Eingeloggt Nicht eingeloggt Suche E-Mail Leseliste Aktiv auf Leseliste Drucken Uhr E-Mail Term-Tag Arrow Left Arrow Right Arrow Down Arrow Up Charts Lock Abo Circle Circle Open Six Exchange Six Exchange Facebook Twitter Linkedin Xing Googleplus Whatsapp
Märkte / Kunstmarkt

Das Teure ist oft preiswerterFür Cross-over-Sammler gilt: Klasse statt Mass – Vom Kunstgebiet zum Einzelobjekt – Marktkenntnis schlägt Sachkenntnis

Christian von Faber-Castell

CHRISTIAN VON FABER-CASTELL

Der Kunstmarkt hat seine eigenen Gesetze, und manche davon scheinen klassischen Marktregeln zu widersprechen. Während höhere Preise normalerweise die Nachfrage dämpfen, ist ein Picasso für 30 Mio. $ leichter zu verkaufen als einer für 3 Mio. $. Ähnliches zeigt der Luxusgütermarkt, in dessen Nähe der Kunstmarkt angesiedelt wird.

Um Widersprüche handelt es sich jedoch nur scheinbar, denn mit den höheren Preisen wird ja nicht das Luxus- oder Kunstobjekt bezahlt, sondern seine Exklusivität. Diese ist hier im ursprünglichen Wortsinn, nämlich der «Ausgeschlossenheit anderer» zu verstehen, also der Unerschwinglichkeit für andere Käufer.

Trophäen für jedermann

Picasso-Werke für 30 Mio. $ sind eben nicht nur seltener als solche für 3 Mio. $, es gibt auch weniger Käufer, die sie sich leisten können. Hierin spiegelt sich der Trophäencharakter teuerster Kunstwerke: Es geht nicht darum, was man hat, sondern darum, was man als Einziger hat und was andere nicht haben können.

Inzwischen hat diese im Spitzenbereich des Kunstmarktes geborene Entwicklung auch normale Kunstmarktbereiche erfasst. Die absolute Exklusivität einzigartiger Museumswerke wird dabei durch eine relative Exklusivität ersetzt, die beispielsweise durch limitierte Editionen und ähnliche Marketingmassnahmen erzeugt wird. Wer für 50 000 $ ein Exemplar der Portraitsiebdrucke von Liz Taylor erwirbt, die Andy Warhol um 1964 in Auflagen von 300 Exemplaren produziert hat, geniesst immerhin die relative Exklusivität, einer von nur 300 Menschen weltweit zu sein, der ein solches Bild besitzt. Weit exklusiver ist natürlich das einzige Exemplar dieser 300er-Auflage, das Warhol der Filmdiva einst eigenhändig mit den Worten «To Elizabeth with much love…» gewidmet hat. Christie’s hat es am 13. Dezember 2011 für 662 500 $ versteigert. Dieses Beispiel veranschaulicht die Wechselwirkung von Provenienz und Exklusivität in der Preisbildung am Kunstmarkt.Zwar wird es weiterhin die traditionellen Sammlerpersönlichkeiten geben, die mit Geduld und Kennerschaft ein Sammelgebiet betreiben und dabei nicht nur eine Sammlung, sondern auch Detailkenntnisse von wissenschaftlichem Wert zusammentragen. Die umsatztragende Rolle am internationalen Kunstmarkt spielt heute aber eine neue Sammlergeneration. Für sie ist der Genuss- und Prestigewert einzelner Werke wichtiger als ihr kulturgeschichtlicher Hintergrund. Dementsprechend kaufen sie auch lieber spannende Einzelbeispiele aus ganz unterschiedlichen Bereichen als viele ähnliche, sich ergänzende Gegenstände aus einem einzigen Sammelgebiet.Mittelfristig, also über die nächsten zehn bis zwanzig Jahre, wird diese Umwälzung im weltweiten Kunstkäuferpublikum auch die Werthaltigkeit und Wertentwicklung von Kunstgegenständen beeinflussen. Traditionelle preisbildende Merkmale wie die künstlerische Bedeutung und der historische Hintergrund eines Kunstgegenstands werden dabei mehr und mehr durch andere, zum Teil neue Preisbildungskriterien abgelöst oder ergänzt. Im Vordergrund stehen dabei die Seltenheit, die Einzigartigkeit und die Exklusivität eines Gegenstands, ferner seine Herkunft oder Provenienz aus einer prominenten, qualitätssichernden Sammlung sowie seine breite Erkennbarkeit als Kunsttrophäe. Das wahrscheinlich wichtigste Marktwertkriterium im heutigen globalen, grenzüberschreitenden Kunstmarkt besteht jedoch in einer unmittelbaren, gefälligen, verblüffenden und beeindruckenden Spontanwirkung, die keiner Erklärung oder Interpretation bedarf.

Weniger ist mehr

Daher sind es heute kaum mehr Sammelgebiete, sondern herausragende Einzelobjekte, die von Cross-over-Sammlern gesucht werden und die in den kommenden Jahren überdurchschnittliche Wertbeständigkeit oder gar Wertwachstum versprechen. Zu den Kunstmarktbereichen, in denen derartige Kunsttrophäen häufig zu finden sind, gehören so unterschiedliche Gebiete wie Sammleruhren, Fossilien, Art-déco-Juwelen und Designerobjekte, ferner Asiatika, Afrikana, Antiken, Altmeister- und Avantgardekunst, aber auch Classic Cars sowie Sammlerraritäten aus Technik, Wissenschaft und Showbusiness.

Der Kapitalanlageerfolg der Cross-over-Sammler hängt nicht mehr so entscheidend von ihrer Sachkenntnis eines Sammelgebiets ab als vielmehr von ihrer intimen Kenntnis der weltweiten Angebote und Märkte. Dieser Wandel hat schliesslich auch Folgen für das Kaufverhalten privater Kunstliebhaber: Wem nicht nur der persönliche Kunstgenuss, sondern auch der Werterhalt seiner in Kunst angelegten Vermögensteile wichtig ist, der kauft lieber ein herausragendes Meisterwerk als drei schwächere Arbeiten. Statt der Diversifikation in viele bescheidene Kunstgegenstände lohnt sich für den privaten Kunstkäufer die Konzentration auf wenige Spitzenstücke. Wirklich neu ist dies allerdings nicht, haben sich doch die erfolgreichsten Sammler aller Zeiten, von den römischen Kaisern über Renaissancefürsten und Päpste bis hin zu den Megasammlern des 20. Jh., stets instinktiv an diese Regel gehalten.

Bitte loggen Sie sich ein, um diesen Artikel vollständig zu lesen.