Meinungen

Das Massaker von Texas ändert genau gar nichts

In keiner anderen westlichen Demokratie gibt es mehr Waffen, mehr Schiessereien und dadurch mehr Tote als in den USA. Warum das leider so bleiben wird. Ein Kommentar von US-Korrespondent Valentin Ade.

«In diesem Jahr gab es bereits über 200 Schiessereien. 2021 waren es weit über 600 – fast zwei an jedem Tag.»

Am Dienstag erschoss ein 18-Jähriger im texanischen Uvalde 19 Primarschüler. Es ist der schlimmste Amoklauf seit 2012, als in Sandy Hook (Connecticut) 20 Primarschüler getötet wurden. Die USA stecken in einem diabolischen Rausch. Vor zwei Wochen erschoss ein anderer 18-Jähriger zehn Menschen in Buffalo (New York). Vergangenen Monat kam wie durch ein Wunder bei einem Amoklauf in der New Yorker U-Bahn niemand zu Tode.

Die Reaktion der Börse auf solche Massenschiessereien mutet zynisch an und ist immer dieselbe. Die Aktien von Waffenherstellern gewinnen, weil Waffennarren in Erwartung schärferer Gesetze sich noch rasch mit den geliebten Schiesseisen eindecken. Dabei haben sie nichts zu befürchten. Denn das folgende politische Schauspiel ist ebenfalls immer dasselbe. Im US-Parlament in Washington bringen die linken Demokraten Regeländerungen auf den Weg, die an der Totalopposition der rechten Republikaner scheitern, weil es in einer der beiden Parlamentskammern – dem Senat – fast immer überparteiliche Zusammenarbeit braucht.

Die Republikaner werden hier – wie in anderen Sachfragen – dominiert von einer radikalen Minderheit ihres rechten Flügels. Der pocht auf eine strikte Auslegung der Verfassung von 1789, in der es heisst, jeder Amerikaner habe das Recht, Waffen zu tragen. Die Gründerväter konnten sich zur Zeit der Muskete aber wohl kaum vorstellen, dass 200 Jahre später ein 18-Jähriger im Waffenladen um die Ecke militärtaugliche Maschinengewehre kaufen kann, um damit Schulkinder niederzumähen.

Der republikanische Gouverneur von Texas, Gregg Abbott, sagte praktisch im gleichen Atemzug, mit dem er den Eltern kondolierte: Waffengesetze werden nicht verschärft, das bringt eh nichts. Das ist nicht nur ekelhaft, sondern auch grob falsch. In Staaten mit strengeren Regeln kommen weit weniger Menschen durch Schiessereien zu Tode als in Nationen mit laxen Vorschriften.

In keinem anderen Land ist es derart einfach, an eine Schusswaffe zu gelangen, wie in den USA. Auf 100 Amerikaner kommen 120 Waffen – Weltrekord mit weitem Abstand. Da wundert es nicht, dass in keiner anderen westlichen Demokratie derart viele Menschen in Schiessereien sterben – aktuell 4 pro 100’000 Einwohner (in allen anderen entwickelten Volkswirtschaften liegt der Wert unter 1). In diesem Jahr gab es bereits über 200 Schiessereien, wo vier oder mehr Menschen verletzt wurden oder starben. 2021 waren es weit über 600 – fast zwei an jedem Tag.

Die Mehrheit der Bevölkerung spricht sich in Umfragen regelmässig für striktere Regeln aus. Das hält republikanisch dominierte Bundesstaaten nicht davon ab, laufend Zugang und Besitz zu vereinfachen. Das republikanische Richtermehr am obersten US-Gericht dürfte zudem in einem kommenden Urteil die Möglichkeit der Bundesstaaten einschränken, ihren Bürgern das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit zu verbieten. Ändern wird Uvalde, wie die Massaker davor, genau – gar nichts. Den Amerikanern bleibt nur eine dunkle Gewissheit: Die nächste Schiesserei kommt, wahrscheinlich schon morgen.