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Das Finanzjahr in Charts

An den Börsen war es für Investoren 2018 kaum möglich, eine positive Rendite zu erzielen. Auch viele vermeintlich sichere Anlagen verloren an Wert.

Sandro Rosa

Das Finanzjahr, das war – miserabel. Wer den optimistischen Prognosen der Bankstrategen und der Ökonomen zum Jahresauftakt Glauben schenkte und in der Hoffnung auf weitere Kursavancen auf Aktien setzte, ist heuer bitter enttäuscht worden. So notiert das globale Aktienbarometer von MSCI, der All Country Index, fast 12% tiefer als noch vor einem Jahr.

Wie eindrücklich der Wertverlust war, zeigt ein Blick auf die globale Marktkapitalisierung: Gemäss Datenanbieter Bloomberg lag sie zum Jahresanfang bei 81,25 Bio. $ – aktuell sind es noch 69,5 Bio. oder 11,75 Bio. weniger. Der Rückgang entspricht dem Fünfzehnfachen der Marktkapitalisierung des Swiss Market Index (SMI (SMI 9838.13 -0.61%)).

Nur wenige Indizes liegen im Jahresvergleich im Plus – etwa in Brasilien, Russland und Indien. Diese Börsen profitieren aber alle von einer schwachen Währung, was die Renditen in Franken umgerechnet wiederum ins Negative fallen liess.

In Franken kaum ein Markt im Plus

In Franken notierten global nur gerade vier Länderindizes höher (Basis Datastream-Länderindizes): Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien und Katar. Allerdings dürfte kaum ein Schweizer Anleger auf diese Börsen gesetzt haben.

Der wichtigste Schweizer Börsenindex, der SMI, schlug sich etwas besser als die globale Benchmark, büsste aber dennoch 10,2% ein. Dank der Dividenden resultierte eine etwas weniger schlechte Gesamtrendite von –7%.

Gerade einmal drei Unternehmen – der Versicherer Swiss Life (SLHN 481.7 0.15%) (+14,1%), der Pharmakonzern Novartis (NOVN 89.02 -2.07%) (+2%) und der Aroma- und Riechstoffhersteller Givaudan (GIVN 2793 -0.68%) (+1,1%) – vermochten 2018 einen Kurszuwachs zu erzielen.

Berücksichtigt man die Dividenden, schafften es die Versicherer Zurich Insurance (ZURN 340.1 0%) und Swiss Re (SREN 99.08 0.08%) sowie der Pharmagigant Roche (ROG 274.5 -0.65%) ebenfalls ins Plus.

Zwar hatte das Jahr für Anleger durchaus ansprechend begonnen, hat dann aber vor allem im letzten Quartal eine eindrückliche Wende zum Schlechten genommen. Das Gros der Marktteilnehmer dürfte froh sein, das Jahr abhaken zu können.

Stolpersteine Geldpolitik und Handelskrieg

Die Aktienmärkte wurden von zwei Faktoren aufgehalten: der restriktiveren Geldpolitik der US-Notenbank Fed und dem immer wieder auflodernden Handelskrieg zwischen den USA und China.

Das Fed hat 2018 die Leitzinsen weiter angehoben und mit der Umkehr der quantitativen Lockerung begonnen. Die Europäische Zentralbank plant, ihr Anleihenkaufprogramm im neuen Jahr zu beenden. Damit findet die grosszügige Liquiditätsversorgung der vergangen Dekade als Folge der Krisenbewältigung langsam ein Ende.

In diesem schwierigen Umfeld vermochte keiner der elf globalen Aktiensektoren Kursgewinne zu verbuchen. Am besten schlugen sich die beiden defensiven Branchen Versorger und Gesundheit. Inklusive Dividenden schafften sie es knapp ins Plus.

Auf Platz drei folgt der Technologiesektor, der lange gegen jegliche Turbulenzen immun schien, mit einem Kursrückschlag von fast 8%. Die rote Laterne tragen Bankwerte mit einem Taucher von fast 20%. Hart auf den Fersen folgen Grundstofftitel – auch sie haben seit Januar beinahe ein Fünftel an Wert verloren. Unter Einrechnung der Dividenden resultierte ebenfalls ein happiger Verlust.

Generell standen risikoreichere Segmente unter Druck. So haben grosskapitalisierte Unternehmen den Small Caps in dem sich dem Ende zuneigenden Jahr den Rang abgelaufen.

Auch zyklische Aktien – wie sie in den Sektoren Industrie, zyklischer Konsum (dazu gehören etwa Swatch Group (UHR 273.3 0.77%)), Grundstoffe (LafargeHolcim (LHN 47.85 -0.31%)) oder Finanz zu finden sind – fielen klar aus der Anlegergunst.

Waren sie im Jahr davor noch kräftig gesucht, wurden sie 2018 von den weniger konjunktursensitiven, defensiven Branchen wie etwa Gesundheit und Versorger (Alpiq (ALPH 70.1 -0.14%)) seit Ende Januar um fast 17% abgehängt.

