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Das Rentenalter 65 wird nicht bleiben

Mathias Binswanger

Vergangene Woche war die Altersvorsorge wieder einmal Thema im Parlament. Es ging um die Reform AHV-21, welche vorsieht, dass Frauen in Zukunft gleich wie Männer mit 65 Jahren pensioniert werden. Diese Erhöhung soll aber mit ein paar Ausgleichsmassnahmen abgefedert werden, welche für hitzige Diskussionen sorgten. Aus längerfristiger Perspektive sind das aber Nebensächlichkeiten. Die zukünftigen Finanzierungsprobleme der AHV werden auch mit dieser Reform nicht einmal annähernd gelöst. Nach den Berechnungen des Bundesamtes für Sozialversicherungen wird das Umlageergebnis der AHV, also Einnahmen minus Ausgaben, von Jahr zu Jahr negativer und ohne die Reform AHV-21 im Jahr 2045 bereits bei minus 15,5 Mrd. Fr. liegen. Wird die AHV-Reform so umgesetzt, wie der Bundesrat sich das vorstellt, dann beträgt das Defizit 2045 immer noch 12,3 Mrd. Die Demografie schlägt irgendwann gnadenlos durch.

Wir werden uns in Zukunft deshalb wohl oder übel vom starren Pensionsalter 65 verabschieden müssen. Geschichtlich betrachtet ist diese heute fast als Naturrecht betrachtete Altersgrenze eigentlich Zufall. Sie stammt aus Deutschland, wo Bismarck in den Jahren 1883 bis 1889 erstmals eine Altersversicherung für Arbeiter einführte. Allerdings wurde das Pensionsalter ursprünglich auf 70 Jahre festgelegt. Dieses Alter sorgte dafür, dass die Rente fast nie ausbezahlt werden musste. Ein Arbeiter schuftete damals noch 60 Stunden pro Woche und starb im Normalfall lange vor dem Erreichen des siebzigsten Altersjahrs.

Die Finanzierung wurde demzufolge erst zu einem Thema während des ersten Weltkrieges, als das Rentenalter auf 65 gesenkt wurde und auch Angestellte ein Anrecht auf Rente bekamen. Trotzdem schaffte man es in der Folge, am Rentenalter von 65 festzuhalten, und erst seit 2012 wird das Rentenalter mit langen Übergangsfristen sukzessive auf 67 Jahre angehoben. In der Schweiz wurde das Rentenalter von 65 Jahren bei der Einführung der AHV im Jahre 1948 übernommen, wobei das Alter für Frauen dann später in den 1960er-Jahren sogar auf 62 gesenkt wurde.

Von der Pyramide zum Atompilz

Voraussetzung für die bisher reibungslose Finanzierung der AHV im Umlageverfahren war eine Altersstruktur, die grafisch dargestellt eine Pyramide ergibt. Doch diese Pyramide verwandelt sich optisch zunehmend in eine Art Atompilz. Das heisst: ein immer geringerer Bevölkerungsanteil von Erwerbstätigen muss einen immer grösseren Bevölkerungsanteil von Rentnerinnen und Rentner finanzieren. Die Zahl der 65-Jährigen und Älteren dürfte von heute 1,6 auf 2,4 Mio. im Jahr 2040 (plus 50%) wachsen. Bei den Erwerbstätigen wird hingegen nur noch mit einem Wachstum von 5% gerechnet.

Aus dieser Tatsache ergibt sich das zukünftige Finanzierungsproblem der AHV. Grundsätzlich ist dieses allerdings leicht lösbar. Erhöht man das Rentenalter auf 67 Jahre, dann haben wir 2040 praktisch wieder eine ausgeglichene Rechnung. Diese Erhöhung des Rentenalters hat die OECD der Schweiz schon 2019 vorgeschlagen. Doch die Politik wagt es bis heute kaum, dieses heisse Eisen anzufassen. Man könnte sich damit ja unpopulär machen. Dies obwohl bereits 40% der 2019 in einer Studie von Deloitte befragten 50- bis 64-Jährigen angeben, über die Pensionierung (mit 65) hinaus arbeiten zu wollen.

Eine willkommene Option

Damit ein Rentenalter 67 nicht zum Schreckgespenst wird, darf dieses allerdings nicht in starrer Form aufoktroyiert werden. Erstens drängt es sich auf, für bestimmte körperlich anstrengende Tätigkeiten Ausnahmeregelungen zu machen und ein früheres Pensionsalter vorzusehen. Zweitens sollte ein möglichst flexibles System konzipiert werden, bei dem es verschiedene Optionen gibt. Wer sich bereits vor 67 pensionieren lassen will, soll diese Möglichkeit erhalten, aber mit entsprechend gekürzten Renten. Wer noch einige Jahre über das Alter von 67 hinaus arbeiten möchte, soll diese Möglichkeit ebenfalls erhalten, mit entsprechend höheren Rentenansprüchen. Zudem könnte man auch die Möglichkeit schaffen, Teilrenten zu beziehen, womit die Altersteilzeit an Attraktivität gewinnen würde.

Damit Menschen aber auch gerne länger arbeiten, dürfen ältere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auf den Arbeitsmarkt nicht länger diskriminiert werden. Solange in verschiedenen Branchen die Tendenz besteht, ältere Arbeitnehmer möglichst schnell in Frühpension zu schicken, um so Entlassungen zu vermeiden, torpediert dies die notwendige Erhöhung des Rentenalters. Nur bei einem angenehmen Arbeitsklima verliert ein höheres Pensionsalter sein Schreckenspotential und wird bei einem Teil der Bevölkerung zu einer willkommenen Option.