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Simon Johnson, MIT-Professor und früherer Chefökonom des IWF, warnt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» vor der Gefahr einer weiteren Finanzkrise.

Fünf Jahre sind seit dem Untergang von Lehman Brothers und dem Beinahe-Kollaps des globalen Finanzsystems vergangen. Auf regulatorischer Ebene ist einiges geschehen, in vielen Ländern wurden höhere Eigenkapitalanforderungen für Grossbanken beschlossen. Simon Johnson, Ökonomieprofessor am Massachusetts Institute of Technology, glaubt jedoch nicht, dass das Banken­system heute sicherer ist als vor fünf Jahren. Er warnt: «Die Banken sind immer noch massiv unterkapitalisiert.»

Herr Johnson, ist das globale Finanzsystem heute sicherer als damals?
Nein. Strukturell ist es nicht sicherer. Die Anreizsysteme innerhalb der Banken haben sich nicht verändert, und in der Regulierung hat sich zu wenig getan. Momentan ist das System wahrscheinlich etwas sicherer, weil sich viele Akteure 2008 die Finger verbrannt haben und daher noch immer etwas vorsichtiger agieren.

Aber dieser Zustand wird nicht so bleiben?
Nein. Mit Blick auf die nächsten fünf Jahre oder so müssen wir davon ausgehen, dass sich der Zyklus wiederholt und sich eine ähnliche Katastrophe – möglicherweise eine noch schlimmere – ereignen wird.

Sollte heute eine internationale Grossbank kollabieren, wäre das Finanzsystem also nicht robust genug, um damit umzugehen?
Es kommt natürlich auf die genauen Umstände an, aber die Verletzlichkeit ist nach wie vor sehr gross.

Welche Schwachstellen bereiten Ihnen ­besonders Sorgen?
Erstens die nach wie vor mangelnde Bilanzstärke der Grossbanken. Sie verfügen immer noch über viel zu wenig Eigenkapital. Zweitens: Die systemrelevanten Institute sind immer noch extrem gross und über diverse Jurisdiktionen vernetzt. Besonders die Interdependenzen über Derivate sind im Krisenfall gefährlich. Drittens bestehen keine globalen Standards, wie im Notfall eine grenzüberschreitend vernetzte Grossbank isoliert und abgewickelt werden soll. Und viertens sind viele Banken immer noch von kurzfristiger Finanzierung über den Geldmarkt abhängig. Das war ein grosses Problem im Herbst 2008, das uns wieder heimsuchen wird.

Too big to fail ist also nicht gelöst?
Sicher nicht. Das Problem ist heute sogar grösser als vor 2008.

In den Jahren nach Lehman wurden ­zahlreiche neue Gesetze und Regeln ­erlassen, um derartige Katastrophen künftig zu vermeiden. Hat das nichts genützt?
Wenn man die Sicherheit im Finanz­system effektiv hätte erhöhen wollen, hätte man deutlich weiter gehen müssen. Das wurde nicht getan – entweder weil die Politiker nicht daran glaubten oder weil sie befürchteten, sie könnten den Wirtschaftsaufschwung abwürgen. Derweil kam die Lobbying-Maschine der Banken in Gang, und deren Strategie war klar: ­verzögern, verzögern, verzögern. Je länger man neue Regulierung verzögert, desto zahmer wird sie. Die Banken haben die bestfinanzierte und -organisierte Lobby der modernen Wirtschaftsgeschichte.

Was genau hätte man denn tun müssen, um das Finanzsystem sicherer zu machen?
Erstens wäre es wichtig gewesen, nach der akuten Phase der Krise eine oder mehrere der besonders maroden Banken abzuwickeln. Zweitens wären viel höhere Eigenkapitalquoten nötig gewesen. Und drittens hätte man den Banken klare Grössenbeschränkungen auferlegen müssen.

Sie meinen ein Trennbankensystem?
Man hätte die Grossbanken entweder aufspalten oder ihnen eine maximale Bilanzgrösse vorschreiben können. Beides hätte das Too-big-to-fail-Problem entschärft.

Das Basel-III-Regelwerk empfiehlt höhere Eigenkapitalquoten. Gehen diese nicht weit genug?
Absolut nicht. Sogar Sir John Vickers, Leiter der unabhängigen Bankenkommission in Grossbritannien, hat gesagt, man hätte die Anforderungen doppelt so hoch ansetzen sollen. Basel III erlaubt zudem die Risikogewichtung der Aktiven, was Möglichkeiten für allerlei buchhalterische Tricks bietet. Basel III ist viel zu schwach.

