Meinungen

Das Schweizer Midas-Problem

Die Idee des Negativzinses, den die SNB zurzeit zaghaft ausprobiert, ist genau der richtige Weg. Eine Spekulationssteuer von 10% sollte möglich sein. Ein Kommentar von Thorsten Hens.

Thorsten Hens
«Ein Beitritt der Schweiz zur Währungsunion ist angesichts der gegebenen politischen Lage in Europa – und des Wohlstands der Schweiz – sicherlich keine Option.»

Anlässlich der Goldinitiative habe ich geschrieben: Wer Franken hat, der braucht kein Gold (Gold 1238.52 -0.23%). Nur ist das Problem des Goldes, dass man es leider nicht essen kann – wie König Midas, der sich gewünscht hatte, dass alles, was er berührt, zu Gold wird, leidlich erfahren musste. Aktuell stellt sich die Frage, wie die Schweiz das Midas-Problem lösen, also den starken Franken nutzen kann, ohne an ihm zu ersticken.

Zunächst hätte die Schweizerische Nationalbank SNB (SNBN 5380 0%) aus der Geschichte des Europäischen Währungssystems (EWS) lernen können, dass man nicht halb schwanger sein kann – das heisst:  Entweder man hat flexible Wechselkurse oder eine Einheitswährung. Die Versuche des EWS, Wechselkurse innerhalb fester Bandbreiten zu halten, scheiterten regelmässig und dienten nur dazu, Währungsspekulanten wie George Soros reich zu machen.

Als sich zum Beispiel im September 1992 der Wechselkurs des britischen Pfunds zur D-Mark der Untergrenze näherte, spekulierte George Soros darauf, dass die Untergrenze bricht – und verdiente damit 1 Mrd. $. Ebenso war die Untergrenze des Euros zum Franken letztlich nicht haltbar. Nun denn: schwanger – oder besser nicht?

Ein Beitritt der Schweiz zur Währungsunion ist angesichts der gegebenen politischen Lage in Europa – und des Wohlstands der Schweiz – sicherlich keine Option. Somit bleibt die Wahl des flexiblen Wechselkurses. Nur wird dieser im Falle des Frankens leider nicht aus realwirtschaftlichen Gegebenheiten bestimmt. Die Kaufkraftparität ist sicherlich nicht eins zu eins, wie jeder weiss, der einmal in der Europäischen Union einkaufen war. Der Kurs des Frankens wird vielmehr durch seine Rolle als Fluchtwährung in einem internationalen Portfolio von Wertanlagen bestimmt. Das bedeutet: Die Schweiz bietet dem internationalen Kapitalmarkt einen netten Service, an dem sie letztlich erstickt. Was ist also die Lösung des Schweizer Dilemmas?

Man muss sich den Service ordentlich bezahlen lassen. Wenn Brasilien es geschafft hat, im Jahr 2010 eine Spekulationssteuer von bis zu 6% auf den Zufluss ausländischen Kapitals zu erheben, dann sollte die Schweiz mindestens 10% nehmen können. Das heisst, die Idee des Negativzinses, den die SNB zurzeit zaghaft ausprobiert, ist genau der richtige Weg – aber eben nicht für inländische Anleger wie Pensionskassen, sondern für ausländische Spekulanten, die den Franken als Fluchtwährung halten. Zum einen wird dann der Frankenkurs sinken, zum anderen kann man mit den Gewinnen aus der Spekulationssteuer die Realwirtschaft in der Schweiz fördern.

Letztlich hatte die Sache mit Midas ja auch ein gutes Ende: Dionysos riet ihm, seine Hände im Fluss Paktolos zu waschen. Midas tat, wie ihm geraten wurde, und war von seiner Gabe, oder besser seinem Fluch, geheilt. Es gibt also immer eine Lösung.

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