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Das nächste Feuer im Finanzsystem

Simon Johnson, Washington
«Statt den Reformprozess zu vollenden, scheinen die politischen Entscheidungsträger entschlossen, die meisten Massnahmen, die dem bisher erreichten Erfolg zugrunde liegen, rückgängig machen zu wollen.»
Diese Reformen des Finanzsektors gingen nicht weit genug und können leicht rückgängig gemacht werden. Die Regierung Trump ist im Begriff, genau das zu tun. Ein Kommentar von Simon Johnson.

Anfang 2007 begann die schlimmste Finanzkrise seit achtzig Jahren ihren Lauf zu nehmen und erreichte achtzehn Monate später mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und den weltweit spürbaren Schockwellen ihren Höhepunkt. Verzweifelte staatliche Massnahmen ersparten uns eine Grosse Depression II, und offizielle staatliche Vertreter gelobten, wir würden «nie wieder» mit derartigen Risiken konfrontiert sein. Politiker und Zentralbanker nahmen einen umfangreichen Prozess nationaler Reformen und internationaler Koordination in Angriff, wobei sämtliche Bestrebungen darauf abzielten, das Risiko eines Zusammenbruchs sehr grosser Banken zu senken.

Einerseits präsentiert sich das globale Finanzsystem ein Jahrzehnt später sicherer. Andererseits hat sich an der Struktur nicht viel geändert – sie ist womöglich noch anfälliger geworden. Doch statt den Reformprozess zu vollenden, scheinen die politischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks entschlossen, die meisten Massnahmen, die dem bisher erreichten Erfolg zugrunde liegen, rückgängig machen zu wollen.

Drei wichtige Errungenschaften wurden in den vergangenen zehn Jahren erreicht. Zunächst sind einige Finanzunternehmen zusammengebrochen, und das aus gutem Grund: Entweder ihr Geschäftsmodell war schlecht, oder sie waren schlecht geführt – oder beides. Gleichzeitig bauten stärkere Finanzunternehmen ihren Marktanteil aus.

Volcker-Regel wird hinterfragt

Zweitens verlagerte sich die Finanzausstattung der Banken von Schulden in Richtung Eigenkapital. Vor der Krise wiesen mehrere prominente Banken einen Eigenkapitalanteil von weniger als 2% auf – waren also zu über 98% durch Schulden finanziert. Derartiges kommt heute nicht mehr vor.

Drittens bestehen mittlerweile Beschränkungen hinsichtlich der Aktivitäten der grössten Banken. Die sogenannte Volcker-Regel verbietet den in den USA ansässigen Banken den Eigenhandel – eine Form der Spekulation auf eigene Rechnung. In anderen Ländern ist die Skepsis der Bankenaufsichtsbehörden gegenüber der angeblich durchdachten Risikobereitschaft gewachsen. Vorsicht liegt also in der Luft.

Leider könnten sich sämtliche dieser Errungenschaften als kurzlebig erweisen. Mächtige Personen wollen die Beschränkungen für Banken in den USA und Grossbritannien aufheben. Man rechnet beispielsweise damit, dass die Volcker-Regel möglicherweise durch Goldman Sachs und die vielen Ehemaligen aus dem Unternehmen, die mittlerweile in hochrangigen Positionen der US-Regierung vertreten sind, unter Druck kommt.

Zu gross zum Scheitern, nach wie vor

Gary Cohn, ehemaliger Geschäftsführer von Goldman Sachs sowie nunmehr Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabs von Präsident Donald Trump, ist der Ansicht, dass man die Kapitalanforderungen senken (und damit den Banken mehr Fremdfinanzierung und weniger Eigenkapital zugestehen) sollte, um damit die Wirtschaft anzukurbeln. Genau das geschah Anfang der Nullerjahre. Setzt sich Cohn durch, werden auch die Folgen ähnlich sein, nämlich katastrophal.

Seit 2008 weist das globale Finanzsystem eine in bedeutendem Mass stärkere Konzentration auf. Die grössten US-Banken entwickelten sich im Vergleich zu ihren Konkurrenten, darunter auch grossen europäischen Banken, gut. Infolgedessen bleiben Banken wie J.P. Morgan Chase in Schlüsselmärkten – und in der gesamten weltweiten Finanzinfrastruktur – viel zu gross, als dass man sie scheitern lassen könnte.

