Meinungen

Das Omen des Krimkriegs 1.0

Britische und französische Truppen führten in den 1850er Jahren Krieg gegen Russland. Im Westen ist er vergessen, im Osten begründet er dauerhaften Groll. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Worum ging’s? Um das befürchtete Ausgreifen des Zarenreichs auf die Passage zwischen dem Schwarzen und dem Mittelmeer.»

Als Bundespräsident Guy Parmelin am 10. September in seiner Heimatgemeinde Bursins feierlich empfangen wurde, reichte man als Festessen ländlich Deftiges: Kohlwurst, Lauchkartoffeln und – Malakoff. Das sind frittierte Käseballen, die in einigen Winzerdörfern der Waadtländer Côte heimische Kost sind.

In La Chaux-de-Fonds gibt es ein Quartier namens Malakoff, in Paris eine Vorstadt. Überhaupt, apropos Paris: Dort ist einer der wichtigsten Boulevards nach Sébastopol benannt. Malakow hiess eine Festung der zaristischen Hafenstadt Sewastopol auf der Krim. Französische Truppen stürmten 1855 die von den Russen geräumte Stadt bzw. was von ihr übrig geblieben war, nach 349 Tagen der Belagerung.

In diesem – bisher! – letzten direkten militärischen Konflikt zwischen Russland und westlichen Mächten (abgesehen von Eingriffen im Bürgerkrieg nach dem bolschewistischen Umsturz)  fochten auch Schweizer Söldner. Es sollen an die 2000 in britischen sowie etliche Hundertschaften in französischen Diensten gestanden haben; der moderne Bundesstaat, der die altgeliebte Reisläuferei, den lukrativen Legionärsexport, verboten hatte, war schliesslich erst fünf Jahre jung, als der Krimkrieg 1853 ausbrach. So mögen sich denn welsche Veteranen jeweils irgendwo zwischen Genf und Lausanne getroffen und guteidgenössisch Käse geschmolzen haben, wie in jungen Jahren an frostiger Front.

Cardigan, Raglan, Balaclava

Dieser Krieg, der drei Jahre dauerte und Zehntausende Opfer forderte, mehrheitlich auf russischer Seite, ist im Westen ebenso vergessen wie unvermutet präsent. In Britannien dominiert untergründig textile Erinnerungskultur: Die Cardigan-Strickjacke oder der Raglan-Ärmel sind Kleidungsstücke, die nach britischen Kommandeuren benannt sind, die Balaclava-Mütze schützte die Köpfe der britischen (tatsächlich zumeist irischen) Soldaten vor der Kälte: Schweizer reiferen Jahrgangs würden von einem Prototyp der Roger-Staub-Mütze sprechen. Balaklawa liegt, wo sonst, vor Sewastopol.

An den traditionsbewussteren Schulen im Vereinigten Königreich und überhaupt in der angelsächsischen Welt wird bis zum heutigen Tag eines der berühmtesten Gedichte in englischer Sprache vorgetragen, Lord Tennysons «The Charge of the Light Brigade»: ein Gesang auf die britische Kavallerie, die in Balaklawa todesmutig (und vollkommen sinnlos) russischer Artillerie entgegengaloppiert.

Briten, Franzosen, Türken

Worum ging’s? Um das befürchtete Ausgreifen des Zarenreichs auf die Passage zwischen dem Schwarzen und dem Mittelmeer. Zar Nikolaus I. nannte das Osmanische Reich nicht von ungefähr den «kranken Mann am Bosporus», denn es zeigte Zerfallserscheinungen, was Begierden weckte. So wollte sich Nikolaus zum Schutzpatron der im Heiligen Land unter türkischer Herrschaft lebenden Christen aufschwingen, natürlich mit machtpolitischen Implikationen – auch der heutige Herrscher Putin posiert mit seinem Eingreifen in Syrien, seinerzeit osmanische Provinz, nicht zuletzt als Verteidiger des Glaubens (vorzugsweise orthodoxer Denomination).

Im europäischen Grossmächtekonzert stand die Mitte, Preussen und Habsburg, naturgemäss eher auf Seiten der östlichen konservativen Vormacht Russland und hielt sich im Kriegsverlauf abseits. Österreich erzwang immerhin den Rückzug der Russen aus den Donaufürstentümern Moldau und Walachei. Die Westmächte Frankreich und Grossbritannien dagegen misstrauten dem Kreml zutiefst; die Briten wünschten auf dem Festland traditionell eine Balance der verschiedenen Kräfte, und es war stets die Maxime Whitehalls, jedwede Hegemoniebildung jenseits des Ärmelkanals zu unterbinden. Zudem sah es den Landweg nach Indien in Gefahr.

So kam es, dass sich London und Paris mit der Hohen Pforte, wie die Regierung des Sultans bezeichnet wurde, gegen den Zaren verbündeten. 1854 erklärten Briten und Franzosen Moskau den Krieg, der nebenbei nicht nur auf der Krim bzw. im Schwarzen Meer geführt wurde, sondern auch in der Ostsee, im Eismeer und im fernöstlichen Pazifik.

