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Dieses Rekord-ICO ist eine geschlossene Veranstaltung

Der Messaging-Dienst Telegram will 2,5 Mrd. $ mit einer eigenen Kryptowährung einnehmen, die besser als Bitcoin sein soll. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Alexander Trentin

Wann immer sich Anhänger von Kryptowährungen austauschen, verwenden sie die Messaging-App Telegram. Gegründet vom libertären Russen Pavel Durov, ist sie wegen der Verschlüsselung von Nachrichten besonders beliebt in autoritären Staaten wie dem Iran oder in Ländern wie Brasilien, in denen andere Apps blockiert wurden. Über 200 Mio. Nutzer hat Telegram nach eigenen Angaben. Ein libertärer Gründer, jede Menge Nutzer und im Kryptouniversum bekannt? Kein Wunder, dass Telegram ein ICO – Initial Coin Offering – anstrebt, also eine eigene Kryptowährung ausgeben will.

Es soll das grösste ICO aller Zeiten werden. Die zwei grössten Offerings waren bisher Tezos (232 Mio. $) und Filecoin (257 Mio. $). Nach Medienberichten strebt Telegram an, über die eigene Kryptowährung satte 2,55 Mrd. $ einzunehmen. Befürchtungen, dass eine striktere Regulierung und gescheiterte Projekte dem Finanzierungskonzept des ICO den Garaus machen werden, scheinen vorerst widerlegt.

Doch trotz der riesigen angestrebten Summe werden wohl nur die wenigsten Interessenten die Chance haben, bei dem neuen ICO dabei zu sein. FuW klärt die wichtigsten Fragen zum Telegram-ICO.

Was hat Telegram genau vor?
Gemäss einem Überblickdokument von Telegram – einem sogenannten Whitepaper – will man mit der Blockchain Telegram Open Network (TON) einen grossen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber bestehenden Blockchain-Lösungen wie Bitcoin und Ethereum erreichen. Transaktionen will man auch bei sehr vielen Nutzern schnell abwickeln können, um auch gegenüber Kreditkartenanbietern wie Visa (V 141.84 1.68%) wettbewerbsfähig zu sein. An die Blockchain sollen Lösungen zur Datenspeicherung, zur Anonymisierung von Internetverbindungen, eine Web-Applikation und Bezahlsysteme angeschlossen werden. TON soll in die Telegram-App eingebunden werden. Die Millionen Nutzer der App sollen mit TON für Dienste bezahlen und Geld an Kontakte versenden können. Die virtuelle Währung heisst Gram.

Wie viel Geld wurde schon eingesammelt?
In einer ersten Finanzierungsrunde im Januar wurden von 81 Investoren, darunter auch mehreren Risikokapitalgebern, 850 Mio. $ eingesammelt. Das ergibt sich aus einem Dokument, das Telegram bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat.

Reguliert die SEC damit die Ausgabe der Kryptowährung?
Die Abgabe dieses Dokuments («Formular D») bedeutet nicht, dass die Finanzierung von der SEC beaufsichtigt wird. Es werden nur Informationen offengelegt. Um der Regulierung zu entgehen, darf das ICO aber nur qualifizierten Investoren («Accredited Investors») angeboten werden. Zur Akkreditierung zugelassen sind Investoren, die ein Vermögen über 1 Mio. $ oder ein Einkommen von über 200’000 $ vorweisen. Nun soll eine laufende Finanzierungsrunde weitere 1,7 Mrd. $ einbringen. Das ergibt zusammen die Summe von 2,55 Mrd. $.

