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Das türkische Experiment

Die türkische Lira verliert täglich an Wert. Die Wirtschaft läuft heiss. Wie lange kann das noch gutgehen?

Alexander Trentin

Nicht nur Russland ist ein Schwellenland, um das man sich als Anleger Sorgen machen muss. Die Wirtschaft der Türkei ist auf einem riskanten Kurs – erstes Warnzeichen ist die Währung. Die türkische Lira ist so schwach wie niemals zuvor. Für 1 $ erhielt man Mitte Woche zeitweise 4.30 Lira. Noch vor einem Jahr lag der Kurs bei 3.60 Lira/$ – also 16% höher. Über die vergangenen vier Jahre hat sich die Lira gegen die US-Valuta um die Hälfte abgewertet.

Eine der schwächsten Währungen

Auch verglichen mit anderen Währungen ist die Lira dieses Jahr eine der schwächsten der Welt. Gegenüber Anfang Jahr ist der Wert zum Dollar um 8% gesunken. Gegenüber dem Franken betrug die Abwertung gar 10%. Nur Russland, Angola und Venezuela können da mithalten.

Doch was genau ist das Problem? Die Wirtschaft läuft auf den ersten Blick rund. Im vergangenen Quartal ist sie um über 7% gewachsen. Die Industrieproduktion ist im Januar um 12% gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Überhitzte Wirtschaft, viel Inflation

Das hohe Wachstum liegt wohl über dem Niveau, das langfristig tragbar ist – das Potenzialwachstum ist überschritten, schreiben etwa Ökonomen des Research-Hauses Capital Economics. «Zusammen mit der hohen Inflation verschärft das die Sorgen, dass sich die Wirtschaft überhitzt.»

Die Teuerungsrate betrug in der Türkei im März den achten Monat in Folge über 10%. Überhitzt sich eine Volkswirtschaft, werden Arbeit und andere Produktionsfaktoren Mangelware – der Lohn und andere Input-Kosten steigen. Das Preisniveau explodiert.

Doch nicht nur die hohe Inflation ist besorgniserregend. Auch die detaillierten Zahlen, wie sich die Wirtschaftsleistung zusammensetzt, zeigen problematische Entwicklungen auf. Im vierten Quartal 2017 sind die Importe gegenüber dem Vorjahr um 22,7% gewachsen, während die Exporte nur um 9% gestiegen sind. Das Defizit in der Leistungsbilanz weitet sich aus – gegenüber dem Vorjahr um 56%.

Daraus folgt: Die Wirtschaft finanziert sich auf Pump aus dem Ausland. Besonders brisant ist, dass dieses Kapital aus dem Ausland nur zu einem Teil in Investitionen fliesst, die die Grundlage für eine Ausweitung des Potenzials der Wirtschaft schaffen. Auch der staatliche und der private Konsum wachsen rasant.

Warnung vor Schulden-Boom

Für ein Schwellenland ist das eine riskante Strategie. Stoppt das Ausland den Zufluss an Kapital, könnte es zu einer plötzlichen Finanzkrise kommen. Die Ratingagentur Moody’s hat das Land deswegen schon Anfang März heruntergestuft. Ein Grund: die gegenüber dem Ausland angehäuften Schulden und damit ein gestiegenes Risiko, dass die Kredite nicht mehr refinanziert werden können.

Gemäss Ökonomen des Research-Instituts TS Lombard ist die Türkei besonders abhängig von einer guten Stimmung am Kapitalmarkt, da ein wachsender Anteil des Aussenhandelsdefizits durch kurzfristige Kredite finanziert wird.

Der Anleihenmarkt reagiert verunsichert. Seit Anfang Jahr ist die Prämie der Ausfallversicherung auf türkische Anleihen (Credit Default Swaps) um mehr als ein Drittel gestiegen.

Erdoğan setzt auf tiefe Zinsen

Was steckt hinter diesem Boom? Es ist ein Wirtschaftsrezept des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Diese «Erdoganomics» spiegelt sich in Appellen an die Notenbank, die Zinsen trotz der Inflation niedrig zu halten. Erdoğan hat wiederholt behauptet, dass hohe Zinsen Inflation verursachen.

So erklärte er zuletzt Ende März: «Der Zins ist die Mutter und der Vater der Inflation. Zinsen sind der Hauptgrund für alles Schlechte in einer Wirtschaft.» Von den meisten Ökonomen werden solche Aussagen mit Kopfschütteln aufgenommen: Höhere Leitzinsen sollten die Wirtschaft abkühlen und so auch die Inflation senken.

Der türkische Präsident kritisiert die Notenbank explizit, dass sie die Zinsen nicht senke: Die Zentralbank würde sich zu sehr auf ein paar wenige Probleme konzentrieren, während die seiner Meinung nach zahlreichen positiven Indikatoren ignoriert würden.

In einer Rede stritt Erdoğan ab, dass die Regierung wirtschaftspolitische Fehler begangen habe. Die Gegner kämen von aussen: «Mit unserer Wirtschaft wird gespielt. Ich rufe denen zu, die unsere Wirtschaft angreifen: Ihr werdet nicht erfolgreich sein. Ihr werdet, wie schon zuvor, scheitern.»

Massive Zinserhöhung notwendig

Gemäss TS Lombard bräuchte die Türkei eine Leitzinserhöhung von 2 Prozentpunkten, um die Währung zu stabilisieren. Die türkischen Notenbanker haben sich zuletzt im Dezember durchgerungen, den höchsten Leitzins – für die Übernachtfazilität (Late Liquidity Window) – zu erhöhen. Doch der Zinsschritt betrug mickrige 0,5 Prozentpunkte auf 12,75%.

Dagegen ätzte Erdoğan: «Wir haben darüber geredet, die Zinsen zu senken. Als ich nicht im Land war, hat die Zentralbank den Zins erhöht.» Ständig rede man von einer Einmannherrschaft in der Türkei, «aber was für eine Einmannherrschaft ist das?».

Einen abrupten Vertrauensverlust ausländischer Kapitalgeber könnte ein Rücktritt des stellvertretenden Premiers Mehmet Şimşek auslösen. Der Ex-Banker gilt als Politiker mit wirtschaftlichem Sachverstand. Und wurde direkt vom Präsidenten kritisiert. Anfang Monat wurde über seinen Rücktritt spekuliert, seitdem scheint er nur noch auf Abruf in der Regierung zu sein.

Nächstes Jahr stehen Wahlen an

Moody’s zeigte sich wenig optimistisch für «Erdoganomics» in ihrer Ratingabstufung im März: Zwar sei das kurzfristige Wachstum über den Erwartungen ausgefallen. Doch die Wachstumsaussichten auf mittlere Sicht seien unterdurchschnittlich. Die Ungleichgewichte in der Wirtschaft wachsen. Die Politik, mit Staatsausgaben das Wachstum hoch zu halten, könnte später Probleme bei der Haushaltsfinanzierung verursachen.

Für das Schwellenland könnte daher die Wachstumsrate abrupt fallen. Capital Economics sieht selbst ein nur noch halb so hohes Wachstum von 3% als gefährdet an. Erdoğan wird wohl alles tun, um das zu verhindern – spätestens im November 2019 stehen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an.