Wenn Basel III derart mangelhaft ist: Sollen es die Staaten überhaupt umsetzen?
Die europäischen Länder haben ein Problem, dass sie überhaupt noch debattieren, ob sie Basel III einführen sollen. In den USA diskutiert man bereits, wie weit man darüber hinausgehen soll. Das ist der richtige Ansatz. Die nationalen Regulatoren müssen Mut beweisen und deutlich über die Empfehlungen hinausgehen.

Wie viel Eigenkapital soll eine international tätige Grossbank denn haben?
Die Ökonomen Martin Hellwig und Anat Admati argumentieren, dass wir über 10 bis 20% der ungewichteten Bilanzsumme sprechen sollten. Ich teile diese Meinung.

Die Banken wehren sich dagegen mit dem Argument, Eigenkapital sei zu teuer.
Dieses Argument ist ein Mythos, es hat keine faktische Basis. Wenn sie einen höheren Teil ihres Gewinns einbehalten, können sie ihre Eigenkapitalbasis stärken, ohne den Aktionären zu schaden. Höhere Kapitalanforderungen schwächen auch nicht die Wirtschaft.

Was halten Sie vom Argument, grosse ­Universalbanken seien diversifizierter, was sie vor grossen Verlusten schütze?
Auch für dieses Argument fehlen die Beweise. In Europa, wo das Universalbankenmodell weit verbreitet ist, haben wir spektakuläre Bankpleiten gesehen. Die Universalbanken nutzen bloss ihre Grösse, um noch mehr Risiken einzugehen.

Wenn Sie die USA und Europa direkt ­vergleichen: Wo sind die Grossbanken in einem schlechteren Zustand?
Man muss vorsichtig sein, weil die US-Buchführungsregeln die Nettobetrachtung von Derivatpositionen erlauben. Aber auch um diesen Effekt bereinigt wird klar, dass Europas Banken noch schwächer kapitalisiert sind als die amerikanischen. Insbesondere die Deutsche Bank (DBK 16.01 2.46%) ist enorm schwach kapitalisiert.

Die Schweizer Grossbanken sagen, sie ­gehörten zu den bestkapitalisierten der Welt. Stimmt das?
Nur, wenn man die Bilanz auf risikogewichteter Basis betrachtet. Ungewichtet beträgt die Eigenkapitalquote von UBS (UBSG 16.99 1.92%) und Credit Suisse (CSGN 14.45 1.47%) weniger als 3%. Die Risikogewichtung kann zwar informativ sein, aber aus regulatorischer Sicht sollte mehr Wert auf die Leverage Ratio gelegt werden, die die Bilanz ungewichtet betrachtet. Der Fall UBS hat gezeigt, wie gefährlich eine allzu grosse Modellgläubigkeit sein kann.

Die Schweiz sollte sich mit ihren Gross­banken also nicht allzu sicher fühlen?
Als Schweizer Steuerzahler würde ich darauf pochen, dass UBS und CS eine Eigenkapitalquote von 6 bis 10% oder noch mehr – ungewichtet! – haben müssen. Diese beiden Banken sind riesig in Relation zum schweizerischen BIP. Implizit sind und bleiben sie eine Verpflichtung für den Steuerzahler, sollten sie jemals in Schwierigkeiten geraten.

Wieso kann denn eine notleidende ­Grossbank nicht einfach ihrem Schicksal überlassen werden?
Diese ordnungspolitisch liberale Ansicht war populär in den frühen Dreissiger­jahren – und wir wissen, dass der serielle Zusammenbruch des Bankensystems die Grosse Depression mitverursacht hat. Ein Bankenkollaps verursacht schädliche Externalitäten. Ich habe aber grosse Sympathie für das Argument, dass Aktionäre, Bond-Investoren und das Management Verluste einstecken sollen, wenn etwas schiefläuft. Wir müssen bloss die richtige Mischung finden, dass Investoren Geld verlieren und gleichzeitig eine systemische Panik verhindert werden kann. In den vergangenen Jahren wurde zu viel getan, um die Investoren zu schützen – mit dem Resultat, dass ein noch grösseres Moral-Hazard-Problem geschaffen wurde.

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Ein Kommentar zu ««Das Too-big-to-fail-Problem ist grösser als vor 2008»»

  • Stefan Wiesendanger sagt: 11.09.2013 – 00:11 Uhr

    Ist es nicht so, dass eine börsenkotierte Bank mit sehr viel Eigenkapital eine attraktive Beute für Konkurrenten wäre? Kann überhaupt eine Bank vorausgehen, ohne dass die anderen mitziehen?