Meinungen 16:24 - 16.03.2017

Das nächste Feuer im Finanzsystem

Simon Johnson, WashingtonEnglish Version »
«Statt den Reformprozess zu vollenden, scheinen die politischen Entscheidungsträger entschlossen, die meisten Massnahmen, die dem bisher erreichten Erfolg zugrunde liegen, rückgängig machen zu wollen.»
Diese Reformen des Finanzsektors gingen nicht weit genug und können leicht rückgängig gemacht werden. Die Regierung Trump ist im Begriff, genau das zu tun. Ein Kommentar von Simon Johnson.
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zum Stichwort
Bankenaufsicht
Die Aufsicht über die Banken teilen sich vier Kontrollinstanzen: die Finma (Oberaufsicht), die externe Revisionsstelle nach Bankengesetz, das interne Inspektorat sowie die Revisionsstelle nach Obligationenrecht .
Boom
Wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung, Hochkonjunktur. Gegenteil: Rezession .
Deregulierung
Abbau wettbewerbshemmender staatlicher Vorschriften, speziell an den Finanzmärkten (Liberalisierung).
Eigenhandel
Finanzmarktaktivitäten von Banken, die sie auf eigene Rechnung und eigenes Risiko betreiben. Ziel ist die Steigerung des Ertrags und der Marktliquidität.
Eigenkapital
Der Teil des Gesamtkapitals, der den Aktionären gehört und ihnen im Fall einer Geschäftsaufgabe ausgezahlt wird. Aus Sicht der Aktionäre besteht die wichtigste Aufgabe eines Unternehmens darin, auf dem Eigenkapital eine risikogerechte Rendite zu erwirtschaften (vgl. Eigenkapital der Banken ).
Grossbanken
In der Schweiz UBS und Credit Suisse. Sie sind mit einem Anteil von 50% an der Bilanzsumme und 75% an der Börsenkapitalisierung aller Schweizer Bankaktien die bedeutendste Bankengruppe. Auch international gehören sie zu den grössten Banken.
Rho
Masseinheit für die Veränderung des Optionswerts bei einer Veränderung des risikofreien Zinses oder der Dividendenzahlung. Gehört zu den Greek Letters .
Risiko
In der Finanzmarkttheorie wird das Risiko einer Anlage an den Ertragsschwankungen gemessen. Risiko und Ertrag stehen theoretisch in einem direkten Zusammenhang: Je höher das eingegangene Risiko ist, desto grösser sollte längerfristig der Ertrag der entsprechenden Anlage ausfallen (vgl. Risikomanagement ).
Risikomanagement
Führungsinstrument zur umfassenden und systematischen Erfassung, Überwachung und Steuerung von Risiken auf der Grundlage wirtschaftlicher und statistischer Kenntnisse. Risikoformen sind Abwicklungsrisiko , Delkredererisiko , Gegenparteirisiko , Klumpenrisiko , Kreditrisiko , Länderrisiko , Marktrisiko , Währungsrisiko und Zinsänderungsrisiko .
Spekulation
Tätigkeit, die darauf ausgerichtet ist, aus einer erwarteten Marktveränderung Nutzen zu ziehen. Im engeren Sinne umfasst die Spekulation Geschäfte, bei denen hohe Gewinn- und Verlustrisiken eingegangen werden.
Versteigerung
Preisermittlung aus einer Sammlung von Aufträgen. Als Preis wird der Kurs festgestellt, zu dem der gewünschte Umsatz abgewickelt werden kann. Anleihen der Eidgenossenschaft werden in diesem Verfahren (Tenderverfahren ) emittiert.
Wallstreet
Im übertragenen Sinne Bezeichnung für die an der Strasse Wall Street gelegene Nyse , aber auch allgemein für New York als Finanzplatz .
Zentralbank
Volkswirtschaftliche Institution, die für die Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld zuständig ist. Gleichzeitig soll sie Geldwertstabilität und je nach Statut Vollbeschäftigung sowie angemessenes Wirtschaftswachstum herstellen. In der Schweiz ist dies die SNB .

