Meinungen

Das Ringen um Mugabes Nachfolge wird härter

In Simbabwe bringt sich die Ehefrau des greisen Staatschefs in Stellung, um die Macht zu erben. Der Vizepräsident dagegen wurde – einstweilen – ausgebootet. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Vieles weist darauf hin, dass Mugabe mit dem politischen Aufstieg seiner 41 Jahre jüngeren Frau doch noch eine Dynastie begründen will.»

Die jüngste Frischzellenkur bei seinem Leibarzt in Singapur hat anscheinend nicht mehr gewirkt. Simbabwes Machthaber Robert Mugabe, inzwischen 93 Jahre alt, ist körperlich zuletzt immer gebrechlicher geworden. Zwar kandidiert die einstige Lichtgestalt der Linken für die auf nächstes Jahr angesetzte Präsidentschaftswahl abermals, doch deutet vieles darauf hin, dass Mugabe – nach 37 Jahren Alleinherrschaft – sein bislang untrüglicher Machtinstinkt verlassen hat und ihm die Führung seiner Regierungspartei Zanu PF entgleitet.

Das deutlichste Anzeichen dafür lieferte zu Wochenbeginn die Entlassung seines Vizepräsidenten und engen Vertrauten Emmerson Mnangagwa (75), der bislang als klarer Favorit im Rennen um die Nachfolge Mugabes galt, aber auf der Zielgeraden nun offenbar von dessen Ehefrau Grace überflügelt wird. Vieles weist jedenfalls darauf hin, dass Mugabe mit dem politischen Aufstieg seiner 41 Jahre jüngeren Frau doch noch eine Dynastie begründen will.

Nicht wenige Beobachter glauben allerdings, dass er genau damit sein Blatt überreizen würde. Sollte nämlich der bereits im Oktober als Justizminister abgesetzte Mnangagwa auf einem Parteikongress im Dezember tatsächlich durch die im Volk ausgesprochen unbeliebte First Lady ersetzt werden, drohte dem Land womöglich eine scharfe Gegenreaktion des Sicherheitsapparats, der Mugabe bislang an der Macht gehalten hat.

Diese Ansicht vertritt jedenfalls Robert Besseling, Chef des auf Sicherheitsfragen spezialisierten Dienstes Exx Africa. Schliesslich war Mnangagwa in den Achtzigerjahren nach der Unabhängigkeit des Landes Mugabes loyaler Geheimdienstchef und ging damals brutal gegen die Opposition vor. Viele machen ihn mitverantwortlich für die Massaker unter Zivilisten, bei denen im Matabeleland rund 20’000 Menschen getötet wurden. Nach vierzig Jahren Freundschaft soll er jedes Geheimnis Mugabes kennen.

Stürzt Mugabe?

Bislang gibt es noch kein Indiz dafür, dass Mnangagwa nach dem Verlust des Ministerpostens nun auch die demütigende Absetzung als Vizepräsident einfach akzeptieren wird, zumal auch den ihm treu ergebenen Sicherheitsdiensten womöglich Säuberungen ins Haus stehen. Zu Wochenbeginn mehrten sich Berichte über ungewöhnliche Truppenbewegungen in der Hauptstadt Harare, die dem Sicherheitsexperten Besseling zufolge entweder auf den Sturz Mugabes oder auf die Festnahme seines entlassenen Vizepräsidenten hinweisen könnten. Dies würde wiederum der von Grace Mugabe angeführten jüngeren Generation in der Regierungspartei die Möglichkeit eröffnen, die Nachfolge im eigenen Sinne zu regeln – vorausgesetzt, das Militär spielt mit und hält still.

Grace Mugabe hatte bereits in den vergangenen Wochen ihre Angriffe auf Mnangagwa hörbar verstärkt und mehrfach angedeutet, ihn bald als Vizepräsidenten zu ersetzen. Dies würde ihr die beste Startposition im Rennen um die Nachfolge ihres altersschwachen Mannes bescheren – und kommt zu einer Zeit, in der viele Simbabwer einen neuerlichen wirtschaftlichen Kollaps des Landes erwarten.

Viele Menschen fürchten vor allem eine Rückkehr der Hyperinflation, die 2008 zeitweise auf mehr als 250 Mio. Prozent geklettert war und die Abschaffung der Landeswährung (Simbabwe-Dollar) bzw. daraufhin die Einführung des US-Dollars notwendig machte. Nachdem das hochkorrupte Regime im vergangenen Jahr seine Rechnungen nicht mehr mit echten amerikanischen Dollar hatte bezahlen können, begab es in seiner Not sogenannte Bond Notes, von denen behauptet wurde, sie seien frei eintauschbar. Dennoch werden US-Dollar auf dem schwarzen Markt der Hauptstadt Harare seit langem zu einem Aufpreis von mehr als 30% gemessen an den angeblich gleichwertigen Bond Notes gehandelt.

Reiche Sippe in armem Land

Das Vorgehen gegen Mnangagwa erinnert stark an die Entmachtung der lange Zeit als Mugabes Nachfolgerin gehandelten Joyce Mujuru. Diese wurde vor drei Jahren von Mugabes Frau Grace öffentlich ähnlich brüskiert wie jetzt Mnangagwa. Wenige Tage vor  Beginn des Parteitages im Dezember 2014 war Mujuru dann plötzlich nicht mehr Mitglied des Politbüros. Sie hat inzwischen eine eigene Partei gegründet und ist erklärte Gegnerin Mugabes.

Derweil ist die Mugabe-Familie unter der Führung der First Lady längst zu einem der grössten Grundbesitzer des Landes geworden. Die Mugabes besitzen (oft von weissen Farmern gestohlene) Viehfarmen, Jagdgebiete und Immobilien in bester Stadtlage. Erst im Mai hat die in New York ansässige Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch gemeldet, dass Polizisten im Auftrag von Grace Mugabe 200 schwarze Familien von einer Zitrusfarm vertrieben und ihre Hütten zerstört hätten.

Zuletzt hat Grace Mugabe bei einer Südafrikavisite mit einem Angriff auf eine junge Frau auf sich aufmerksam gemacht, die sie im Apartment ihres Sohnes in Johannesburg angetroffen hatte. Trotz der dabei verursachten Kopfverletzungen wurde Grace Mugabe diplomatische Immunität gewährt, und Südafrika liess sie noch vor einem bereits angesetzten Gerichtstermin nach Simbabwe zurückkehren.