Meinungen

Das globale Finanzsystem bleibt krisenanfällig

Es trifft nicht zu, dass die grossen Banken in den vergangenen Jahren sicherer geworden sind. Wegen einer zu geringen Eigenkapitaldecke sind sie nach wie vor zu wenig robust. Ein Kommentar von Simon Johnson.

Simon Johnson
«Wir brauchen nicht nur einen präziseren Sprachgebrauch, sondern auch eine genaue Messung des Eigenkapitalniveaus der Banken.»

Vom 10. bis 12. Oktober findet in Washington D.C. die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds statt. Ein zentraler Punkt der Tagesordnung ist der globale Finanzsektor. Die Konferenz verspricht interessant zu werden, denn es werden zwei sich diametral widersprechende Ansichten in Bezug auf das globale Finanzsystem aufeinandertreffen.

Die erste Ansicht besagt, dass wir seit Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 bereits «eine Menge getan» hätten. Laut dieser regelmässig von Vertretern des US-Finanzministeriums und ihren europäischen Amtskollegen propagierten Sichtweise müsste man zwar bei der Umsetzung der Reformen vielleicht noch ein wenig mehr tun, doch seien unsere Banken und sonstigen Finanzunternehmen bereits viel sicherer geworden. Die Krise von 2008 könne sich daher nicht so schnell wiederholen.

Reformen nicht vollendet

Die zweite Sichtweise besagt, dass wir die erforderlichen, weitreichenden Veränderungen noch lange nicht abgeschlossen haben. Schlimmer noch: Zumindest in Bezug auf einen zentralen Punkt sei die von den Politikern und führenden Journalisten zur Beschreibung des Finanzsystems verwendete Sprache hoch problematisch.

Die Fragen, um die es wirklich geht, sind komplex und weisen eine Menge von Nuancen auf, doch was beide Seiten trennt, lässt sich im Wesentlichen in einem Satz zusammenfassen: Ist es hinnehmbar, zu behaupten, dass die Banken Kapital «halten»?

Dies ist eine Formulierung, die von führenden Finanzjournalisten mit schöner Regelmässigkeit verwendet wird (aber beispielsweise nicht von Bloomberg/«Business Week», die diesbezüglich schon lange sehr viel vorsichtiger sind). «Die Banken müssen mehr Kapital halten», heisst es immer wieder. Damit werden die Bemühungen der Aufsichtsbehörden beschrieben – und, in den USA, einiger Parlamentarier –, die Finanzinstitute zu verpflichten, sich relativ gesehen stärker über Eigenkapital und weniger über Schulden zu finanzieren.

Diese Verwendung des Wortes «halten» entspricht zwar völlig gängigem Sprachgebrauch, ist jedoch zugleich zutiefst irreführend. In jedem anderen gängigen Kontext ist «halten» ein aktives Verb: Man hält ein Baby auf dem Arm. Bitte halten Sie dieses Seil.

Dies ist von Belang, weil sich das «Halten» von Kapital zu einer versteckten oder impliziten Metapher entwickelt hat. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, dass die Banken aufgefordert sind, einen Teil ihrer Aktiva auf die Seite zu legen. Dies führt naturgemäss zu der Annahme, dass irgendwie weniger Kapital zur Vergabe von Krediten etwa an die Realwirtschaft zur Verfügung steht. Diese Sicht begegnet mir häufig, selbst in gebildeten Kreisen wie zum Beispiel auf dem Kapitol.

Diese Interpretation jedoch stellt ein völliges – und manchmal vorsätzliches – Missverständnis von Bankkapital und verfolgter Politik dar. Anat Admati und Martin Hellwig haben darauf hingewiesen, dass es in diesem Bereich viele fragwürdige Vorstellungen gibt, das falsche Verständnis von Kapital jedoch ist sicher die grundlegendste davon.

Der Begriff Kapital ist in diesem Zusammenhang eine Verkürzung des Wortes Eigenkapital – und das Eigenkapital gehört in der Bilanz einer Bank (oder eines sonstigen Unternehmens) zu den Passiva. Es verweist darauf, wie Banken (oder sonstige Unternehmen) ihre Geschäftstätigkeit finanzieren, und nicht darauf, wie sie die ihnen zur Verfügung stehenden Gelder verwenden.

Höhere Kapitalanforderungen bedeuten mit gleichbleibender Bilanzgrösse im Wesentlichen eine stärkere Eigenkapitalfinanzierung und damit, sofern man eine vernünftige Definition anlegt, relativ gesehen weniger Schulden. Dies ist eine attraktive und vernünftige Politik, weil sich die heutigen globalen Banken bei ihrem Geschäft auf einen relativ geringen Eigenkapitalanteil stützen.

Die besten vergleichenden Messgrössen für das Bankkapital sind diejenigen, die in dem vom stellvertretenden Vorsitzenden der Federal Deposit Insurance Corporation, Thomas Hoenig, erstellten Global Capital Index zu finden sind. Hoenig betrachtet, wie viel Eigenkapital die Banken bei ihrer einfachsten und transparentesten Messgrösse (auch als Fremdfinanzierungsgrad oder Leverage bezeichnet) aufweisen.

Sechs Jahre nach der weltgrössten Finanzkrise weisen unsere Megabanken in ihren Bilanzen einen Eigenkapitalanteil von nicht mehr als 5% aus. Bei einigen Banken sind es sogar wenig mehr als 3% Eigenkapital. Dies bedeutet, dass 95% ihres Geschäfts über Schulden finanziert werden – und dass es daher bloss einer kleinen negativen Erschütterung bedarf, um sie in die Insolvenz zu zwingen. Es bleibt nach wie vor viel zu tun, um diese Anfälligkeit zu beheben. Zum Beispiel bedarf es offizieller Regeln für die internationale Zusammenarbeit im Umgang mit scheiternden Finanzunternehmen. Es muss möglich sein, derartige Unternehmen pleitegehen zu lassen, ohne dass dies eine weltweite Panik auslöst. Sie sollten sinnvolle Abwicklungspläne (sogenannte Living Wills) erstellen, um zu zeigen, wie dies möglich ist. Tatsächlich werden derartige Pläne in den USA durch die – nach wie vor nicht umgesetzten – Dodd-Frank-Finanzreformen des Jahres 2010 vorgeschrieben.

Präzisere Kommunikation

Doch es gibt einen sehr viel einfacheren Schritt, durch den sich eine Menge bewirken liesse: Ein leitender politischer Entscheidungsträger – etwa ein Mitglied des Direktoriums des US Federal Reserve oder der Präsident der Notenbank des Staates New York – sollte eine Rede halten, in der eindeutig erklärt wird, was Bankkapital ist (und was nicht).

Journalisten, die die terminologischen Leitlinien aus dieser Rede ignorieren, würden (privat) vom Fed angerufen. Das Fed verwendet beträchtliche Mühen darauf, sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit seine Geldpolitik versteht. Seine Vertreter sollten ähnliche Mühe darauf verwenden, ihre Regulierungspolitik präzise zu kommunizieren.

Und Hoenigs Index sollte von einer wichtigen Organisation wie dem IWF aufgegriffen und veröffentlicht werden. Wir brauchen nicht nur einen präziseren Sprachgebrauch, sondern auch eine zeitnahe und genaue Messung des Eigenkapitalniveaus der Banken.

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