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«Klammern an Bargeld ist wie Klammern an Gold»

Negativzinsen können nur ihre Wirkung entfalten, wenn man nicht in Papiergeld flüchten kann. Daher beschreibt der US-Ökonom Miles Kimball im Interview der FuW, wie eine Gebühr auf Bargeld eingeführt werden kann.

Alexander Trentin und Sandro Rosa

Miles Kimball, Ökonom an der Universität Michigan, ist ein Vordenker zur Frage der Negativzinsen. Er kämpft gegen die sogenannte Zero-Lower Bound, die Untergrenze für Leitzinsen bei null. In seinem Blog argumentiert er, dass, wenn die Leitzinsen tief genug fallen könnten, jede Rezession schnell behoben werden würde. So schätzt er, dass die US-Konjunktur nach der Finanzkrise 2008 durch einen negativen Zins von –4% sich schnell wieder erholt hätte.

Für ihn ist das Instrument der Negativzinsen einer monetären Lockerung durch Anleihenkäufe (Quantitative Easing, QE) zu bevorzugen – Ökonomen würden den Effekt negativer Zinsen besser verstehen. Haupthindernis für ein effektives Wirken der Negativzinsen sei das Bargeld, denn das würde weiterhin einen Nullzins «abwerfen». Um das Halten von Banknoten unattraktiv zu machen, fordert er auch die SNB (SNBN 5380 -1.47%) auf, über eine Einlagegebühr für Papiergeld nachzudenken.

Herr Kimball, Ihre Idee ist es, bei Negativzinsen eine Gebühr für das Einzahlen von Bargeld einzuführen. Das Abheben von Geld wäre dann ohne Gebühr möglich, die Einzahlung auf das Konto würde belastet werden. Das soll Menschen davon abhalten, negative Zinsen auf das Konto zu umgehen. Verstehen Sie, dass manche sich über diese Idee empören?
Hier geht es um die Frage, wie man es präsentiert. Leute mögen das Wort Gebühr nicht. Da es auch einen Abschlag gibt, wenn man Bargeld zuerst abhebt handelt es sich analytisch gesehen um einen Wechselkurs zwischen elektronischem Geld – Beträgen auf Sichtguthaben bei der Zentralbank – und Papiergeld. Ich fand nur, dass das Wort Wechselkurs die Autorität der Zentralbank verdeckt, diese Gebühr einzuführen. Die Gebühr wäre faktisch eine gleitende Parität, ein Crawling Peg, der nicht so stark schwankt wie ein unkontrollierter Wechselkurs.

Warum bevorzugen Sie eine Einlage- statt einer Abhebegebühr auf Papiergeld?
Bei jeder Zentralbank, die ich besuche, warne ich vor einer Abhebegebühr. Das würde die Leute viel mehr aufschrecken, wenn sie für das Abheben von Banknoten bezahlen müssten, als eine langsam steigende Einlagegebühr.

Wenn die Zentralbank nicht will, dass man Papiergeld benutzt, könnte sie doch auch einfach aufhören, Geld zu drucken?
Das wäre eine Ausweichmöglichkeit, wenn das die einzige rechtliche Befugnis einer Zentralbank wäre und sie also keine Einlagegebühr berechnen könnte. Der Restbestand an Papiergeld würde dann zu einem exotischen Wertpapier mit einem Nullzins. Der Preis einer Banknote hätte eine Prämie gegenüber elektronischem Geld. Es gäbe dann einen plötzlichen Sprung im Wert von Papiergeld, was schädigend wäre für die Volkswirtschaft. Denn Bargeld würde knapper. Dagegen würde die Einlagegebühr auf Papiergeld bei null beginnen und langsam steigen, solange Negativzinsen auf elektronischem Geld erhoben würden. Es würde keinen grossen Sprung geben.

Sie wollen elektronisches Geld zum gesetzlichen Zahlungsmittel machen. In der Schweiz fordert die Vollgeldinitiative ein staatlich garantiertes Bankgeld. Was ist Ihre Meinung dazu?
Alles, was das Prestige von elektronischem Geld steigert, ist sehr hilfreich, wenn man es als gesetzliches Zahlungsmittel einführen will. Wenn man ein Bankkonto hat, ist es wichtig, dass die Zentralbank garantiert, dass das Geld auch da ist. Soll das Geld zu 100% mit Reserven bei der Zentralbank hinterlegt werden, könnte dies die Geldmenge reduzieren, wurde früher befürchtet. Aber das ist kein Problem, denn wir wissen heute, wie man damit umgehen kann. Die Zentralbank kann mit Geldmarktoperationen die Zentralbankgeldmenge leicht erhöhen und damit den Effekt der höheren Reserveanforderungen ausgleichen. Es ist auf jeden Fall möglich, zumindest einen Teil der Bankkonten vollständig mit Reserven bei der Zentralbank zu decken. Hält man am Mindestreservesystem – dem Fractional Reserve Banking – fest, überlässt man den Banken die Seignorage aus der Geldschöpfung.

