Unternehmen / Schweiz

Das Machtzentrum des CEO

Wenn ein Verwaltungsrat dem neuen Chef viel Spielraum bei der Besetzung des Managements gibt, lohnt es sich für Anleger, genauer hinzuschauen.

Wenn ein CEO Managementfunktionen mit Vertrauten besetzt, lohnt es sich für Anleger, genau hinzuschauen. Je nach personeller Konstellation und Umfeld in der Branche kann das Vor-, aber auch Nachteile bringen. In der Schweiz sind Credit Suisse (CSGN 5.48 +1.78%), Sunrise und Sulzer (SUN 64.05 -0.47%) (vgl. Kasten) Beispiele für Unternehmen, bei denen das persönliche Netzwerk des CEO eine grosse Rolle spielt.

Besonders stark wurde das Management des Telecomkonzerns Sunrise umgekrempelt. CEO Olaf Swantee ist seit Mai 2016 im Amt. Er war zuvor Chef des britischen Mobilfunkunternehmens EE, Manager beim französischen Telecomkonzern Orange (ORA 10.11 -0.02%), sowie bei Compaq und Hewlett-Packard (HPQ 34.65 +1.26%) (HP) in der Schweiz tätig. Seither wurden gleich mehrere Geschäftsleitungsfunktionen mit Personen besetzt, die für EE, Orange, Compaq oder HP gearbeitet haben.

«Dass Managementfunktionen mit ehemaligen Weggefährten des CEO besetzt werden, kommt immer wieder vor. Der Trend geht aber in die andere Richtung. Der Verwaltungsrat steht in der Verantwortung, für eine angemessene und ausgewogene Besetzung der Konzernleitung zu sorgen», sagt Philippe Hertig von der Personalberatung Egon Zehnder (ZEHN 63.60 +0.47%).

Professionelle Auswahl zählt

Sunrise selbst erklärt, es seien jeweils mehrere mögliche interne und externe Kandidaten für Geschäftsleitungspositionen in der Auswahl. Gesucht sei der erfahrenste Manager. Dass es zuletzt so viele Compaq- und HP-Leute waren, begründet Sprecherin Therese Wenger (ehemals Orange Schweiz) indirekt mit einem Verweis auf die Digitalisierung der ICT-Branche und der gesamten Wirtschaft. Die Evaluation machen der CEO und ein Verwaltungsratsausschuss gemeinsam.

Gemäss dem Executive-Search-Experten Guido Schilling liegt der Anteil externer CEO bei den hundert grössten Schweizer Unternehmen seit Jahren um 30%. «Je mehr ein Unternehmen in der Krise ist, umso mehr ist erforderlich, dass ein neuer CEO rasch ein Team um sich hat, auf das er bauen kann, was rechtfertigt, dass er auch Direktunterstellte vom früheren Arbeitgeber mitbringt», sagt Schilling. Das seien häufiger Manager für Service-Funktionen wie Human Resources und Kommunikation als divisionale Vorgesetzte.

Wenn schnelles und effizientes Handeln innerhalb kurzer Zeit erforderlich sei, etwa in Turnaround-Situationen, dann könne eine solche Besetzung Vorteile haben, meint auch die Personal-Rekrutierungsspezialistin Doris Aebi. Doch auch in dieser Situation sei ein professioneller Auswahlprozess einzuhalten. Limitiertes Spezialwissen kann ein weiterer möglicher Grund sein, warum ein CEO eigene Leute an Bord holt.

Je weniger der Verwaltungsrat (VR) in personellen Fragen mitredet, desto mehr Freiraum erhält der CEO. Ganz aus der Hand geben darf das Gremium die Zügel nicht. «Es ist Pflicht des Verwaltungsrats zu prüfen, ob der Kandidat nur aufgrund von potenziellen Freundschaften oder aufgrund von Qualitäten vorgeschlagen wurde», sagt Christophe Volonté, Head Corporate Governance bei Inrate. Das Einsetzen eines Headhunters könne solche möglicherweise unangenehmen Situationen zwischen dem CEO und dem Verwaltungsrat verhindern.

Gemeinsame Vergangenheit

Bei den grossen kotierten Unternehmen ist der Einsatz von Executive-Search-Experten Standard. Trotzdem bleiben manchmal Fragen offen, etwa bei der Grossbank Credit Suisse. CEO Tidjane Thiam kam 2015 vom britischen Versicherer Prudential (PRUl 9.91 -0.22%), heute sitzt Pierre-Olivier Bouée als Thiams rechte Hand in der Konzernleitung.

Der 46-jährige Bouée besetzt den neuen Posten des Chief Operating Officer (COO), übernahm diese wichtige operative Tätigkeit aber, ohne je bei einer Bank oder als COO gearbeitet zu haben. Vor dem Wechsel zur CS war Bouée Group Chief Risk Officer bei Prudential, wo Thiam CEO war. Und auch beim Versicherer Aviva und der Beratungsgesellschaft McKinsey waren beide zeitgleich tätig.

Peter Goerke, Ex-Personalchef der Prudential, ist ebenfalls ein Mitbringsel Thiams. Bei der CS ist er auch oberster Kommunikationschef und verantwortlich für das Branding. CS-VR Kai Nargolwala sitzt zudem seit 2012 im VR des britischen Versicherers und ist dort Mitglied des Vergütungs- und Risiko-Ausschusses.

Wie genau Rekrutierungsprozesse abgelaufen sind, ist von aussen nicht ersichtlich. «Je mehr ein Verwaltungsrat vom Thema versteht, desto engagierter wird er sich einbringen», sagt Guido Schilling. Die Credit Suisse verweist auf Nachfrage auf ihr 43-seitiges Organisations- und Geschäftsreglement. Die Mitglieder des Executive Boards würden durch den VR ernannt, heisst es dort. Mehr zum Rekrutierungsprozess ist darin aber nicht geregelt.

Effizienz vs. Uniformität

Ergänzen Vertraute eines CEO die Geschäftsleitung, kann das die Effizienz erhöhen. Es müssen nicht erst Grundsatzfragen geklärt werden, die Manager können direkt durchstarten. Das gilt auch dann, wenn ein interner Kandidat CEO wird und seine Mitarbeiter in die Geschäftsleitung mitnimmt. So etwa bei Sika (SIKA 243.40 -1.18%) geschehen, als der Leiter der Division Asien-Pazifik, Jan Jenisch, Anfang 2012 CEO wurde. Operativ war der Bauchemiekonzern seither äusserst erfolgreich, trotz Streit um den geplanten Verkauf an die französische Saint Gobain. Jenisch ist inzwischen auf dem Sprung zum Zementkonzern Lafarge-Holcim (HOLN 45.62 +0.46%).

Nicht zu unterschätzen ist der menschliche Faktor. Ein CEO sucht Vertrauenspersonen. Das kann Investoren Nachteile bringen: «Die grössten Risiken liegen in mangelnder Diversität und Inspiration, denn die Führungsanforderungen und die Komplexität der Aufgaben haben massiv zugenommen», sagt Personalberater Hertig. Gemäss Christophe Volonté könnten Fehler unentdeckt bleiben oder Manager sich aus Loyalität gegenseitig schützen.

Negative Reaktionen von Mitarbeitenden sind möglich. Interne Kandidaten können sich übergangen fühlen und das Unternehmen verlassen. «Auch könnte es zu Abwehrreaktionen der Mitarbeitenden kommen, wenn der Eindruck von Vetternwirtschaft oder eines abgeschotteten Machtzentrums entsteht», erklärt Hertig. Die Besetzung des Managements ist ein Balanceakt – für den CEO, aber vor allem für den Verwaltungsrat.