Heisst das, dass es kein ICO für das allgemeine Publikum gibt?
Das ist noch nicht klar. Bisher ist das ICO eine geschlossene Veranstaltung – nur auf Einladung darf man teilnehmen. Schlussendlich sollen die Gram aber in der Telegram-App gegen etablierte Währungen eingetauscht und so für das breite Publikum verfügbar gemacht werden. Die virtuellen Geldbörsen sollen in der App bis Ende 2018 angeboten werden. Wer in den ersten Finanzierungsrunden dabei sein darf, der kann sich Vorteile erhoffen – auch wenn die Gelder für zwei Jahre blockiert werden. So kostete 1 Gram in der ersten Runde noch knapp 40 US-Cent, in der zweiten schon über 1.30 $. Je später die Gram von Nutzern gekauft werden, desto teurer sollen sie werden.

Was ist mit Nachrichten auf Social-Media-Kanälen, die Investitionen in das ICO anbieten?
Dabei handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Betrugsmasche. Telegram hat das ICO weder auf der eigenen Internetseite noch auf Facebook (FB 143.85 -0.26%) oder Twitter (TWTR 33.15 0.73%) beworben. Auf Twitter gibt es nur mehrere inoffizielle Kanäle mit dem Namen «Telegram ICO». Es gibt eine eigene Webseite, über die falsche Werbung für Investitionen in Gram gemeldet werden kann. Werbe-Tweets für ICO sollte man keine mehr erhalten. Gestern hat Twitter solche verboten und folgt damit Werbeverboten auf Facebook und Google (GOOGL 1071.05 1.56%).

Ist es nur Telegram, die das ICO auf qualifizierte Investoren beschränkt?
Nein, das machen derzeit viele. Gemäss Morgan Stanley (MS 44.3 1.03%) kamen im Februar 60% der 1,2 Mrd. $, die via ICO eingesammelt wurden, über private Finanzierungsrunden zustande. Dass ICO weiterhin so stark genutzt werden, ist laut der Investmentbank auch darauf zurückzuführen, dass sich mehr Risikokapitalgeber (Venture Capital) beteiligen. Im Gegensatz zur direkten Beteiligung an Start-ups könnten ICO mehr Liquidität bieten und diversifizierte Beteiligungen ermöglichen.

Wie wird das Geld von Telegram verwendet?
80% sollen gemäss dem Whitepaper in die technische Ausstattung und die Verifizierung von Nutzern fliessen. Die restlichen 20% sollen für administrative Aufgaben und Gehälter verwendet werden. Mit 620 Mio. $ will Telegram die Nutzerzahl bis 2022 auf 1 Mrd. erhöhen. Fraglich ist, warum man dann über das ICO mehr als das Vierfache einnehmen will.

Wird Telegram über das ICO verkauft?
Nein, Telegram bleibt weiter im Besitz von Pavel Durov. Mit dem Kauf von Gram erwirbt man also keine Anteile an der Telegram-App, sondern spekuliert allein auf den steigenden Preis der neuen Währung.

Wie sind die Pläne von Telegram einzuschätzen?
Für die Pläne spricht, dass das Entwicklerteam sein technisches Know-how schon unter Beweis gestellt hat. Es wurde eine Plattform geschaffen, die es mit Wettbewerbern wie Snapchat und WhatsApp aufnehmen kann. Auch die bestehende Nutzerbasis der App ist ein Vorteil gegenüber anderen Kryptowährungen.

Gibt es skeptische Stimmen?
Ja, so hat sich der Blockchain-Spezialist Charles Noyes in einem Blog-Beitrag sehr kritisch geäussert. Telegram habe nicht gezeigt, wie ihre Blockchain tatsächlich schneller oder skalierbarer als Bitcoin oder Ethereum sein wolle. Auch die – unter Verschluss gehaltene – technische Dokumentation habe ihm nicht verständlich machen können, wie es funktionieren soll.

Welche Sicherheiten bekommen Investoren?
Wird bis Oktober 2019 die neue Blockchain nicht entwickelt, sollen Investoren ihr Geld zurückerhalten. Doch wie üblich bei ICO hat sich Telegram rechtlich abgesichert. So heisst es in einem Dokument, dass man keine Verpflichtung übernimmt, dass die Gelder tatsächlich zum «Vorteil der Käufer» eingesetzt werden.

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