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Zwei schwedische Ökonomen haben die Handelsforschung und die Debatte über die Gewinner und die Verlierer des Freihandels geprägt.

Warum gibt es Handel, und wie wirkt er sich auf den Wohlstand der involvierten Staaten aus? Welchen Einfluss hat Freihandel auf die Löhne? Mit diesen Fragen befasst sich die Disziplin der Handelstheorie. Die Themen sind aktueller denn je, denn protektionistische Massnahmen gewinnen wieder an Zustimmung. Der Index für wirtschaftliche Globalisierung der Konjunkturforschungsstelle der ETH, der die internationalen Handels- und Kapitalflüsse misst, stagniert seit 2008, nachdem er zuvor dreissig Jahre stetig gestiegen ist.

Die Beiträge der schwedischen Ökonomen Eli Heckscher und Bertil Ohlin aus dem frühen 20. Jahrhundert gehören zu den bedeutendsten auf dem Gebiet der Handelstheorie. Ihre Theorie erklärt den internationalen Handel und die Richtung der Handelsströme mit der unterschiedlichen Ausstattung von Ressourcen oder Produktionsfaktoren. Sie wird deshalb auch Faktorproportionentheorie genannt.

Das Heckscher-Ohlin-Theorem besagt: Länder exportieren die Güter, deren Produktion vorwiegend diejenigen Faktoren braucht, die im Land relativ zu anderen Faktoren reichlich vorhanden sind. Im Modell mit zwei Ländern, zwei Gütern und den zwei Input-Faktoren Arbeit und Kapital bedeutet das: Das kapitalreiche Land exportiert das kapitalintensive Gut (z. B. Handys). Das Land, das relativ reich an Arbeitskräften ist, führt umgekehrt das arbeitsintensive Produkt (z. B. Kleider) aus.

In der Tradition Ricardos

Das Theorem erklärt nicht nur die Exportstruktur der Länder, sondern liefert auch ein kräftiges Argument für den Freihandel. Wenn Länder mit unterschiedlicher Faktorausstattung sich spezialisieren und miteinander handeln, profitieren alle involvierten Länder davon. Das Modell zeigt zudem auch, dass sich Güter- und Faktorpreise über die Zeit angleichen. Die Kernaussagen des Theorems werden in der Grafik im einfachen Modell  mit zwei  Ländern, zwei Gütern und zwei Faktoren erklärt und im Diagramm dargestellt.

Die Heckscher-Ohlin-Theorie fusst auf den Ideen der klassischen Handelstheorien von Adam Smith und David Ricardo. Smith legte im 18. Jahrhundert mit seinem Modell der absoluten Kostenvorteile den Grundstein der Handelstheorie. Demnach bringen internationale Arbeitsteilung und Handel allen beteiligten Staaten Vorteile, wenn sich jedes Land auf die Produktion derjenigen Güter spezialisiert, bei denen es einen Kostenvorteil hat. Ein halbes Jahrhundert später erweiterte Ricardo diese Theorie: Der Kostenvorteil muss nicht absolut sein, es reicht, wenn sich das Land auf diejenigen Güter konzentriert, die es im Vergleich zu anderen Produkten günstig herstellen kann.

Dieser komparative Kostenvorteil ist auch in der Theorie von Heckscher-Ohlin der Grundgedanke. Im Unterschied zum Modell von Ricardo gibt es aber keine Technologieunterschiede, so eine der entscheidenden Annahmen. Die komparativen Vorteile und der Nutzen des Freihandels kommen allein schon durch die unterschiedliche Ausstattung mit Produktionsfaktoren zustande.

Verlierer und Gewinner

Bereits 1919 legte der Wirtschaftshistoriker Eli Heckscher in einem Essay über die Auswirkung des internationalen Handels auf die Einkommensverteilung die Basis für das Modell. Ohlin verfeinerte die Ideen seines früheren Professors in seiner Dissertation 1924, die aber nur in schwedischer Sprache erschien. Bekanntheit erlangte ihre Theorie erst durch die Veröffentlichung von Ohlins Werk «Interregional and International Trade» im Jahr 1933. Dabei handelte es sich um eine verbale Abhandlung. Formelle Modelle wurden erst ein paar Jahre später entwickelt, zum Beispiel von den US-Ökonomen Wolfgang Stolper und Paul A. Samuelson.