Nach dem Fall von Sewastopol hatte vor allem Frankreich sein Ziel, Russland in die Schranken zu weisen, erreicht und drängte auf den Frieden, der 1856 in Paris unterzeichnet wurde. Wenn aus diesem «modernen» blutigen Ringen – es ist vom ersten industriellen Krieg die Rede, die Blockade von Sewastopol griff den Grauen der Stellungsschlachten von 1914 bis 1918 vor, die «Times» berichtete dem Publikum zu Hause von vorderster Front  – überhaupt ein Sieger hervorging, war es Napoleon III. Der Neffe des korsischen Condottiere hatte sich 1852 in einem Plebiszit zum Kaiser der Franzosen wählen lassen und war nun, nach dem Friedensschluss, der mächtigste Mann auf dem Kontinent. Allerdings nur bis 1870, als er bei Sedan vor Bismarck die Waffen strecken musste.

Reaktionär, autoritär, imperial

Aus russischer Sicht präsentiert sich die Sache anders. Nikolaus I., ein reaktionärer, autoritärer grossrussischer Nationalist, der keinen Aufwand scheute, Mütterchen Russland gegen das Gift des westlichen Liberalismus zu immunisieren, hatte es gewagt, dem anmassenden Westen die Stirn zu bieten: Wem da heute nicht exakt Wladimir Putin einfällt. Die Annexion der Krim 2014 befahl Putin seinerzeit durchaus auch mit Blick auf die russische Geschichte; es lässt sich nicht bestreiten, dass die Belagerung von Sewastopol, der traumatische Krimkrieg überhaupt, eine russische, keine ukrainische Angelegenheit gewesen war, und dass dieser Krieg einen Groll gegen den Westen hinterlassen hat. Als im vergangenen Juni die HMS Defender im Schwarzen Meer kreuzte, argwöhnisch eskortiert von der russischen Marine, sprach das Moskauer Blatt «Kommersant» prompt von «Krimkrieg 2.0».

1855 starb Nikolaus; sein Sohn bestieg als Alexander II. den Thron. Dass Russland die an sich schlecht ausgerüsteten und versorgten britischen und französischen Expeditionskorps nicht hatte abwehren können, bewegte ihn zu umfangreichen Reformen. Namentlich beendete Alexander die Leibeigenschaft, die Sklaverei also, um im Kriegsfall Massenheere ausheben zu können. Moskau wandte sich mehr und mit Erfolg der Expansion im Kaukasus und in Turkestan zu.

Churchill, Roosevelt, Stalin

Als die deutsche Wehrmacht 1942 ins abermals zerstörte Sewastopol einrückte, köpfte sie flugs das Ehrendenkmal des Verteidigers der Stadt im Krimkrieg. Das war nicht allein typische Barbarei, sondern sogar grotesk widersinnig: Dieser General war nämlich einer der vielen deutschbaltischen Offiziere in zaristischen Diensten, Eduard Iwanowitsch Totleben – sinniger konnte er fürwahr nicht heissen. Sewastopol war übrigens erst 1783 gegründet worden, vom schottisch-russischen Konteradmiral Thomas MacKenzie, eingebürgert als Foma Fomich Mekenzi. Die Mekenziyevy gory, die Mekenzi-Hügel, im Umland Sewastopols tragen seinen Namen.

Wenige Kilometer östlich von Sewastopol liegt Jalta. Dort berieten im Februar 1945 die «grossen drei», Churchill, Roosevelt und Stalin, über die künftige Machtaufteilung in Europa. Wunsch und Wille der europäischen Völker spielten damals kaum eine Rolle, schon gar nicht derjenige der Ukrainer. Nochmal: Wem da nicht Putin vor Augen steht.

Leser-Kommentare

Roland Heinzer 10.12.2021 - 14:42
Wieder einmal mehr ein interessanter lehrreicher Artikel aus der Feder von Manfred Rösch, der zeigt wie weit die Geschichte in unsere Zeit hinein reicht. Ebenso könnte man auch die Auswirkungen des Europäischen Kolonialismus, der in China im Boxeraufstand endete, in den Zusammenhang des Verhältnisses von China zum Rest der Welt in Verbindung bringen. Das Studium der Geschichte wäre ein erster… Weiterlesen »
Nader Rodolfo Fassbind 10.12.2021 - 16:20

Spannend! Vielen Dank für die bereichernde Geschichtslektion.

Herbert Gantenbein Gantenbein 13.12.2021 - 14:06

Exzellenter Artikel ! Besten Dank an Herrn M. Rösch für die Aufzeichnung der geschichtlichen Zusammenhänge. Wie sagt das alte Sprichwort doch so schön : “know your history, and you will know your future… !!
Leider interessiert sich heute kaum jemand mehr um geschichtliche Zusammenhänge… schade ! Vieles (vor allem Hass und Missverständnis) könnte vermieden werden …