Meinungen

Das Fed ist verloren

Die amerikanische Zentralbank fährt auf Sicht. Wohin die Reise geht, weiss sie aber nicht. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Martin Lüscher.

«Die Normalisierung der Geldpolitik wurde abgesagt.»

Jerome Powell hat es nicht leicht. Trotz der Lockerung des Leitzinses um 25 Basispunkte ist kaum jemand zufrieden. Allen voran US-Präsident Donald Trump. Er prügelt verbal auf den Fed-Chef ein, fordert weitere Zinssenkungen und droht mit Degradierung sowie Entlassung.

Gleichzeitig üben die Investoren Druck aus. Alles andere als eine Lockerung hätte an den Aktienmärkten einen Absturz ausgelöst. Das bestätigte die Medienkonferenz nach der Sitzung des Offenmarktausschusses. Die Aktienmärkte rauschten nach unten, als Powell keine weitere Senkungen in Aussicht stellte und fanden erst einen Boden als er erklärte, dass es derzeit keinen Grund für einen «langen Senkungszyklus» gebe. Zufrieden sind sie damit aber nicht. Sie fordern weitere Senkungen.

Unter Druck ist Powell auch von den Zentralbanken auf der anderen Seite des Atlantiks und des Pazifiks. Die Europäische Zentralbank hat vor einer Woche die Senkung des Einlagensatzes in Aussicht gestellt. Derzeit beträgt er negative 0,4%. Einen Strafzins zahlen auch die Banken, die ihre Reserven bei der Bank of Japan parkieren.

Eine zu grosse Zinsdifferenz können sich die USA nicht leisten. Denn das stärkt den Dollar und bremst die heimische Wirtschaft. Eine Belastung für die US-Konjunktur ist auch die erratische Handelspolitik des Weissen Hauses. Unternehmen legen Investitionspläne auf Eis, weil sie nicht wissen, welches Land als nächstes in einen Handelsdisput gezogen wird.

Gleichzeitig ändert das Fed ihre Art und Weise, wie sie die Geldpolitik begründet. Predigte das Fed in der ersten Jahreshälfte, dass der Zinspfad von wirtschaftlichen Daten abhänge, sind es nun die Risiken, die bestimmen. Konsistenz sieht anders aus. Diese fehlt auch bei der Beurteilung der Inflation. Im Mai war die niedrige Rate noch vorübergehend, jetzt ist sie ein Grund für die Zinssenkung.

Damit ist klar. Die Normalisierung der Geldpolitik wurde abgesagt. Ein Blick auf die Bilanz des Fed bestätigt das. Powell sitzt auf Wertpapieren in der Höhe von 3800 Mrd. $. Und weil das Fed keine hypothekengesicherte Wertpapiere in den Büchern will, wird sie über die nächsten sechs Jahre US-Trasuries in der Höhe von 1500 Mrd. $ kaufen.

Es ist besorgniserregend, dass eine Wirtschaft mit einer rekordniedrigen Arbeitslosenquote von 3,7% und einer soliden Wachstumsrate von 2,1% eine Lockerung benötigt. Was macht das Fed bloss, wenn sich eine Rezession abzeichnet? Vermutlich ist dann nicht nur das Fed verloren.

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