Samuelson war es auch, der die Heckscher-Ohlin-Theorie entscheidend weiterentwickelte, wofür er 1970 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Freihandel hat im Kontext des Heckscher-Ohlin-Modells zur Folge, dass sich die Faktorpreise, also Kapitalzinsen und Löhne, in den beiden Ländern angleichen. Ohlin selbst hatte bereits über die Tendenz hin zur Faktorpreiskonvergenz geschrieben. 1949 gelang es Samuelson, mathematisch zu zeigen, dass sich die Faktorpreise in den beiden Ländern perfekt angleichen, sogar unter der Annahme, dass die Faktoren Arbeit und Kapital über die Grenzen hinweg nicht mobil sind.

Die Logik ist die folgende: Das relativ kapitalreiche Land exportiert bei mehr Freihandel mehr kapitalintensive Güter wie Mobiltelefone und importiert arbeitsintensive Güter (z. B. Kleider). Die zunehmende Telefonproduktion erhöht die Nachfrage nach Kapital und damit seinen Preis. Umgekehrt sinken die Löhne, da der Faktor Arbeit indirekt über die Kleider eingeführt wird. Das Ergebnis ging als Theorem der Faktorangleichung in die Geschichts- und Lehrbücher ein. Es sagt exakt voraus, wer die Gewinner und die Verlierer des Freihandels sind. In diesem Beispiel sind die Gewinner die Kapitalbesitzer im reichen Land und die Lohnempfänger im kapitalarmen Land, während die Verlierer die Arbeitnehmer im reichen Land und die Kapitalbesitzer im armen Land sind.

Das Resultat lässt sich auf Modelle mit anderen Produktionsfaktoren übertragen, etwa qualifizierten und unqualifizierten Arbeitern. Gemäss dem Theorem der Faktorpreiskonvergenz müssten gut ausgebildete Arbeitskräfte in Ländern mit vielen qualifizierten Arbeitern vom Freihandel profitieren, in Ländern mit wenigen qualifizierten Fachkräften dagegen sollten ihre Löhne sinken.

Wegen ihrer Einfachheit und Plausibilität erfreute sich die Theorie von Heckscher-Ohlin grosser Popularität, und sie bestimmt die Debatte über Freihandel noch heute. Sie hatte aber einen grossen Mangel: Die Vorhersagen standen nicht im Einklang mit den empirischen Befunden. Das machte sie jedoch erst recht zum Ausgangspunkt für kritische Auseinandersetzungen und weitere theoretische und empirische Forschungsarbeiten.

Wenig empirische Evidenz

Den ersten Versuch, das Theorem in der Praxis zu testen, unternahm Harvard-Professor Wassily Leontief in der Nachkriegszeit. Dabei stiess er auf einen Widerspruch zu den Vorhersagen des Theorems, der als Leontief-Paradox in die Geschichtsbücher einging. Der Erfinder der Input-Output-Analyse konnte zeigen, dass die USA mehr arbeitsintensive Güter exportierten, als sie importierten, obwohl Kapital in den USA im Vergleich zum Rest der Welt reichlich vorhanden war. Leontief rettete die Theorie von Heckscher-Ohlin mit dem Faktor Humankapital. Die USA exportierten die Güter, für die es relativ viel Know-how und Bildung brauchte, ein Faktor, der in den USA relativ reichlich verfügbar war.

Auch nach Leontief bemängelten zahlreiche weitere empirische Studien die Treffsicherheit des Theorems. Der Ökonom Daniel Trefler meinte etwa, man könne ebenso gut eine Münze werfen. Besser würden die Resultate, wenn man die Annahme identischer Technologie fallen lasse und einen Home Bias beim Konsumverhalten zulasse. Die besten empirischen Ergebnisse zugunsten von Heckscher-Ohlin liefert eine Studie zum Handel innerhalb Japans. Dort war auch die Annahme gleicher Technologie erfüllt.

Paul Krugman stellte in den Siebzigerjahren fest, dass entgegen der Theorie der Güterhandel zwischen dem reichen Norden und dem kapitalarmen Süden nur 10% des internationalen Handels ausmachte. Der Grossteil des Handels fand zwischen entwickelten Volkswirtschaften statt, deren Faktorausstattung ähnlich war. Krugman integrierte die Konzepte der Industrieorganisation in die Handelstheorie. Ähnliche Länder haben einander gegenüber zwar keine Wettbewerbsvor- oder -nachteile, doch der Handel findet wegen des Skaleneffekts innerhalb der jeweiligen Industrie statt. Für die Etablierung einer neuen erweiterten Handelstheorie erhielt auch Paul Krugman den Wirtschaftsnobelpreis. Er dürfte auf diesem Kerngebiet der Ökonomie nicht der Letzte gewesen sein.