QE3 im vergangenen September gestartet hat, ist die Arbeitslosenquote zwar von 7,8 auf 7,3% gesunken. Weniger zuversichtlich stimmen hingegen andere Indikatoren wie zum Beispiel die geringe Partizipationsrate oder der hohe Anteil an temporär Angestellten. Auch hat die US-Wirtschaft gemäss den letzten zwei Arbeitsmarktberichten für Juli und August insgesamt weniger Stellen geschaffen als von Ökonomen erhofft. «Der Jobmarkt ist noch immer weit weg von dem, was wir alle gerne sehen würden», sagte Bernanke während der Presskonferenz.

S&P 500 und Dow Jones auf Rekordhoch

An Wallstreet sorgt das abwartende Verhalten für Kauflaune. Die Aktienmärkte zogen unmittelbar nach dem Entscheid des Federal Reserve an, wobei der Dow Jones auf ein Rekordhoch kletterte. Der S&P 500 rückte 1,2% vor und schloss mit 1725,52 ebenfalls auf einer neuen Bestmarke. Am Bondmarkt gab die Rendite auf zehnjährige Treasuries 14 Basispunkte auf 2,71% nach, und der Dollar tendierte schwächer.

Auffällige Bewegungen zeigten sich im Goldmarkt. Der Goldpreis zog bereits wenige Minuten vor der Veröffentlichung des Fed-Beschlusses deutlich an, was Fragen nach einer undichten Stelle in der Kommunikation aufwirft. Am Donnerstagmorgen handelte Gold zu 1366 $ je Feinunze, gut 5% höher als am Vortag. Am Mittwoch war der Goldpreis kurzzeitig unter 1300 $ gefallen.

Die Finanzmärkte in Asien nahmen die Vorgaben aus New York freudig auf: Der MSCI Asia Pacific Index avancierte 1,9% auf den höchsten Stand seit Mai. Der Nikkei in Tokio gewann 1,2%, während in Australien Rohstoffwerte wie BHP Billiton (BHP 40.50 -1.29%) (+1,8%), Rio Tinto (RIOl 49.89 +1.55%) (+3,1%) und Newcrest Mining (+7,5%) kräftige Gewinne verbuchten.

Das Federal Reserve hatte die Finanzmärkte über Monate auf eine leichte Reduktion von QE3 vorbereitet. Paradoxerweise hängt damit auch zusammen, dass die Währungshüter jetzt kalte Füsse bekommen haben. Seit das Fed Ende Mai erstmals eine Adjustierung von QE3 öffentlich in Erwägung gezogen hat, ist die Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen um über einen Prozentpunkt hochgeschnellt und hatte vergangene Woche sogar kurz 3% gestreift. Auch die Zinsen auf eine dreissigjährige Standardhypothek sind von 3,35 auf 4,57% gestiegen. «Wir wollen zunächst sehen, wie sich die höheren Zinsen auf die Wirtschaft und speziell auf den Häusermarkt auswirken», sagte Bernanke.

Gedämpfter Konjunkturausblick

Wann das Federal Reserve erstmals etwas vom Gas gehen wird, soll weiterhin vom Wirtschaftsverlauf abhängen. Seit den letzten Angaben von Mitte Juni haben die Währungshüter den Konjunkturausblick leicht gedämpft. Für dieses Jahr rechnen sie neu mit 2 bis 2,3% Wachstum und für 2014 mit 2,9 bis 3,1%. Praktisch unverändert gehen sie davon aus, dass die Arbeitslosenquote bis Ende dieses Jahres auf 7,1 bis 7,3% sinken und bis Ende 2014 weiter auf 6,4 bis 6,8% fallen wird. Die meisten Mitglieder des Fed-Kontrollausschusses prognostizieren zudem, dass die Leitzinsen frühestens 2015 oder später erstmals angehoben werden. Seit Ende 2008 hält die US-Notenbank die sogenannte Federal Funds Rate auf nahezu null.

Mit ihrem Zaudern verhält sich die US-Notenbank – einmal mehr – milder, als es Investoren erwartet haben. «Wir können unsere Geldpolitik nicht von den Markterwartungen diktieren lassen», meinte Bernanke dazu. An der letzten Pressekonferenz von Mitte Juni hatte er ein Szenario vorgestellt, gemäss dem QE3 später in diesem Jahr zurückgefahren und bis Mitte 2014 vollständig beendet werden soll. Ob er an diesem Zeitplan weiterhin festhält, wollte der Fed-Chef an der Pressekonferenz nicht sagen. Auch nimmt er nach wie vor keine Stellung zu seinen persönlichen Plänen. Das, obschon ein Entscheid zu seiner Nachfolge in Bälde aus dem Weissen Haus erwartet wird.

Spekulation geht weiter

Die Finanzmärkte haben zwar freundlich auf die Nachrichten der US-Notenbank reagiert. Dennoch bleibt ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Selbst fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise ist die amerikanische Wirtschaft nach Einschätzung des Federal Reserve noch immer zu schwach, um die Dosis der permanenten Geldspritzen auch nur geringfügig zu senken. An Wallstreet werden die Spekulationen um QE3 in den kommenden Wochen weitergehen. Das heisst, bis zur nächsten Fed-Sitzung vom 29. und 30. Oktober wird sich abermals grosse Spannung aufbauen.