Anfang 2007 begann die schlimmste Finanzkrise seit achtzig Jahren ihren Lauf zu nehmen und erreichte achtzehn Monate später mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers und den weltweit spürbaren Schockwellen ihren Höhepunkt. Verzweifelte staatliche Massnahmen ersparten uns eine Grosse Depression II, und offizielle staatliche Vertreter gelobten, wir würden «nie wieder» mit derartigen Risiken konfrontiert sein. Politiker und Zentralbanker nahmen einen umfangreichen Prozess nationaler Reformen und internationaler Koordination in Angriff, wobei sämtliche Bestrebungen darauf abzielten, das Risiko eines Zusammenbruchs sehr grosser Banken zu senken.

Zum AutorSimon Johnson ist Professor an der Sloan School of Management des MIT.Einerseits präsentiert sich das globale Finanzsystem ein Jahrzehnt später sicherer. Andererseits hat sich an der Struktur nicht viel geändert – sie ist womöglich noch anfälliger geworden. Doch statt den Reformprozess zu vollenden, scheinen die politischen Entscheidungsträger auf beiden Seiten des Atlantiks entschlossen, die meisten Massnahmen, die dem bisher erreichten Erfolg zugrunde liegen, rückgängig machen zu wollen.

Drei wichtige Errungenschaften wurden in den vergangenen zehn Jahren erreicht. Zunächst sind einige Finanzunternehmen zusammengebrochen, und das aus gutem Grund: Entweder ihr Geschäftsmodell war schlecht, oder sie waren schlecht geführt – oder beides. Gleichzeitig bauten stärkere Finanzunternehmen ihren Marktanteil aus.

Volcker-Regel wird hinterfragt

Zweitens verlagerte sich die Finanzausstattung der Banken von Schulden in Richtung Eigenkapital. Vor der Krise wiesen mehrere prominente Banken einen Eigenkapitalanteil von weniger als 2% auf – waren also zu über 98% durch Schulden finanziert. Derartiges kommt heute nicht mehr vor.

Drittens bestehen mittlerweile Beschränkungen hinsichtlich der Aktivitäten der grössten Banken. Die sogenannte Volcker-Regel verbietet den in den USA ansässigen Banken den Eigenhandel – eine Form der Spekulation auf eigene Rechnung. In anderen Ländern ist die Skepsis der Bankenaufsichtsbehörden gegenüber der angeblich durchdachten Risikobereitschaft gewachsen. Vorsicht liegt also in der Luft.

Leider könnten sich sämtliche dieser Errungenschaften als kurzlebig erweisen. Mächtige Personen wollen die Beschränkungen für Banken in den USA und Grossbritannien aufheben. Man rechnet beispielsweise damit, dass die Volcker-Regel möglicherweise durch Goldman Sachs und die vielen Ehemaligen aus dem Unternehmen, die mittlerweile in hochrangigen Positionen der US-Regierung vertreten sind, unter Druck kommt.

Zu gross zum Scheitern, nach wie vor

Gary Cohn, ehemaliger Geschäftsführer von Goldman Sachs sowie nunmehr Vorsitzender des wirtschaftlichen Beraterstabs von Präsident Donald Trump, ist der Ansicht, dass man die Kapitalanforderungen senken (und damit den Banken mehr Fremdfinanzierung und weniger Eigenkapital zugestehen) sollte, um damit die Wirtschaft anzukurbeln. Genau das geschah Anfang der Nullerjahre. Setzt sich Cohn durch, werden auch die Folgen ähnlich sein, nämlich katastrophal.

Seit 2008 weist das globale Finanzsystem eine in bedeutendem Mass stärkere Konzentration auf. Die grössten US-Banken entwickelten sich im Vergleich zu ihren Konkurrenten, darunter auch grossen europäischen Banken, gut. Infolgedessen bleiben Banken wie J.P. Morgan Chase in Schlüsselmärkten – und in der gesamten weltweiten Finanzinfrastruktur – viel zu gross, als dass man sie scheitern lassen könnte.

