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Zum Thema: Die digitale Attacke auf die Finanzindustrie

«Das Finanzwesen hat ein Kommunikationsproblem»

Christina Kehl, Start-up-Gründerin und Initiantin des Netzwerks Swiss Finance Startups, glaubt, dass die Schweiz den Anschluss verpassen könnte, erklärt sie im Interview mit «Finanz und Wirtschaft».

Die Schweizer Fintech-Start-up-Szene ist noch jung. Erst in diesem Jahr haben sich einige der neu gegründeten Unternehmen im Netzwerk Swiss Finance Startups (SFS (SFSN 109.8 -4.1%)) zusammengeschlossen. Initiantin ist die promovierte Juristin Christina Kehl (30),

Mitgründerin und COO des eben erst lancierten digitalen Versicherungsbrokers Knip in Zürich. Im Interview erklärt die Jungunternehmerin, welche Rolle Start-ups derzeit auf dem Schweizer Finanzplatz spielen.

Frau Kehl, wie beurteilen Sie die Anstrengungen der Schweizer Finanzbranche zur Digitalisierung des Geschäftsmodells?
Ich erkenne in der Schweizer Finanzindustrie fast gar keine Anstrengungen, gemeinsam etwas zu bewegen. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, gemeinsame Interessen werden nicht verfolgt. In der Start-up-Szene ist es anders, wir haben uns im Netzwerk Swiss Finance Startups zusammengeschlossen und bieten als Verein ein Plattform für junge, digitale Finanzunternehmen.

Andere Industrien wie die Reisebranche, die Musikindustrie oder auch die Medien sind im Digitalisierungsprozess schon weiter. Wieso sind die Banken und Versicherungen so veränderungsresistent?
Weil sie auch so immer noch genug Geld verdienen. Finanzieller Druck erhöht die Innovationsbereitschaft, und da dieser Druck anscheinend noch nicht ausreichend gegeben ist, verharrt man im Status quo. Die Frage ist nur, wie lange sich die Finanzindustrie diesen Dornröschenschlaf noch erlauben kann. Denn mit der jüngeren, digitalen Zielgruppe hat das Finanzwesen ein riesiges Kommunikationsproblem. Weiter stellt sich die Frage, ob andere Fintech-Standorte wie London, New York oder seit neustem Berlin der Schweiz nicht den Rang ablaufen, den man sich jetzt sichern könnte. Gerade Zürich müsste in der jüngsten Entwicklung der Finanzbranche eine Rolle spielen.

In welchen Bereichen der Wertschöpfungskette einer Bank oder einer Versicherung haben Start-ups die besten Chancen?
Start-ups werden den Banken und Versicherungen in ihrem Kerngeschäft nur schwerlich Konkurrenz machen. Da Start-ups aber schneller, agiler und innovativer sind als Grossunternehmen, können sie sich viel einfacher auf die Bedürfnisse des Kunden einstellen. Als digitale Mittler treten sie zwischen den Kunden und die Bank oder die Versicherung, zum Beispiel in den Bereichen Kommunikation, Vertrieb oder Zahlungsverkehr.

Die Schweizer Fintech-Start-up-Szene ist noch jung. Welche Rolle spielt sie überhaupt schon?
Start-ups animieren die alteingesessene Industrie zum Nachdenken und geben einen Anstoss zum Hinterfragen der verstaubten Abläufe. Viele Start-up-Gründer haben keine klassische Finanzmarktausbildung, was vorteilhaft für eine unvoreingenommene Analyse des Marktes und neue Geschäftsmodelle ist. Wir befinden uns gerade im Aufbruch, jedoch weht den Start-ups auch viel Gegenwind der traditionellen Anbieter entgegen.

Warum sind die etablierten Institute so zurückhaltend?
Die Schweizer Finanzbranche ist bodenständig, und deshalb ist man gegenüber uns jungen Wilden vorsichtig. Allerdings gibt es Unterschiede. Beispielsweise sind wir von Knip ein von der Finma registrierter digitaler Versicherungsbroker, mit dem die Versicherungen arbeiten müssen, weil der Kunde dies wünscht. Unser Vorteil dabei ist, dass die Versicherungsgesellschaften diesen Weg der Zusammenarbeit aus der alten Welt schon kennen. In der Welt des Banking ist es für Start-ups schwieriger, Fuss zu fassen, da die Banken derzeit noch die direkte Beziehung zum Kunden pflegen.

Verstehen Sie die Vorbehalte der Banken in Bezug auf Diskretion und Sicherheit?
Natürlich ist das digitale Bankgeschäft sensibler als beispielsweise das Geschäftsmodell von Zalando (ZAL 38.14 -1.88%), in dem es keine entscheidende Rolle spielt, ob der grüne oder der rote Schuh geliefert wird. In der Finanzbranche gibt es aber genaue Regulierungen und Datenschutzrichtlinien, die für alle gelten. Intelligente Technologien unterstützen die Start-ups bei der Einhaltung der Vorschriften. Wichtig ist vor allem, den Kunden gegenüber offen und ehrlich zu sein, sodass sie selbständig entscheiden können.