Unternehmen / Schweiz

Das Potenzial der Kleinen

Nicht alle Small und Mid Caps werden zu Stars. Selektiv bieten sich in diesem Segment aber nach Kurskorrekturen Kaufgelegenheiten.

Die Weltkonjunktur ist robust und stimmt zuversichtlich für Aktien. Doch die Schweizer Börse kommt nicht vom Fleck. Unwägbarkeiten kommen aus Wirtschaft und Politik, deren Auswirkung auf das Geschäft der Unternehmen sich schwer einschätzen lässt. Der Swiss Market Index (SMI) der zwanzig Standardwerte hat seit Jahresbeginn fast 6% verloren. Der breite Markt hat sich kaum besser geschlagen: Der Swiss Performance Index Extra (ohne SMI) notiert ohne Einbezug der Dividenden 1,5% niedriger als zu Jahresbeginn.

Gleichzeitig geht der Markt für 2018 und für 2019 von leicht steigenden Unternehmensgewinnen je Titel aus. Das hat zur Folge, dass die Bewertung des Schweizer Aktienmarktes etwas gesunken ist. Das trifft vor allem auf die Blue Chips zu, aber auch auf ausgewählte kleinere Werte. Small Caps verdienen wegen ihrer grösseren Wachstumschancen – und Risiken – generell besondere Beachtung und erfordern eine geschickte Selektion.

Reinigende Korrektur

Gerade im Small-Cap-Bereich kam es dieses Jahr zu deutlich mehr kräftigen Kursverlusten als vor Jahresfrist. Daniel Ambrogini, Portfoliomanager bei Rahn + Bodmer mit Schwerpunkt Schweizer Small und Mid Caps, sagt, die hohen Kursverluste ergäben sich aus einer Kombination von Faktoren: «Erstens gab es Enttäuschungen immer noch hoher Erwartungen. Zweitens hat es das hohe Kursniveau den Investoren ermöglicht, Gewinn zu realisieren, auch wenn die Aktien deutlich nachgaben.»

Erhard Lee, ebenfalls auf Schweizer Aktien spezialisierter Vermögensverwalter von AMG, sieht das ähnlich: «In den Kursen war bis zur Berichtssaison sehr viel Hoffnung enthalten, und Hoffnungen werden immer zu hoch bezahlt. Zum Teil haben Anleger die Kosteninflation unterschätzt.» In der Regel könne sich nicht so viel verändern, dass ein schneller Kursanstieg von 50 bis 100% und sogar mehr gerechtfertigt sei, sagt Lee weiter. Die Kurskorrektur habe den Markt auf den Boden der Realität zurückgeholt.

Gemäss Ambrogini sind die Bewertungen im Small- und Mid-Cap-Segment insgesamt leicht gesunken, auch wenn sie historisch betrachtet tendenziell immer noch hoch sind. Nach der Kurskorrektur ist Rahn + Bodmer für die kommenden zwölf Monate für Schweizer Small und Mid Caps verhalten optimistisch und rechnet mit einer Gesamtrendite, inklusive Dividende, von 5 bis 8%.

Für Aktien spricht weiterhin die hohe Risikoprämie, meint Lee. «Die Differenz zwischen dem risikofreien Zins und dem erwarteten Gesamt-Return einer Anlage beträgt am Schweizer Aktienmarkt je nach Segment immer noch bis zu 5%. Das ist sehr lukrativ», betont er. Steigende Inflation und höhere Zinsen würden zwar mehr und mehr zum Thema und würden das Potenzial am Aktienmarkt bremsen, aber nicht zu einem Absturz führen. «Von der Bewertung her scheint mir die Aktienbörse sauber», sagt Lee. Die Gewinne entwickeln sich positiv, was eine Kontraktion der Bewertung ausgleichen würde.

Vertrauen in Comet

Nicht alle Kursverlierer sind automatisch attraktiv. Ambrogini nennt Meier Tobler als Beispiel: «Wir raten derzeit vom Einstieg ab. Das Marktumfeld des Klimatechnikers ist schlecht, die Fusion bindet Managementkapazitäten, die Verschuldung ist hoch, und das Management muss erst noch den Beweis erbringen, den schwierigen Turnaround hinzubekommen.» Ungünstig sei, dass in ein neues Lager investiert worden sei, dass jetzt für die fusionierte Gesellschaft nicht ausreiche.

Auch Arbonia seien kein Kauf. Hohe Erwartungen an die Fähigkeiten des Managements hätten die Bewertung zu weit nach oben getrieben. Gleichzeitig werde der Gebäudeausrüster von Faktoren wie Lohninflation und – zumindest vorübergehend – negativen Wechselkurseffekten gebremst. Ebenso rät Ambrogini von einem Engagement in MCH Group ab, selbst nach dem deutlichen Kursverlust.

Positiv ist Rahn + Bodmer dagegen für Comet gestimmt: «Wir glauben, dass das Management die richtigen Schritte eingeleitet hat und der Turnaround gelingen wird.» Das Kursniveau lade nach der Korrektur von fast 40% zum Kauf ein. Generell als attraktiv erachtet Ambrogini Aktien mit einem guten Mix aus vernünftiger Bewertung, guten Wachstumsaussichten und überzeugendem Management. Zudem legt er grossen Wert auf solide Finanzen. «Sie helfen, allfällige Krisen nicht nur zu überstehen, sondern womöglich gestärkt aus ihnen hervorzugehen», sagt der Experte für Small und Mid Caps. In der Summe hält er Forbo, Conzzeta, Georg Fischer und Bossard für kaufenswert. Für Investoren mit hoher Risikofähigkeit sieht er auch AMS langfristig als kaufenswert an, auch wenn die Titel sehr volatil sind.

Lem hat immer geliefert

Es gibt Unternehmen, die immer geliefert haben und daher immer noch ein recht hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20 oder 25 aufweisen, meint Lee. Dazu gehörten etwa der Sanitärtechniker Geberit, der Bauchemikalienhersteller Sika und im Small-Cap-Bereich Lem, Hersteller elektronischer Komponenten. «Für weniger attraktiv halte ich Bell oder Emmi. Hier wurden Übertreibungen abgebaut, aber für einen Einstieg halte ich sie immer noch für zu teuer», meint AMG-Vermögensverwalter Erhard Lee.

Kaum Kontinuität gezeigt habe der Verbundwerkstoffspezialist Gurit, und der Schliesstechniker Dormakaba habe auch kaum je die Margen geliefert, die man erwartet hatte. Sehr teuer geworden seien Interroll, weshalb Lee die Position bis auf wenige Stück abgebaut und den Gewinn realisiert hat.

Attraktive Also und APG

Auf der Käuferseite ist Lee nach der Kurskorrektur von 20% bei Also. Der IT-Distributeur zeige eine gute Gewinnentwicklung, die nur vorübergehend von Einmalinvestitionen beeinträchtigt worden sei. Attraktiv seien nach der Kurskorrektur auch APG. «Ich vertraue darauf, dass das Management gute Arbeit leistet», meint Lee. Viel Umsatzwachstum erwartet er zwar nicht, sieht aber die hohe Dividendenrendite als relativ sicher an. Auch die Titel des Verbindungstechnikers Bossard kaufe er, bei Preisen unter 200 Fr.

Attraktiver werden nach Einschätzung von AMG die Aktien von Stromproduzenten. Es brauche zwar noch Zeit, bis sich die höheren Strompreise positiv bemerkbar machten, weil die Verträge mehrjährige Laufzeiten hätten, gibt er zu bedenken. Doch der Einstieg werde sich auf lange Sicht lohnen.

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