Meinungen

Das Glas ist halb voll

Robert Gordons fragwürdige These vom Nachlassen von Innovationskraft und Wachstum belegt: Pessimismus wird übertrieben, wenn eine Wirtschaftskrise länger dauert als eine gewöhnliche Rezession. Ein Kommentar von Tobias Straumann.

«Gordons Kalkulation verrät wohl mehr über die momentane Politikverdrossenheit in den USA als über die tatsächliche Zukunft.»

War alles nur ein Traum? Stehen wir an der Schwelle einer dramatischen Wachstums­abschwächung? Müssen wir uns auf harte Zeiten vorbereiten? Seit einiger Zeit wird diese Frage unter Ökonomen eifrig diskutiert.

Ausgelöst wurde die Debatte durch einen Beitrag von Robert Gordon, der an der Northwestern University forscht und einiges Ansehen ­geniesst. Gordon behauptet, dass die Innovationskraft der USA in den vergangenen paar Jahrzehnten deutlich nachgelassen habe und in Zukunft noch einmal dramatisch abnehmen werde.

Seine Behauptung beruht zum einen auf einer historischen Analyse der vergangenen 250 Jahre. Er stellt drei industrielle Revolutionen fest: die erste von 1750 bis 1830, die zweite von 1870 bis 1900 und die dritte von 1960 bis zur Gegenwart. Kennzeichen der ersten industriellen Revolution waren Dampfkraft und Eisenbahnen. Sie nahm ihren Anfang in England und verbreitete sich bald über den europäischen Kontinent und Nordamerika. Der durchschnittliche Lebensstandard verbesserte sich nur mit einer gewissen Verzögerung, doch die erste industrielle Revolution stand am Anfang einer beispiellosen Verbesserung der Lebensumstände in den westlichen Ländern.

Die zweite industrielle Revolution wurde in Gang gesetzt durch den Gebrauch der Elektrizität, die Erfindung des Motors, die Einrichtung einer allgemeinen Wasser­versorgung, durch die Erfindung des Telegraphen, des Radios und des Films, durch die Synthese von Chemikalien und Pharmazeutika und die Förderung des Erdöls. In einer späteren Phase kamen die Erfindung des Flugzeugs, der breite Einsatz des Airconditioning und der Bau der Autobahnen hinzu. Für Gordon war die zweite industrielle Revolution die wichtigste von allen dreien. Sie sorgte dafür, dass von 1890 bis 1970 ein besonders hohes Produktivitätswachstum stattfand.

Gordons sechs belastende Megatrends

Die dritte industrielle Revolution begann in den Sechzigerjahren, beruhte auf der Verbreitung des Computers, des Internets und der Mobiltelefonie und entfaltete ihre Wirkung in den Neunzigerjahren und in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Gemäss Gordon hat sie am wenigsten für einen erhöhten Produktivitätsfortschritt gesorgt; die Wirkung sei seit 2004 bereits verpufft.

Die Beobachtung, dass die dritte industrielle Revolution eine besonders schwache Wirkung gezeitigt hat, ist für Gordon kein Zufall. Sie hat damit zu tun, dass nach der eindrucksvollen zweiten industriellen Revolution nur noch ein paar wenige Bereiche übrig blieben, in denen sich grosse technologische Durchbrüche erzielen liessen: «Viele der grossen Innovationen konnten nur einmal passieren, etwa die Urbanisierung, die Beschleunigung des Transports, die Wasserversorgung und die Installation der Zentralheizung und des Airconditioning, die eine konstante Temperatur der Innenräume ermöglicht haben.»

Zum andern beruht Gordons Analyse auf der Identifizierung sechs grosser Trends, die bereits heute sichtbar sind und mit grosser Wahrscheinlichkeit in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen werden. Sie alle hätten eine dämpfende Wirkung auf die ohnehin schon nachlassende Innovationskraft der USA, argumentiert er. Diese Trends sind die Überalterung, der Abstieg der Bildung, die Zunahme der Ungleichheit, die Auslagerung der Arbeitsplätze wegen der Globalisierung, die steigenden Kosten für Energie und Umweltpolitik und schliesslich der Überhang an privaten und öffentlichen Schulden.

Gordon macht abschliessend eine Kalkulation, um die künftige Wachstumsrate des realen Pro-Kopf-Einkommens zu schätzen. Von 1987 bis 2007 betrug das jährliche Wachstum dieser Kennzahl 1,8%. Nach Abzug all der Gegenkräfte kommt er auf nur noch 0,2%. Damit würden die USA in das vorindustrielle Zeitalter zurückkehren. Selbst in der ersten industriellen Revolution, deren gesamtwirtschaftliche Wirkung relativ klein war, wuchs das reale Pro-Kopf-Einkommen stärker.

