Meinungen

Das Stagflationsphantom

Stagflationsängste sind übertrieben. Mehr Sorgen bereitet das Ende des Notenbank-Put. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Rohner.

«Die stagflationären Tendenzen darf man als Anleger nicht auf die leichte Schulter nehmen.»

Da die Weltkonjunktur etwas an Schwung verliert, geistert jetzt nach dem Inflationsgespenst das Stagflationsphantom herum. Die letzte richtige Stagflation mit Wirtschaftsflaute, steigender Arbeitslosigkeit und hoher Inflation datiert auf die Siebzigerjahre, als die arabischen Ölstaaten den westlichen Industrienationen den Hahn zudrehten.

Steigende Energiepreise plagen die Wirtschaft auch heute. Selbst in der Eurozone beträgt die Teuerung über 3%. Aber sind wir deswegen auf direktem Weg in die Siebziger? Das ist natürlich Humbug. Eine ausgewachsene Stagflation ist keine ernstzunehmende Gefahr. Die stagflationären Tendenzen aber – das heisst nachlassendes Wachstumsmomentum bei hoher oder gar steigender Inflation – darf man als Anleger nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Denn die hartnäckige Inflation könnte die Notenbanken zum Straffen der Geldpolitik bzw. zur Reduktion der Stimuli zwingen, selbst wenn das Wachstum schwächelt. Es wäre ein Paradigmenwechsel für die verwöhnten Finanzmärkte, denen die US-Notenbank seit ihrem ehemaligen Chef Alan Greenspan stets zu Hilfe eilte, wenn das Wachstum stotterte. Dieses Sicherheitsnetz hat den Namen Greenspan-Put bekommen, später wurde es in Bernanke-, Yellen- und Powell-Put umbenannt.

Der Notenbank-Put stand für sichere Gewinne an der Börse. Er führte dazu, dass selbst schlechte Konjunkturnachrichten positiv gedeutet wurden, weil sie Hoffnung auf mehr Stimulus gaben. Diese Zeiten sind nun vorbei. Erst wenn die Konjunktur zu schroff gebremst wird, wird das Fed den Notenbank-Put wieder aktivieren. Bis dahin aber ist die Hausse auf sich allein gestellt.

Leser-Kommentare