Märkte / Makro

Lässt das Fed die Börsen im Stich?

Die US-Notenbank stellt für das kommende Jahr eine Zinserhöhung weniger in Aussicht. Investoren genügt dieser Kompromiss jedoch nicht. Die Aktienmärkte rutschen auf ein neues Tief ab.

Christoph Gisiger, Los Angeles

Das Federal Reserve schlägt mildere Töne an. Nach einer zweitägigen Sitzung hat die amerikanische Notenbank den Zinsausblick am Mittwoch leicht gesenkt. Neu stellt sie für das kommende Jahr zwei statt drei Straffungen in Aussicht.

Den Finanzmärkten ist das allerdings nicht gut genug. Wegen der schweren Turbulenzen an den Börsen hatten sich Investoren vom Fed mehr Rücksicht erhofft. Entsprechend harsch fällt die Reaktion aus. Der US-Leitindex S&P 500 (SP500 2917.38 -0.95%) büsste im Anschluss an die Fed-Sitzung deutlich an Terrain ein und schloss 1,5% schwächer auf 2506,96. Das ist das tiefste Niveau seit September 2017.

Warnsignale leuchten auf

«Es haben sich gewisse Gegenströme gebildet», sagte Fed-Chef Jerome Powell gleich zu Beginn der Pressekonferenz. «Trotz den konjunkturell robusten Rahmenbedingungen und unserer Erwartung für gesundes Wachstum haben wir Entwicklungen gesehen, die eine mögliche Abschwächung signalisieren könnten.»

Mit vorsichtigen Worten beschrieb Powell auch die Konjunkturprognose für 2019. Amerika werde für das auslaufende Jahr zwar das kräftigste Wachstum seit dem Ende der Rezession ausweisen. «Uns ist aber bewusst, dass die Wirtschaft im nächsten Jahr möglicherweise nicht so wohlwollend zu unserer Prognose ist wie in diesem Jahr», räumte er ein.

Die Notenbank erwartet, dass die US-Wirtschaftsleistung 2019 um 2,3% expandieren wird. Im Herbst hatte sie mit 2,5% gerechnet. Auch die Prognose zur Kerninflation ist leicht gesunken, von 2,1 auf 2%. Unverändert bleibt die Einschätzung zum Jobmarkt. Dort erwartet das Fed, dass die Arbeitslosenquote von aktuell 3,7% bis Ende 2019 auf 3,5% sinkt.

Das Problem mit dem «Dot Plot»

Am wichtigsten ist die Zinsprognose, in der Sprache der Notenbanker auch «Dot Plot» genannt. Demnach erwarten die Währungshüter im Mittel, dass sich der US-Leitzins Ende nächstes Jahr neu auf 2,875% statt 3,125% bewegen wird. Daraus lassen sich zwei Straffungen zu je einem Viertelprozentpunkt ableiten. Davon weichen die Markterwartungen aber weiterhin deutlich ab. Gemäss Zinskontrakten an der Terminbörse CME messen Investoren einer weiteren Zinserhöhung im nächsten Jahr derzeit weniger als 50% Wahrscheinlichkeit zu.

«Dass die US-Notenbank einen Zinsschritt weniger in Aussicht stellt, reicht den Märkten nicht», konstatiert Ian Shepherdson von Pantheon Macroeconomics mit Blick auf die harsche Reaktion an Wallstreet. «Offensichtlich schliesst sich das Fed der Meinung nicht an, dass es zu einer bedeutenden Abschwächung der Wirtschaft kommt.»

Eine Schlüsselrolle für den Kurs der Geldpolitik spielt die Teuerung. «Die Inflation bewegt sich auf leicht niedrigerem Niveau, als wir erwartet haben», meinte Powell dazu. Das gebe der Notenbank etwas Spielraum, mit weiteren Zinserhöhungen zuzuwarten. Gemessen am PCE-Index der Konsumentenausgaben sank die Kernteuerung zuletzt auf 1,8%.

Keine Überraschung gibt es, was das aktuelle Zinsniveau betrifft. Wie erwartet hat die US-Notenbank das Zielband für die Federal Funds Rate um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 bis 2,5% erhöht. Diesen Entscheid haben die zehn stimmberechtigten Mitglieder im Fed-Gremium einhellig beschlossen. Es ist inzwischen die neunte Straffung, seit der Zinszyklus im Dezember 2015 begonnen hat.

Bilanzabbau wird nicht gebremst

Anders als bei den Zinsen zeigt Powell beim Abbau der Bilanz wenig Kompromissbereitschaft. «Ich erwarte nicht, dass wir daran etwas ändern werden», bekräftigte der Fed-Chef. Die US-Notenbank hat im Oktober 2017 mit dem Verkauf der Wertschriften in ihrem Portfolio begonnen und schrumpft es gegenwärtig bis zu 50 Mrd. $ pro Monat. Inzwischen hat sie die Bilanz dadurch um 400 auf 4100 Mrd. $ gekürzt.

Die strengere Geldpolitik in den USA wird an den Finanzmärkten als einer der Hauptgründe für die Kursverwerfungen erachtet. Der S&P 500 hat seit dem Rekordhoch von Ende September mehr als 13% an Wert verloren. Deutlich zurückgekommen sind auch die Renditen an den Bondmärkten. Zehnjährige US-Staatsanleihen notierten am Mittwoch auf 2,81%, nachdem es Anfang November über 3,2% waren. Der Dollar gewann im Zug des Zinsentscheids Auftrieb.

Zu den schärfsten Kritikern des Fed zählt US-Präsident Trump. Er hatte das Fed in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, von weiteren Zinsschritten abzusehen. «Politische Überlegungen spielen für uns überhaupt keine Rolle», winkte Powell diesbezüglich ab. «Nichts wird uns davon abbringen, das zu tun, was unserer Auffassung nach richtig ist.»

Die nächste Sitzung der US-Währungshüter findet Ende Januar statt. Neu wird es ab dem kommenden Jahr nach jedem Treffen eine Pressekonferenz geben.

Leser-Kommentare

Hans Scheibler 20.12.2018 - 01:21

“Die US-Notenbank hat im Oktober 2017 mit dem Verkauf der Wertschriften in ihrem Portfolio begonnen und schrumpft es gegenwärtig bis zu 50 Mrd. $ pro Monat.”
Die FED hat seit 2017 keine einzige Wertschrift “verkauft”, sondern sie laesst die bestehenden Bestaende auslaufen und erwirbt keine neuen Emissionen. Das ist ein ziemlicher Unterschied.

Willy Huber 20.12.2018 - 11:22
Es wäre schöner, wenn das US-Fed (wie alle Notenbanken weltweit) von der Börse (und sowieso von den Politikern) unabhängig wäre, wie es eigentlich seit der Gründung der Notenbanken im 20.Jhdt. vorgesehen war. Aber nach dem “Quantitative Easing” des US Fed scheint ja nichts mehr zu gelten, was früher fester Bestandteil der Finanzpolitik vieler vernünftiger Staaten war. Auch in der EU… Weiterlesen »