Was ist von dieser düsteren Perspektive zu halten? Man macht es sich zu einfach, wenn man Gordon bloss als Untergangspropheten abtut. Erstens ist er sich durchaus bewusst, dass nichts schwieriger ist als die Voraussage von grossen Erfindungen. In seinem Artikel erinnert er an vier Fälle, in denen gravierende Fehlprognosen gestellt wurden. 1876 kam man bei der Western Union, die damals das Telegraphenmonopol in den USA besass, zum Schluss, dass das Telefon zu viele Mängel habe, um als ernsthaftes Kommunikationsmittel in Frage zu kommen. 1927 stellte der Chef des Filmkonzerns Warner Brothers die rhetorische Frage: «Wer will schon Schauspieler sehen, die sprechen können?» 1943 prophezeite IBM-Präsident Thomas Watson, dass der Weltmarkt höchstens fünf Computer nachfragen würde. Und 1982 erklärte Bill Gates, als er die Kapazität der ersten Floppydisks vorstellte, dass 640 Kilobyte ausreichend sein sollten.

Zweitens gehört Gordon zu den Ökonomen, die schon in den Neunzigerjahren prognostiziert hatten, die Verbreitung von Computer, Internet und Mobiltelefonie werde die Produktivität nur vorübergehend steigern. Heute wissen wir, dass er recht hatte. An der Beobachtung, dass der Effekt seit 2004 verpufft ist, kann nicht gezweifelt werden. Drittens will Gordon keineswegs behaupten, dass es überhaupt keine Innovationen mehr geben werde. Er ist kein Kulturpessimist, sondern sieht durchaus, dass im Moment in vielen Gebieten ausserordentliche Erfindungen und Entdeckungen stattfinden. Doch er glaubt, dass die sechs Gegenkräfte die positiven Wirkungen von Innovationen fast vollständig bremsen würden.

Doch obwohl Gordon signalisiert, dass er sich der ­Gefahr seines Unternehmens bewusst ist, fällt es ausserordentlich schwer, seine Prognose ernst zu nehmen. ­Zunächst bestehen grosse Zweifel an seiner These, dass die Ernte der Computer- und Informationstechnologien bereits vollständig eingefahren worden ist. Durchbrüche etwa in der künstlichen Intelligenz und in der Robotertechnologie dürften die moderne Arbeitswelt in den nächsten zwei Jahrzehnten stark verändern. Wie die Produktivitätsfortschritte ausfallen werden, ist noch nicht absehbar, doch es gibt eine Reihe von Ingenieuren und Ökonomen, die genau dies prophezeien. Jedenfalls ist es verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt eine negative Bilanz zu ziehen. Auch im Gefolge der zweiten industriellen Revolution gab es immer wieder Phasen, in denen die Produktivität vorübergehend abnahm.

Die Politik wird nicht einfach zusehen

Des Weiteren lässt sich kaum nachvollziehen, wie Gordon die sechs Gegenkräfte quantifiziert. Dass ein schlechtes Schulsystem oder ein extremes Mass an Ungleichheit Wachstum eher hemmt als fördert, ist wohl unbestritten. Aber dass die Gegenkräfte so stark einwirken, dass wir in den nächsten Jahrzehnten ins vorindustrielle Zeitalter zurückkatapultiert werden, ist unwahrscheinlich. Vor allem liegt solchen Prognosen die unrealistische Annahme zugrunde, die Politik werde tatenlos zusehen. Gordons Kalkulation verrät wohl mehr über die momentane Politikverdrossenheit in den USA als über die tatsächliche Zukunft.

Schliesslich wurde Gordon vorgeworfen, seine Berechnungen in Bezug auf die vergangenen vierzig Jahre seien falsch. Das Wachstum des realen Pro-Kopf-Einkommens habe sich seit den Siebzigern phasenweise sogar etwas beschleunigt; von einer Trendwende könne keine Rede sein.

Nimmt man diese Kritikpunkte zusammen, bleibt wenig übrig. Und blickt man zurück in die Geschichte, ist auffällig, dass die Zeitgenossen immer dann zum übertriebenen Pessimismus neigen, wenn eine Wirtschaftskrise länger andauert als eine gewöhnliche Rezession. Dabei ist, was wir heute beobachten, alles andere als aussergewöhnlich. Eine Immobilienkrise, wie die USA sie erlebt haben, und eine Schulden- und Bankenkrise, worunter Südeuropa noch immer leidet, haben eine besonders ­negative Wirkung auf Wachstum und Beschäftigung. Aber diese temporären Probleme darf man nie mit der lang­fristigen Vitalität eines Kontinents oder eines Landes gleichsetzen. Das Glas ist halb voll, nicht halb leer.