Das Finanzwesen erscheint zuweilen kompliziert, aber was auf dem Spiel steht, präsentiert sich ziemlich einfach. US-Senator Jack Reed (Demokrat, Rhode Island) hat es kürzlich treffend zusammengefasst: «Meine Wählerschaft braucht keine ausgeklügelten Berechnungsmethoden oder Formeln, um den Wert und den Nutzen einer Reform der Wallstreet sowie den Sinn hinter der Eindämmung rücksichtsloser Gier zu verstehen. Es bestehen ein Wert und ein Nutzen im Schutz der Verbraucher und ihrer hart erarbeiteten Einkommen. Und es bestehen ein Wert und ein Nutzen darin, einer Familie ihr Eigenheim zu lassen und eine Versteigerung zu verhindern.»

Profiteure der Krise an der Macht

Die politische Sicht von Regierungsvertretern wird durch ihre Weltsicht geprägt – und durch Erfahrungen, die sie gemacht haben. War jemand von einer Finanzkrise in dramatischer Weise betroffen, wird er wohl wenig Lust darauf haben, alles noch einmal zu erleben.

Im Falle von Personen allerdings, die von der Krise richtig profitiert haben – weil sie beispielsweise am Tiefpunkt der Entwicklung billig Vermögenswerte kauften oder Marktanteile ausbauten –, scheint es vernünftig anzunehmen, dass sie wohl weniger Vorsicht walten lassen werden. Reed verwies genau auf diesen Punkt, als er über die Eignung von Steve Mnuchin – einem ehemaligen Goldman-Sachs-Vizepräsidenten – als Finanzminister sprach: «Jemand, der sein Vermögen mit aggressiven Zwangsvollstreckungen an amerikanischen Mitbürgern gemacht hat, besitzt meiner Ansicht nach nicht die richtigen Werte für das Amt des Finanzministers. Aufgrund seines Werdegangs bin ich nicht überzeugt, dass Mr. Mnuchin in der Lage ist, den Sumpf trockenzulegen, und ich fürchte, er wird das System letztlich auf Kosten der Amerikaner aus der Arbeiterschicht zugunsten des obersten einen Prozent zurechtzimmern.»

Doch der Senat hat Mnuchin bestätigt, und das deutet darauf hin, dass wir wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren. Wie James Kwak und ich in unserem Buch «13 Bankers» dokumentiert haben, führte die Deregulierung des Finanzsektors der Achtziger- und Neunzigerjahre zum Immobilienboom Anfang der Nullerjahre, dieser ebnete den Weg für die Finanzkrise des Jahres 2008, die 2010 und danach wiederum Anlass zu neuen Reformen gab. Diese Reformen waren durchaus ernsthaft, gingen aber nicht weit genug, und sie können ohne grosse Schwierigkeiten rückgängig gemacht werden. Die Trump-Administration ist im Begriff, genau das zu tun.

Die Grossbanken werden noch grösser. Die Kapitalausstattung wird sinken. Und vernünftige Risikomanagementstrategien werden wieder aus der Mode kommen. Mächtige Menschen leben gut von Booms und Pleiten. Und der Rest muss mit verstärkter Ungleichheit und einem höheren Mass an krisenbedingter Armut rechnen.

Copyright: Project Syndicate.

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Ein Kommentar zu «Das nächste Feuer im Finanzsystem»

  • Adrian Gnehm sagt: 17.03.2017 – 11:23 Uhr

    Die Immobilienkrise in den USA war 2008 der Auslöser der Finanzkrise. Zur Zeit gibt es keine Euphorie im Immobiliensektor der USA. Nur eine stark anziehende Inflation in den USA mit einem raschen Anstieg der langfristigen Zinsen könnte für einzelne Banken zum Problem werden. Aber ein Kollaps des Interbanken-Marktes wie 2008 halten auch die schwärzesten Pessimisten für ganz unwahrscheinlich.