Meinungen

Das Rezept des britischen Impferfolgs

Klare Strategie und Mut zum Risiko ebnen im Vereinigten Königreich den Weg zurück zur Normalität. Ein Kommentar von Grossbritannien-Korrespondent Pascal Meisser.

Pascal Meisser, London
«Ausgerechnet das Land, das die Pandemie lange schlecht gemanagt hat, steht nun als Vorbild da.»

Von solchen Zahlen kann Kontinentaleuropa nur träumen: Fast ein Drittel der 67 Mio. Briten hat bislang zumindest einen Piks mit der Impfspritze erhalten. Bei diesem Tempo sollten Ende Mai alle Erwachsenen die erste Impfdosis intus haben. Damit steht das Vereinigte Königreich vor allen anderen europäischen Ländern. In der Schweiz haben bislang rund 3% der Bevölkerung eine Impfdosis erhalten. Weltweit werden die Briten nur von Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten übertroffen. Das lässt auf einen Sommer ohne grössere Einschränkungen hoffen.

Doch weshalb ist ausgerechnet das Land, das die Pandemie über weite ­Strecken so schlecht wie kein anderer europäischer Staat gemanagt hat, nun mit seiner Impfstrategie dem Rest des Kontinents derart überlegen?

Die Antwort darauf ist einfach: Es hat, mit etwas Glück, den richtigen Mix aus britischem Pragmatismus, einer ­gewissen Neigung zum Risiko und den Vorteilen eines zentralisierten Gesundheitssystems gefunden. Die Impfstrategie hatte Gesundheitsminister Matt Hancock bereits vergangenes Jahr kurz nach dem Ausbruch der Pandemie entworfen. Es mag sich anekdotisch an­hören, dass ausgerechnet ein Hollywood-Thriller den Gesundheitsminister mitinspiriert hatte: «Contagion» handelt von einer Pandemie mit tödlichem Ausgang. Im Film habe man sehen können, dass die grössten Schwierigkeiten nicht vor der Lancierung des Impfprogramms aufträten, sondern dann, wenn der Kampf um die Priorisierung der Impfwilligen beginne, sagte Hancock dem Radiosender LBC.

Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg war die frühe Ernennung einer Impf-Taskforce. Sie wurde nicht nur mit Wissenschaftlern, sondern auch mit einer Investorin besetzt, die stark im Pharma- und im Biotech-Sektor vernetzt ist. So konnte sich das Land Monate vor der Europäischen Union bei den sieben aussichtsreichsten Herstellern rund 400 Mio. Impfdosen sichern. Auf diese Weise stellte die Regierung von Boris Johnson sicher, unabhängig vom Forschungserfolg der Vakzinanbieter genügend Dosen zur Verfügung zu haben.

Während in der Schweiz heute noch mit der Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca zugewartet wird, nahm das Vereinigte Königreich einige Risiken in Kauf, um Vakzine möglichst schnell zuzulassen. Bei der Beurteilung wurden ständig neue Daten einbezogen, statt schrittweise vorzugehen. So starteten die Briten ihr Impfprogramm bereits Anfang Dezember. Für das Ziel, möglichst schnell so viele Personen wie möglich wenigstens einmal zu impfen, wurde das Risiko in Kauf genommen, den Abstand zwischen der Verabreichung der beiden Dosen von sechs auf mindestens zwölf Wochen auszuweiten. Inzwischen hat sich gezeigt, dass anfängliche Bedenken bezüglich geringerer Wirksamkeit nach heutigem Wissenstand wohl unbegründet sind.

Das dritte entscheidende Element ist der nationale Gesundheitsdienst NHS. Dank seiner zentralen Struktur kam es regional nicht zu Verzögerungen und auch zu keinem Verteilungsstreit. Binnen kurzer Zeit wurden landesweit über hundert Impfzentren eingerichtet, wobei auch Fussballstadien und Kathedralen benutzt werden. Dank der grosszügigen Bestellungen sind genügend Impfdosen vorhanden; zuweilen werden pro Tag mehrere hunderttausend Personen geimpft.

Der Erfolg dieser Offensive lässt sich sehen: Mittelmeerländer wollen sich schon bald für geimpfte Briten öffnen, Boris Johnson liebäugelt damit, die paneuropäisch vorgesehene Fussballeuropameisterschaft im Juni komplett im eigenen Land durchzuführen, und Konzertveranstalter planen bereits für den Sommer Grossanlässe. Diese Perspektiven lassen die Briten darüber hinweg­sehen, dass der Lockdown noch weit in den Frühling andauern wird.