Meinungen English Version English Version »

Das städtische Dorf

Je grösser eine Stadt, desto höher sind Durchschnittslohn, Produktivitätsniveau, Anzahl Patente pro Person, Verbrechens- oder HIV-Rate sowie Auftreten von Angststörungen. Ein Kommentar von Carlo Ratti.

Carlo Ratti
«Tatsächlich steigt mit Verdoppelung der Grösse einer Stadt jede Messgrösse für die Wirtschaftsaktivität um etwa 15% pro Kopf. »

«I want to be a part of it – New York, New York», sang Frank Sinatra über die Stadt, die so viele der ehrgeizigsten Menschen der Welt angelockt hat und dies noch immer tut – von Künstlern und Schauspielern bis hin zu Geschäftsleuten und Bankern. In gewisser Hinsicht ist dieses Phänomen nicht schwer zu erklären; Metropolen wie New York City mit ihrer multikulturellen Bevölkerung, den multinationalen Unternehmen und zahllosen talentierten Menschen bieten jede Menge Chancen. Doch die Auswirkungen der Grossstädte reichen über ihre wirtschaftliche oder selbst kulturelle Kraft hinaus. Städte können das Leben der Menschen – und sogar diese Menschen selbst – grundlegend verändern.

Im Jahr 2010 entdeckte Geoffrey West zusammen mit einem Team von Wissenschaftlern, dass verschiedene sozioökonomische Messgrössen – sowohl positive wie negative – mit der Grösse der örtlichen Bevölkerung zunehmen. Anders ausgedrückt: je grösser eine Stadt, desto höher der Durchschnittslohn, das Produktivitätsniveau, die Anzahl der Patente pro Person, die Verbrechensrate, das Auftreten von Angststörungen und die Inzidenz von HIV.

Tatsächlich steigt mit Verdoppelung der Grösse einer Stadt jede Messgrösse für die Wirtschaftsaktivität um etwa 15% pro Kopf. Dies ist der Grund, warum es Menschen in die Städte zieht – und warum Städte florieren.

Eine Stadt ist nichts weiter als ihre Menschen

Diese Gesetzmässigkeit bleibt für Städte unterschiedlichster Grössen konstant, und sie ist nichts Einzigartiges. Eine wachsende Zahl an Belegen deutet darauf hin, dass ähnliche Funktionen noch mehr Aspekte städtischen Lebens bestimmen, als die Untersuchung durch Wests Team gezeigt hat.

Wie können so offenkundig verschiedene Städte wie New York mit seiner steil aufragenden Silhouette und das durch seine breiten Boulevards gekennzeichnete Paris derart ähnlich funktionieren? Wenn, wie Shakespeare suggeriert hat, eine Stadt nichts weiter ist als ihre Menschen, dann liegt die Antwort vielleicht in den charakteristischen Verbindungs-, Interaktions- und Austauschmustern zwischen den Bewohnern.

HIV – wie tatsächlich alle Geschlechtskrankheiten – bietet ein besonders anschauliches Beispiel für die Art und Weise, wie soziale Netzwerke das städtische Leben formen, da es sich durch die Verknüpfung von Sexualpartnern ausbreitet. Ideen – und die daraus herrührenden Innovationen – verbreiten sich auf ähnliche Weise.

Rechnergestützte Sozialwissenschaft

Noch vor wenigen Jahren wäre eine umfassende Untersuchung dieser komplexen sozialen Netzwerke praktisch unmöglich gewesen. Schliesslich waren die verfügbaren Instrumente – isolierte Laborexperimente und schriftliche Fragebögen – sowohl unpräzise als auch in grösserem Rahmen schwer anwendbar.

Das Internet hat dies geändert. Durch Vernetzung von Milliarden von Menschen in nahtloser Konnektivität haben Online-Plattformen den Umfang sozialer Netzwerke revolutioniert und den Forschern neue Instrumente zur Untersuchung menschlicher Interaktion in die Hand gegeben.