Elektronisches Geld als gesetzliches Zahlungsmittel könnte aber auch im jetzigen System funktionieren?
Elektronisches Geld ist alles Geld, das nur aus Zahlen im Computer gebildet wird. Es als gesetzliches Zahlungsmittel zu etablieren, könnte etwas Zeit brauchen. Aber sehr wichtig ist, dass die vorgeschlagene Einlagegebühr auf Papiergeld von der SNB morgen eingeführt werden könnte. Es gibt keinen Grund, das aufzuschieben, bis wir ein perfektes System gebaut haben. Wenn die Schweizer Wirtschaft von zu hohen Zinsen und dem zu hohen Frankenkurs geschädigt wird, sollte man diese Gebühr morgen einführen. Das habe ich der SNB auch geraten, und ich glaube, man denkt darüber ernsthaft nach.

Würden die Leute bei einem Übergang zu elektronischem Geld und einer Gebühr auf Papiergeld nicht den Glauben an die Währung verlieren? Sie wüssten etwa, dass die Regierung mit einem Tastendruck ihr Vermögen reduzieren kann.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie das Leuten viel Angst einjagen könnte, wenn man erklärt, wie langsam der Prozess abläuft. Bei einem Negativzins von 2% pro Jahr auf Bankeinlagen würde Papiergeld erst den gleichen Wert wie elektronisches Geld haben und am nächsten Tag ein klein bisschen weniger. Es bräuchte drei Monate, bis die Einlagegebühr auf Papiergeld 0,5% betragen würde. Es würde wohl auch nicht das Einkaufen im Laden verändern, da viele Läden schon Kreditkarten akzeptieren, obwohl sie dafür eine Gebühr zahlen müssen.

Aber wie kann man mit dem starken Verbundenheitsgefühl zu Banknoten umgehen?
Unsere Gesellschaften sind schon einmal da durch gegangen. Es gab ja ein emotionales Verhältnis zu Gold (Gold 1242.56 -0.25%) und Silber (Silber 14.76 0.14%). Als der Goldstandard verlassen wurde, war das für die Menschen eine grosse Sache. Man sollte sich daran erinnern, dass die Einführung von Papiergeld als gesetzliches Zahlungsmittel sehr kontrovers diskutiert wurde. Das wurde getan, um das Prestige von Papiergeld gegenüber Gold zu erhöhen. In einer längeren Perspektive betrachtet war Papiergeld nur ein Zwischenstopp hin zu elektronischem Geld. Will man sehr traditionell sein, kann man stattdessen Gold benutzen – aber das würde die Volkswirtschaft noch mehr durcheinanderwerfen, als es Papiergeld tut. Wenn die Leute sich ans Papiergeld klammern, ist das ähnlich wie das Klammern an Gold.

Aber gerade die Schweiz und Deutschland hängen besonders stark am Bargeld. Würde eine Gebühr hier nicht auf den grössten Widerstand stossen?
Genau wegen den Gefühlen der Deutschen sollte die SNB statt der EZB den Weg bereiten. Wenn die Schweiz die Einlagengebühr eingeführt hat – und ich bin auch hoffnungsvoll für Schweden — wäre der Weg für andere Länder aufgezeigt. Ein Vorteil der Schweiz ist das ausgereifte Bankwesen. Es gibt viele praktische Fragen für Transaktionen im Negativzinsumfeld und die Schweiz wäre ein exzellenter Ort, solche Details auszuarbeiten. Ein Beispiel: In einem Umfeld mit positivem Zins will man, dass man früh bezahlt wird, bei negativen Zinsen dagegen will man langsam bezahlt werden. Wenn die Zinsen weiter ins negative Territorium fallen, würde man auf der ganzen Welt die Standards übernehmen, die in der Schweiz gesetzt wurden.

Wie Sie gesagt haben, sind Details noch offen, wie sich Transaktionen im Negativzinsumfeld verändern würden. Gibt es nicht einen Punkt, ab dem es zu strukturellen Veränderungen in der Volkswirtschaft durch tiefnegative Zinsen käme?
Das Lustige ist, dass es für Ökonomen keine grosse Sache ist, ob die Zinsen positiv oder negativ sind. Am realen Zins, also nach Abzug der Inflation gemessen, hatten wir bereits früher negative Zinsen. Zum grössten Teil haben negative Realzinsen, die durch die Inflation bedingt sind, denselben Effekt wie nominale Negativzinsen. Den Effekt von Negativzinsen verstehen wir viel besser als den Effekt einer monetären Lockerung durch Anleihenkäufe, das Quantitative Easing. Und Firmen müssen ihr Verhalten immer anpassen, auch wenn sich die Zinsen über null ändern.

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