Aber nicht nur Aktien, praktisch alle Anlageklassen mussten Wertverluste einstecken. Ob Anleihen, Gold (Gold 1410.47 -0.92%), Aktien oder Bitcoin (Bitcoin 13749.44 17.07%) – kaum ein Anleger wurde nicht vom Sog erfasst.

Zinswende ein weiteres Mal vertagt?

Bei den Zinsen offenbart sich einmal mehr ein Graben zwischen den USA sowie dem Alten Kontinent und Japan. Während die Zinsen 2018 in Kontinentaleuropa und Japan wieder sanken, legten sie in den USA, aber auch im Vereinigten Königreich leicht zu.

Wichtiger – aber auch beunruhigender – für die Anleger ist jedoch die Beobachtung, dass sich die kurz- und die langfristigen Anleihenrenditen zusehends annähern.

Übersteigen die kurzen Zinsen die langen, spricht man von einer inversen Zinskurve. In den USA scheint dies schon bald der Fall zu sein. Die Differenz zwischen den Renditen auf zehn- und zweijährigen US-Staatsanleihen ist in diesem Jahr weiter geschrumpft und nähert sich bedrohlich der Nulllinie.

Weshalb ist dies relevant? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass allen US-Rezessionen seit den Sechzigerjahren eine Zinskurveninversion vorausging. Kein Wunder, sind die Marktteilnehmer besorgt.

Ölpreis bricht ein

Ein brutales Jahr hat der Rohölpreis hinter sich. Noch Anfang Oktober notierte der Preis für ein Fass der Sorte Brent (Brent 66.5 2.13%), die globale Benchmark, über 86 $ – nach einem überaus heftigen Rückgang liegt er aktuell noch knapp über 54 $ oder fast 40% darunter. Für die US-Sorte West Texas Intermediate müssen 46 $ pro Fass bezahlt werden.

Schwächere Konjunkturdaten, eine massive Produktionsausweitung in den USA und viele Ausnahmen bei den Anfang November eingeführten Iransanktionen, die eine allzu abrupte Verknappung beim Ölangebot vermeiden sollten, sorgten für den Preiszerfall.

Bitcoin im Elend

Weniger überraschend für viele Marktbeobachter war das schwache Abschneiden von Bitcoin – zu gross war die Euphorie über die Kryptowährung Ende 2017 geworden.

Was indes überraschte, war der Absturz: Im Jahresvergleich schmolz der Bitcoinpreis von rund 14’000 $ am 1. Januar auf heute gerade noch 3800 $ – ein Minus von 70%. Wer skeptisch war gegenüber Aktien und Sicherheit suchte in der Alternativwährung, verbrannte sich die Finger.

Auch Gold mit Verlust

Trotz der Marktturbulenzen tendierte der Goldpreis bis August nach unten – der starke Dollar und die in den USA steigenden Zinsen wirkten als Gegenwind.

Doch mit dem einsetzenden Abwärtssog an den Börsen vermochte der Goldpreis wieder zuzulegen. Noch notiert er jedoch leicht unter seinem Stand von Januar.

Franken neigt zur Stärke

Dank der gestiegenen Verunsicherung erstarkte der Franken 2018 gegenüber den meisten Währungen. Einzig der Yen, der mexikanische Peso, der US-Dollar sowie der Hongkong-Dollar haben sich relativ zum Franken verteuert. Der Euro hat sich indes von rund 1.17 auf knapp über 1.12 abgeschwächt.

Ebenfalls Stärke zeigte der Dollar. Der Dollarindex, der den Wert des Greenbacks gegenüber einem Korb aus den wichtigsten sechs Handelswährungen abbildet, ist 2018 stärker geworden.

Die Bären melden sich zurück

Spannend ist der Stimmungsumschwung unter Privatanlegern. So illustriert die Umfrage der  amerikanischen Kleinanlegervereinigung AAII (American Association of Individual Investors), dass die Marktteilnehmer zum Jahresauftakt so optimistisch waren wie letztmals Ende 2010.

Fast 60% gaben im Januar an, sie erwarteten für die folgenden zwölf Monate steigende Aktienkurse. Nicht einmal während der Technologieblase wurde ein solch hoher Wert registriert. Nur 16% der Befragten befürchteten rückläufige Börsenkurse (der Rest rechnete mit seitwärts tendierenden Märkten).

Mittlerweile ist jeglicher Überschwang verflogen: Die Bären dominieren gegenüber den Bullen wie schon lange nicht mehr. In der aktuellen AAII-Befragung kommen auf jeden optimistischen Privatanleger beinahe zwei Pessimisten: Nur 25% erwarten für die nächsten sechs Monate einen steigenden US-Leitindex S&P 500, aber 47% sind der Meinung, er werde weiter an Terrain einbüssen. 

Die Differenz zwischen den beiden Lagern ist so gross wie letztmals im Februar 2016, als Sorgen um Chinas Konjunktur die Marktteilnehmer beunruhigten. Das Jahr damals startete schwach, dann aber gab es einen starken Finish. Gute Voraussetzungen für ein erfreulicheres Börsenjahr?

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