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Sechs Wochen bis zur Zinserhöhung

Die US-Notenbank bekräftigt ihre Absicht, im Dezember die Zinsen zu erhöhen. Derweil sorgen die Präsidentschaftswahlen für Nervosität. Die US-Börsen verzeichnen die längste Serie an Tagesverlusten seit fünf Jahren.

Christoph Gisiger, New York

Die amerikanische Notenbank fährt die Startrampe für den nächsten Zinsschritt aus. Wie erwartet hat sie nach ihrer Sitzung am Mittwoch keine Veränderung der Geldpolitik vorgenommen. Die Signale, dass sie eine Straffung in sechs Wochen plant, werden jedoch immer deutlicher.

«Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich weiter verbessert. Auch hat das Wirtschaftswachstum angezogen, nachdem es in der ersten Jahreshälfte bescheiden war», hält das Federal Reserve im Statement fest. Zudem habe «die Inflation seit Anfang Jahr etwas zugenommen».

Die US-Notenbank lässt damit durchblicken, dass sie an der nächsten Sitzung vom 14. Dezember bereit zum Handeln ist. «Die Argumente für eine Erhöhung der Federal Funds Rate haben sich verstärkt», bekräftigen die Währungshüter. Dennoch wollten sie diese Woche «vorerst abwarten, bis es noch weitere Anzeichen für Fortschritte gibt».

Jobdaten stehen im Fokus

Dazu werden in erster Linie die Arbeitsmarktdaten vom Freitag zählen. Ökonomen schätzen, dass die amerikanische Wirtschaft im Oktober rund 175’000 Stellen geschaffen hat und die Arbeitslosenquote leicht auf 4,9% gesunken ist.

«Die Anforderungen für eine Zinserhöhung sind gering», meint Marc Chandler, Chef-Devisenstratege bei der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co. «Ein unerwarteter Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen mit einer dramatischen Reaktion an den Märkten könnte die Dynamik aber natürlich ändern.»

Seiner Ansicht nach war der am 8. November anstehende Entscheid im Rennen um das Weisse Haus ein wichtiger Grund, weshalb die Währungshüter diese Woche nochmals zugewartet haben. Nachdem Hillary Clinton deutlich führte, hat sich ihr Vorsprung auf Donald Trump in den Umfragen reduziert.

Wallstreet auf dem Rückzug

An den Börsen in New York lösten die Nachrichten aus dem Fed keine grösseren Reaktionen aus. Der Leitindex S&P 500 bewegte sich am Mittwoch bereits vor dem Zinsentscheid im Minus und schloss 0,7% tiefer auf 2097,94. Er hat inzwischen sechs Handelstage in Folge Terrain verloren, was letztmals 2011 vorgekommen ist.

An den Devisenmärkten tendierte Dollar erneut schwächer. Zum Franken handelte er auf 0.973 $/Fr. Auch die Rendite auf zehnjährige Treasuries hat in den vergangenen Tagen an Auftrieb verloren und notiert auf 1,8%. Im Rohstoffsektor stand der Ölpreis abermals unter Druck, während Gold leichte Avancen verzeichnete.

Gemäss dem Research-Team der Bank Barclays verfolgte das Fed an dieser Sitzung zwei Ziele: «Die Erwartungen eines Zinsschritts im Dezember aufrechtzuerhalten und sich gleichzeitig die Flexibilität einer Verzögerung zu bewahren, falls sich die Dinge nicht wie angenommen entwickeln», schreiben sie in einer Analyse zum Fed-Statement.

Investoren wetten auf Dezember

An der Chicagoer Terminbörse CME messen Investoren einer Zinserhöhung gegen Ende Jahr eine Chance von leicht mehr als 70% zu. Das entspricht ungefähr dem Niveau, auf dem sich die Wahrscheinlichkeit auch vor dem Beschluss der Währungshüter bewegt hat.

Im zehnköpfigen Entscheidungsgremium der US-Notenbank stimmten acht Mitglieder für ein Abwarten. Für eine Straffung sprachen sich Esther George, Präsidentin des Fed-Distrikts Kansas City, und Loretta Mester (Cleveland) aus. Die Seite gewechselt hat Eric Rosengren (Boston), der an der letzten Sitzung ebenfalls für eine Zinserhöhung plädierte.

«Die Anpassungen im Fed-Statement haben Rosengren wahrscheinlich beschwichtigt», denkt Jim O’Sullivan vom Researchdienst High Frequency Economics. «Zudem wollte er wohl die Zinsen nicht eine Woche vor den US-Wahlen erhöhen.»

Das Federal Reserve hat im Dezember 2015 das Zielband für den Leitzins erstmals seit der Finanzkrise leicht auf 0,25 bis 0,5% erhöht. Macht Notenbankchefin Janet Yellen an der nächsten Sitzung wirklich Ernst, wäre damit seit dem ersten Schritt exakt ein Jahr verstrichen.