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Das Prinzip der modernen Wohlfahrtstheorie gibt der Ökonomie kein Instrument für mehr soziale Gerechtigkeit, sondern ein enges Korsett zur Effizienzsteigerung.

Die Wohlfahrt der Gesellschaft verbessern – es gibt kaum eine Aufgabe, mit der die sonst eher als Anleitung zum Egoismus verstandene Ökonomie ihrer deutschen Bezeichnung  «Volkswirtschaftslehre» gerechter würde.  Und lange fühlte sie sich für den edlen Auftrag nicht nur prädestiniert, sondern auch methodisch gerüstet.

Bis Vilfredo Pareto zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts an ihre Fakultätstüren klopfte. Der italienische Ingenieur hatte zwischen der Maximierung des individuellen und des gesellschaftlichen Nutzens eine Kluft entdeckt, mit der er die formalste aller Sozialwissenschaften  vor den eigenen Abgrund führte. Dort ist sie bis heute in einer Mischung aus puristischem Stolz und gesellschaftlicher Scham wie angewurzelt stehen geblieben.

Pareto machte mit seinem Kriterium für die Steigerung des Gesamtwohls ein für alle Mal klar: Mit wissenschaftlichen Methoden ist keine Brücke zwischen dem Nutzen des Einzelnen und dem der Gesellschaft zu schlagen. Das Pareto-Optimum, der Grundstein der modernen Wohlfahrtsökonomie, besagt: Von einer Steigerung der Wohlfahrt kann strikt nur dann gesprochen werden, wenn der Nutzen zumindest eines Individuums erhöht wird, ohne ein anderes schlechterzustellen. Pareto illustrierte die Optimierungsmöglichkeiten für den Fall zweier Akteure mit der jedem Ökonomiestudenten vertrauten Edgeworth-Box.

Pur und stur

Wenn wir einem Milliardär eine seiner Villen wegnehmen und einer Obdachlosen geben, wird dadurch die Wohlfahrt nicht gesteigert? Ist der Nutzenverlust für ihn nicht weit geringer als der zusätzliche Nutzen dieses Hauses für die Obdachlose? Paretos Antwort: Wir wissen es nicht. Was ungerecht scheint – und es je nach ethischem Empfinden ist –, ist nur die Folge von Paretos kompromisslosem Purismus: Wenn wir individuelle Wohlfahrtsverluste und -gewinne bei ihrer Aggregation verrechnen, ordnen wir positiven und negativen Empfindungen willkürlich eine Zahl zu. Damit verliert die Ökonomie ihren Stand als empirische Wissenschaft. Sein Effizienzkriterium markiert die Grenze, jenseits deren nur Werturteile entscheiden, ob eine wirtschaftspolitische Massnahme die soziale Wohlfahrt steigert.

Das Pareto-Optimum ist untrennbar mit Paretos Nutzentheorie verbunden. Die klassischen Ökonomen vor ihm waren davon ausgegangen, dass Ausprägungen von Nutzen nicht nur ordinal, also in der Beziehung von «grösser oder kleiner» zueinander stehen. Der Abstand zwischen ihnen war für sie auch kardinal messbar. In ihrer Theorie konnte errechnet werden, um das Wievielfache der Nutzen eines Gutes den eines anderen übersteigt.

Im «Manuale di Economia Politica» von 1906 entwickelte Pareto die Nutzentheorie, der die moderne Konsumtheorie folgt. Er stellte dem kardinalen Nutzenbegriff die ordinale Ophelimität (griech. ophélimos = nützlich) gegenüber. Diese subjektiv empfundene Wohlfahrt hängt von der Intensität des Bedürfnisses ab und schliesst damit interpersonelle Vergleiche aus. Pareto nutzte das Konzept der Indifferenzkurven von F. Y. Edgeworth, stellte es aber auf den Kopf: Für den irischen Ökonomen muss zuerst der Nutzen der Güter gemessen werden, um die Kurven herzuleiten. Für Pareto waren sie empirisch gewonnene Darstellungen der Präferenzen.

Während Paretos Nutzentheorie interpersonelle Wohlfahrtsverrechnung und damit Umverteilung ausschliesst, wird die bestehende Ungleichverteilung durch ein weiteres Forschungsergebnis Paretos zementiert: Die 1887 im «Cours d’économie politique» erschienene Kurve der Einkommensdistribution legt nahe, dass der Anteil derjenigen, deren Einkommen einen gewissen Wert übersteigt, relativ konstant ist – Einkommensverteilung und damit Ausgangspunkt für die Optimierung (vgl. Textbox unten) können damit als «gegeben» behandelt werden. Pareto überprüfte den in Italien beobachteten Zusammenhang zwar an Daten anderer Länder. Bei seiner apodiktisch anmutenden Erhebung zum «für alle Länder und alle Zeiten» geltenden Gesetz dürfte seine ablehnende Haltung gegenüber dem aufkommenden Sozialismus indes mitgespielt haben. Trotzdem stellt die Pareto-Verteilung bis heute ein Pionierwerk der Ökonometrie dar.

Die falsche Wissenschaft

Die Vollendung einer ordinalen Nutzen- und Konsumtheorie übernahmen J. R. Hicks und R. R. D. Allen in den Dreissigerjahren. Kenneth Arrow generalisierte zwei Jahrzehnte später das Pareto-Prinzip mit dem Theorem über die Unmöglichkeit, das Gemeinwohl formell zu bestimmen.

Die Wohlfahrtsökonomie hat bis heute nicht aus der Edgeworth-Box ausbrechen können. Es gibt kaum eine mit der Frage kollektiven Nutzens oder Handelns befasste Disziplin, die nicht auf Pareto-Effizienz aufbaut: Die Neue Politische Ökonomie (Public Choice) etwa sieht im Staat kein  idealisiertes Übersubjekt, dessen Nutzen mit dem der Gesellschaft zusammenfällt, sondern einen Prozess aus Einzelentscheidungen. Und in der Praxis ist die EU wohl das beste Beispiel für die Berücksichtigung des Pareto-Prinzips im politischen Entscheidungsprozess. Ihr Integrationsprozess ist der Versuch, die hohen Kosten der Einstimmigkeit durch Einführung von Mehrheitsbeschluss in immer mehr Bereichen zu senken – durch die demokratische Regel, mit der eine Mehrheit gegen den Widerstand einer Minderheit das «Allgemeinwohl» durchsetzt.

Für Pareto war die Ökonomie von Anfang an nicht die Wissenschaft zur Lösung ethischer oder sozialer Probleme.

Das sollte Aufgabe der Soziologie sein, der er sich nach der Jahrhundertwende zuwandte. Das Pareto-Optimum ist bis heute das, was sein Namensgeber damit schaffen wollte: ein sicherer Rahmen, in dessen Innern die Ökonomie soziale Wissenschaft sein darf, ohne als empirische Wissenschaft erröten zu müssen – das Umgekehrte garantiert es nicht. Dafür gibt es Werturteile.