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Das Konjunkturprogramm hat wieder nicht funktioniert

Washingtons Stimuli hatten wenig bis gar keinen Einfluss auf den amerikanischen Konsum und die Gesamtwirtschaft. Ein Kommentar von John B. Taylor.

John B. Taylor
«Im Jahr 2008 herrschte allgemeines Einvernehmen unter Ökonomen, dass temporäre Zahlungen als Konjunkturprogramm nicht funktionieren würden.»

In der Zeit zwischen März 2020 und März 2021 verabschiedeten die Vereinigten Staaten drei Konjunkturpakete, um die Wirtschaft anzukurbeln und Unternehmen und Haushalte nach dem durch Covid-19 verursachten wirtschaftlichen Schock zu unterstützen. Präsident Donald Trump unterzeichnete am 27. März 2020 den Coronavirus Aid, Relief, and Economic Security Act (Cares Act) und am 27. Dezember den Coronavirus Response and Relief Supplemental Appropriations Act, denen am 11. März 2021 der American Rescue Plan von Präsident Joe Biden folgte.

Mit jeder dieser Gesetzesrunden wurde ein Economic Impact Payment (EIP) durch Direktüberweisung, per Scheck oder mit einer speziellen Prepaid-Debitkarte an Amerikaner ausgezahlt, jeweils mit der Idee, dass die Gelder für den Konsum ausgegeben werden würden, um die Gesamtnachfrage zu unterstützen und damit die Gesamtwirtschaft zu stimulieren. Die EIP wurden in Höhe bestimmter Dollarbeträge ausgezahlt, die von 600 bis 1400 $ für eine Einzelperson und von 1200 bis 2800 $ für verheiratete Steuerzahler bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze reichten.

Der Grundgedanke hinter diesen temporären Einmalzahlungen basierte auf der keynesianischen Konsumfunktion, der zufolge eine Einkommenserhöhung die Ausgaben erhöht und dadurch die Wirtschaft ankurbelt. Doch andere Auffassungen, wie die Hypothese des permanenten Einkommens, die Milton Friedman erstmals in den Fünfzigerjahren formulierte, besagen, dass solche Einkommenssteigerungen – wenn überhaupt – nur zu einem geringen Anstieg des Konsums führen, eben weil sie temporär sind.

Das Geld wird gespart

Die folgende Grafik zeigt die tatsächlichen Auswirkungen der EIP auf das verfügbare persönliche Einkommen (Disposable Personal Income, DPI) und auf die persönlichen Konsumausgaben (Personal Consumption Expenditures, PCE) von Januar 2019 bis April 2021, gemäss den neuesten Daten des US Bureau of Economic Analysis. Die drei Spitzenwerte des DPI sind auf die drei EIP zurückzuführen und fallen mit ihnen zusammen, was darauf hindeutet, dass das DPI stark stieg, wenn ein EIP gezahlt wurde, und dann schnell auf sein ursprüngliches Niveau zurückfiel, als die Zahlungen endeten. Dies waren eindeutig vorübergehende Einkommenssteigerungen und wurden als solche ausgewiesen.

Betrachten wir nun die PCE-Linie: Sie zeigt keinen Anstieg zum Zeitpunkt der drei EIP. Die Erholung des Konsums folgt dem Pfad des dauerhafteren DPI ohne die Zahlungen (die gestrichelte Linie). Der zusätzliche «Stimulus» hatte wenig bis gar keinen Einfluss auf den Konsum in den Monaten, in denen es einen enormen Anstieg des EIP-getriebenen DPI gab – April 2020, Januar 2021 und März 2021. Die Hypothese des permanenten Einkommens sagt voraus, dass ein grosser Teil der temporären EIP eher gespart als für den Konsum und die Ankurbelung der Wirtschaft ausgegeben werden würde, und genau das scheint geschehen zu sein.

Während die Grafik bereits mehr als deutlich macht, wie gering die Auswirkungen der EIP auf den Konsum sind, kann man das Ergebnis weiter bestätigen, indem man die Auswirkungen mit dem statistischen Verfahren der Regressionsanalyse formal untersucht. Hier zeigt sich, dass der Einfluss der EIP auf den Konsum statistisch nicht signifikant war, während der Einfluss des DPI ohne die Zahlungen statistisch signifikant war.

Neuer Name, gleiches Muster

Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Regierung versucht, die Wirtschaft mit Einmalzahlungen zur Aufstockung der Einkommen zu stimulieren. Wie die EIP des vergangenen Jahres erhöhten die einmaligen Rebate Payments («Rückerstattungen») im Rahmen des Economic Stimulus Act von 2008 zwar das DPI, hatten aber keine spürbare Auswirkung auf den Konsum und trugen somit wenig oder gar nicht zur Ankurbelung der Gesamtnachfrage oder der Wirtschaft bei. Auch hier zeigt eine Regressionsanalyse, dass der Einfluss der Rückerstattungen auf den Konsum statistisch nicht signifikant war, während der des dauerhafteren DPI ohne die Rückerstattungen einen statistisch signifikanten Effekt hatte.

Im Jahr 2008 herrschte allgemeines Einvernehmen unter Ökonomen, dass temporäre Zahlungen als Konjunkturprogramm nicht funktionieren würden. Im Anschluss an dieses vorangegangene Experiment untersuchten viele Ökonomen die Massnahmen und zeigten, dass sie tatsächlich nichts zur Ankurbelung der Wirtschaft beitrugen. Diese Erkenntnisse weckten ernsthafte Zweifel am Einsatz einer temporären diskretionären (das heisst am Einzelfall orientierten) antizyklischen Fiskalpolitik in der Praxis. John F. Cogan, Volker Wieland und ich haben diese Probleme 2009 in einem Kommentar im «Wall Street Journal» mit dem Titel «The Stimulus Didn’t Work» («Das Konjunkturprogramm hat nicht funktioniert») dargelegt.

Nichtsdestotrotz gab es erneut ein gesteigertes Interesse an genau der gleichen Form von Konjunkturprogramm, als wir es mit Covid-19 zu tun bekamen. Rückerstattungen sind mit aller Macht zurück. Sie haben zwar einen neuen Namen, aber das Muster bleibt dasselbe. Ob man nun aufschlussreiche Diagramme oder formale Regressionsanalysen verwendet ‒ die neuesten empirische Belege, die wir haben, bestätigen die vor einem Jahrzehnt (oder sogar vor Jahrzehnten) dargelegte Auffassung: Temporäre Konjunkturprogramme erhöhen einfach nicht den Konsum oder stimulieren die Gesamtwirtschaft.

Copyright: Project Syndicate.