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Märkte / Makro

Das Say’sche Theorem

Die Erinnerung an den Ursprung der Angebotstheorie ist verblasst. Die Debatte über angebots- oder nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik aber lebt weiter.

Hätte der vor 200 Jahren lebende Unternehmer, Journalist und Ökonom Jean-Baptiste Say den legendären Spruch des früheren US-Präsidenten Bill Clinton gekannt («It’s the economy, stupid», es geht um die Wirtschaft, Dummkopf), hätte er ihn wohl für seine wirtschaftstheoretische Botschaft verwendet: «Es geht ums Angebot, Leute!»

Der umtriebige Franzose vertrat die These, wonach, vereinfacht ausgedrückt, jedes Angebot seine Nachfrage schafft. Wer etwas herstellt, tut es letztlich nur deshalb, weil er sein Produkt gegen andere Produkte eintauschen möchte, will heissen, er investiert den Verkaufserlös oder gibt ihn aus, oder wenn er ihn spart, kaufen andere etwas damit. Der Anbieter, direkt und indirekt, bestimmt damit nicht nur über die Nachfrage, sondern es kommt – elastische Preise vorausgesetzt – auch nie zu Überproduktion, jedenfalls nicht zu einer strukturellen. Say trat damit Befürchtungen entgegen, wie sie im Sog der industriellen Revolution halb Europa beschäftigten.

Jean-Baptiste Say stammte aus einer mittelständischen Unternehmerfamilie und war zeitweise selbst Unternehmer. In jungen Jahren sah er während eines Englandaufenthalts mit eigenen Augen, was die Technisierung bedeutete, die durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelöst wurde: neue, raschere und günstigere Produktion und damit Marktchancen, aber auch soziale Härten und eine überforderte Politik. Der Franzose hatte ein ambivalentes Verhältnis zum Staat, hat ihn verteufelt, aber auch von ihm profitiert.

Seinem Credo jedoch blieb er zeitlebens treu: Lieber keine als eine falsche Politik, weil diese den Markt behindert und damit das Elend noch grösser macht, statt den Wohlstand zu fördern, sprich den schnellen Warenaustausch, wie Say es formulierte.

Die Sache mit den Fenstern

Ein Erlebnis prägte seine wirtschaftspolitische Haltung wie kaum ein anderes: Bei seinem ersten Englandaufenthalt war er Gast in einer kleinen Pension. Plötzlich tauchten eines Morgens Handwerker auf und mauerten eines der beiden Fenster im Zimmer zu. Nach dem Grund für das unübliche Handeln gefragt, gab der Hausherr zur Antwort, er wolle die Fenster- und Türsteuer sparen, die das Parlament eben verabschiedet hatte. Say war nicht grundsätzlich gegen Steuern.

Das konnte er bei seinem polyvalenten Verhältnis zum Staat auch nicht. Doch mit Fug und Recht – und vielen späteren Beispielen – konnte er so belegen, dass exzessive Abgaben nicht nur der Wirtschaft und damit der Allgemeinheit, sondern auch dem Verursacher, dem Fiskus, schaden.

In seinem Werk «Traité d’Economie politique» warnte Jean-Baptiste Say nicht nur vor einem engen Fiskalkorsett, sondern tat generell sein Verständnis der Nationalökonomie kund. Die Kernbotschaft: Ein erhöhtes Güterangebot zieht automatisch eine höhere Güternachfrage nach sich und belebt so die Wirtschaft.

Say hat seine «Gleichung» nie mathematisch ausformuliert und verfeinert, was Kritiker möglicherweise besänftigt hätte. Dies haben andere Neoklassiker in einer späteren Generation übernommen, so der britische Nationalökonom Alfred Marshall, zu dessen Schülern John Maynard Keynes gehörte. Jean-Baptiste Say erlebte nicht mehr, wie Keynes zu einem seiner grössten ideologischen Widersacher und der Neoklassiker überhaupt wurde. Keynes setzte dem vom Franzosen ausgehenden angebotsorientierten Modell das nachfrageorientierte gegenüber. Das Say’sche Theorem verteufelte er zwar nicht grundsätzlich, hielt es aber für viel zu starr und damit für unbrauchbar. Es klammere die Ungewissheit aus, kritisierte Keynes. Nehme die Ungewissheit überhand, verflüchtige sich jede Berechenbarkeit. Es werde gespart und gehortet, welches Angebot man auch immer unterbreite. In einer solchen Situation müsse der Staat fehlende Nachfrage kompensieren.

Anders als Keynes sagt der Name Say jüngeren Ökonomen kaum etwas. Sein Theorem kann selbst in Konturen kaum noch jemand wiedergeben.

Say wird nicht mehr gelehrt, jedenfalls nicht im deutschsprachigen Raum. Das Theorem sei nur noch für eine enge Auslegung zu reservieren, heisst es. Tatsächlich ist die Ökonomie heute weit entfernt von der Tauschwirtschaft, das hat die Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008 – keineswegs vergnüglich  – deutlich aufgezeigt. Der deutsche Wirtschafts- und Medienprofessor Thomas Dreiskämpfer nimmt Say dagegen in Schutz. In der Reihe «Medienökonomie 2010» schrieb er: «Ungeachtet der Auflösung, ob Ungleichgewichte auf (kurzfristigen) Nachfrageausfall zurückzuführen sind oder ob sie auf der Angebotsseite ausgelöst werden, bleibt das Say’sche Theorem bei langfristiger Betrachtung gültig.»

Wo Say recht hat

Gültig als Grundidee und adaptiert an die jeweiligen Umstände, wie zwei Beispiele aus jüngerer Vergangenheit zeigen. Die auf Jean-Baptiste Says Vermächtnis zurückgehende angebotsorientierte Wirtschaftspolitik zeigte ihre positive Wirkung im Amerika der Achtzigerjahre. Mit Steuersenkungen war es der US-Regierung unter Präsident Ronald Reagan gelungen, die Wirtschaft zu reanimieren und das Staatsdefizit zu reduzieren. Trotz respektive wegen Steuersenkungen – ganz im Say’schen Sinn – kam der Staat zu Mehreinnahmen. Arthur B. Laffer hatte den Effekt der Reaganomics, die als wirtschaftspolitischer Durchbruch gefeiert wurde, in seiner berühmten Kurve dargestellt (Die Laffer-Kurve).

Das andere Beispiel, das Say vor Freude im Grab hochspringen liesse, liefert der amerikanische Technologiekonzern Apple.  Spektakulärer noch als andere Unternehmen zeigt er auf, wie ein Angebot die Nachfrage diktiert, ja die iPods, iPhones und iPads haben geradezu ein neues Kommunikationszeitalter heraufbeschworen, die Konkurrenz angestachelt und einschliesslich der Zulieferer hunderttausendfach neue Stellen geschaffen. Aus Apple ist eine Geldmaschine geworden, die so heiss läuft, dass der Konzern trotz hoher Investitionen in Forschung und Entwicklung, der angestrengten Suche nach neuen Produkten und trotz Aktienrückkäufen nicht mehr weiss, wohin mit dem Kapital. Auf über 160 Mrd. $ hat sich die Liquidität in Apples Bilanz per Ende Juni 2014 angehäuft.

«Es ist das Angebot, Dummkopf», würde Jean-Baptiste Say den Kritikern und Neidern des Apple-Erfolgs zurufen. Und das Gleiche würde er der Politik empfehlen, damit sie aus der Zwickmühle von hohen Staatsschulden und mässiger Konjunktur entkommt.