Das Finanzwesen erscheint zuweilen kompliziert, aber was auf dem Spiel steht, präsentiert sich ziemlich einfach. US-Senator Jack Reed (Demokrat, Rhode Island) hat es kürzlich treffend zusammengefasst: «Meine Wählerschaft braucht keine ausgeklügelten Berechnungsmethoden oder Formeln, um den Wert und den Nutzen einer Reform der Wallstreet sowie den Sinn hinter der Eindämmung rücksichtsloser Gier zu verstehen. Es bestehen ein Wert und ein Nutzen im Schutz der Verbraucher und ihrer hart erarbeiteten Einkommen. Und es bestehen ein Wert und ein Nutzen darin, einer Familie ihr Eigenheim zu lassen und eine Versteigerung zu verhindern.»

Profiteure der Krise an der Macht

Die politische Sicht von Regierungsvertretern wird durch ihre Weltsicht geprägt – und durch Erfahrungen, die sie gemacht haben. War jemand von einer Finanzkrise in dramatischer Weise betroffen, wird er wohl wenig Lust darauf haben, alles noch einmal zu erleben.

Im Falle von Personen allerdings, die von der Krise richtig profitiert haben – weil sie beispielsweise am Tiefpunkt der Entwicklung billig Vermögenswerte kauften oder Marktanteile ausbauten –, scheint es vernünftig anzunehmen, dass sie wohl weniger Vorsicht walten lassen werden. Reed verwies genau auf diesen Punkt, als er über die Eignung von Steve Mnuchin – einem ehemaligen Goldman-Sachs-Vizepräsidenten – als Finanzminister sprach: «Jemand, der sein Vermögen mit aggressiven Zwangsvollstreckungen an amerikanischen Mitbürgern gemacht hat, besitzt meiner Ansicht nach nicht die richtigen Werte für das Amt des Finanzministers. Aufgrund seines Werdegangs bin ich nicht überzeugt, dass Mr. Mnuchin in der Lage ist, den Sumpf trockenzulegen, und ich fürchte, er wird das System letztlich auf Kosten der Amerikaner aus der Arbeiterschicht zugunsten des obersten einen Prozent zurechtzimmern.»

Doch der Senat hat Mnuchin bestätigt, und das deutet darauf hin, dass wir wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren. Wie James Kwak und ich in unserem Buch «13 Bankers» dokumentiert haben, führte die Deregulierung des Finanzsektors der Achtziger- und Neunzigerjahre zum Immobilienboom Anfang der Nullerjahre, dieser ebnete den Weg für die Finanzkrise des Jahres 2008, die 2010 und danach wiederum Anlass zu neuen Reformen gab. Diese Reformen waren durchaus ernsthaft, gingen aber nicht weit genug, und sie können ohne grosse Schwierigkeiten rückgängig gemacht werden. Die Trump-Administration ist im Begriff, genau das zu tun.

Die Grossbanken werden noch grösser. Die Kapitalausstattung wird sinken. Und vernünftige Risikomanagementstrategien werden wieder aus der Mode kommen. Mächtige Menschen leben gut von Booms und Pleiten. Und der Rest muss mit verstärkter Ungleichheit und einem höheren Mass an krisenbedingter Armut rechnen.

Copyright: Project Syndicate.

Ein Kommentar zu «Das nächste Feuer im Finanzsystem»

  • Adrian Gnehm sagt: 11:23 - 17.03.17

    Die Immobilienkrise in den USA war 2008 der Auslöser der Finanzkrise. Zur Zeit gibt es keine Euphorie im Immobiliensektor der USA. Nur eine stark anziehende Inflation in den USA mit einem raschen Anstieg der langfristigen Zinsen könnte für einzelne Banken zum Problem werden. Aber ein Kollaps des Interbanken-Marktes wie 2008 halten auch die schwärzesten Pessimisten für ganz unwahrscheinlich.

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