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Das letzte Tram durch Buenos Aires

Manfred Rösch

Buenos Aires war einst eine – vielmehr: die – Stadt der ­Strassenbahnen. Das Netz erreichte um 1920 seine längste Ausdehnung, mit 875 km. Das ist siebenmal das heutige Tramnetz von Zürich. Die australische Stadt Melbourne gilt unserer Tage als diejenige mit dem längsten Strassenbahnnetz, es erstreckt sich über «bloss» 250 km. Noch ein paar bombastische Zahlen zur einstigen «tranvía» der weitläufigen argentinischen Metropole: Während der Hochblüte zu Zeiten des Ersten Weltkriegs, als die Stadt anderthalb Millionen ­Einwohner zählte, zuckelten Trams auf 99 Linien durch ­Buenos Aires und registrierten jährlich gegen 650 Mio. ­Passagiere; die Tramgesellschaften führten rund 12 000 Beschäftigte auf ihren Lohnlisten.

Tiempos pasados. Von dieser Tram-Glorie ist so gut wie nichts geblieben. Das Zeitalter der Strassenbahnen dauerte am Río de la Plata ziemlich genau ein Jahrhundert. Ab 1863 verkehrten die ersten Tramwagen, gezogen von geplagten Gäulen in ihrem Geschirr: Blood Traction, wie es im Englischen so kriegerisch heisst. Die Rosse vergossen gelegentlich Blut, gewiss Schweiss, kaum aber Tränen.

Eine der Strassenbahngesellschaften war die Buenos ­Aires Port and City Tramways Limited; dieses Stück zeigt eine Obligation über 100 £, emittiert 1912 in London. In der Periode von 1880 bis zur Grossen Depression in den Dreissigerjahren 1930 flossen Hunderte Millionen Pfund Sterling nach Argentinien – wirtschaftlich schier ein britisches Dominion.

Ab 1922 machten mehr und mehr Busse, «colectivos», den Trams Konkurrenz , doch die Strassenbahn blieb im Geschäft. 1948, als der legendäre Präsident Juan Perón zusammen mit seiner unterdessen ins Mythische entrückten Gattin Evita regierte, wurden die Bus- und Tramgesellschaften der Stadt zu Transportes de Buenos Aires TBA fusioniert. Es folgten Jahre der Expansion und Modernisierung. Der Verkehr nahm zu, sodass sogar Doppeldecker-Tramwagen zum Einsatz kamen.

Doch 1961 begann die chronisch defizitäre TBA damit, das nun als überholt betrachtete Tramsystem zu liquidieren; im Februar 1963 bummelten die letzten Bahnen übers Pflaster. Argentinien beschaffte reihenweise Autobusse von der britischen Leyland Motors. Mit der Special Relationship zwischen Argentinien und dem Vereinigten Königreich ist es seit 1982 allerdings vorbei. Die Argentinier, obwohl geschlagen, werden ihren Anspruch auf die Islas Malvinas nie aufgeben, die Briten den ihren auf die Falkland Islands ebenso wenig.

Die argentinische Sängerin María Elena Walsh (väterlicherseits britischer Herkunft) sang nostalgisch vom goldenen Zeitalter der Strassenbahn – vom letzten Tram, das noch rollt, von dannen fährt und, oh Jammer, nie zurückkehren wird:

El último tranvía

que rueda todavía

se va, se va, se va.

Qué lástima me da,

pues ya no volverá.