Tatsächlich bildet sich am Schnittpunkt von Datenanalyse und Soziologie derzeit ein völlig neues Wissenschaftsfeld heraus: die rechnergestützte Sozialwissenschaft. Durch Verwendung online oder über Telekommunikationsnetze gesammelter Daten – die Mobilfunkanbieter Orange und Ericsson etwa haben in letzter Zeit Wissenschaftlern einige Daten zur Verfügung gestellt – ist es nun möglich, grundlegende Fragen zum menschlichen Miteinander auf wissenschaftliche Weise in Angriff zu nehmen.

Clustering-Koeffizient

Ein aktueller Aufsatz (dessen Mitverfasser einer von uns, Carlo Ratti, ist) verwendet anonymisierte Daten aus europäischen Telekommunikationsnetzen, um zu untersuchen, wie sich menschliche Netzwerke mit der Grösse der Stadt ändern. Die Ergebnisse sind verblüffend: In Grossstädten gehen die Menschen nicht nur schneller (eine Tendenz, die bereits seit den Sechzigerjahren bekannt ist), sondern finden – und wechseln – auch schneller Freunde.

Dieses Phänomen dürfte aus der Tatsache herrühren, das gemäss den Erkenntnissen von West die Gesamtzahl menschlicher Verbindungen mit der Grösse der Stadt zunimmt. Londons 8 Mio. Einwohner haben mit fast doppelt so vielen Menschen regelmässigen Kontakt wie die 100’000 Bewohner von Cambridge. Dieser zunehmende Kontakt mit anderen Menschen – und damit mit Ideen, Aktivitäten und sogar Krankheiten – könnte die Auswirkungen der Stadtgrösse auf die sozioökonomischen Ergebnisse erklären.

Jedoch ist in Städten jeder Grösse noch eine weitere Tendenz feststellbar: Die Menschen neigen dazu, um sich herum «Dörfer» zu errichten. Dieses Verhalten ist als Clustering-Koeffizient der Netzwerke quantifiziert – d.h. als die Wahrscheinlichkeit, dass Freunde einer Person ebenfalls Freunde einer anderen sind – und bleibt in allen Metropolgegenden aussergewöhnlich stabil. Einfach ausgedrückt: Die Menschen neigen von Natur aus überall dazu, in engen Gemeinschaften zu leben.

Können Kleinstädte mehr Kräfte freisetzen?

Diese Idee ist natürlich nicht neu. Die Stadtforscherin Jane Jacobs etwa beschrieb die nuancenreichen Interaktionen in den Nachbarschaften von New York City – sie nannte sie ein «kompliziertes Ballett, bei dem die einzelnen Tänzer und Ensembles alle klar unterschiedliche Rollen haben, die einander auf wundersame Weise gegenseitig verstärken». Die rechnergestützte Sozialwissenschaft bietet die Aussicht, derartige Beobachtungen zu quantifizieren und Erkenntnisse zu gewinnen, die in der Zukunft das Design städtischer Umfelder bestimmen könnten.

Die Frage ist, ob diese Erkenntnisse die Kraft menschlicher Interaktionen auch in Kleinstädten freisetzen könnten und diese Kleinstädte so in die Lage versetzen könnten, einige der sozialen und wirtschaftlichen Vorteile einer Grossstadt zu erschliessen. Dabei ist es wichtig, sich des grundlegenden Unterschieds zwischen «städtischen Dörfern» und ihren ländlichen Gegenstücken bewusst zu sein. In Letzteren werden soziale Netzwerke weitgehend durch die Familie, das nähere Umfeld und die Geschichte bestimmt. Stadtbewohner dagegen können eine breite Palette von Optionen erkunden, um sich gemäss ihren sozialen, intellektuellen und kreativen Neigungen massgeschneiderte Dörfer zu schaffen.

Vielleicht ist dies der Grund, warum Sinatra seine Heimatstadt Hoboken in New Jersey verliess. Wo sonst als in einer Stadt wie New York hätte er sein «Rat Pack» finden können?

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare