Märkte / Anleihen

Das vergessene andere Ende der Zinskurve

Die US-Notenbank bereitet sich auf einen geldpolitischen Kurswechsel vor und hat dabei nicht nur die Anleihenkäufe im Blick, sondern den niedrigen Leitzins.

Seit Monaten rätseln Anleger darüber, wann die wichtigsten Zentralbanken ihren ultraexpansiven Kurs ändern werden. Sie blicken auf die milliardenschweren Käufe von Anleihen und anderen Wertschriften (QE), mit denen die Währungshüter die Kurse stützen und so für künstlich niedrige mittel- und langfristige Marktzinsen sorgen. Die Sitzung der US-Notenbank vergangene Woche brachte hier gleich zwei Überraschungen mit sich.

Zum einen zeigten sich Fed-Chef Jerome Powell und seine Kollegen besorgter über den Inflationsanstieg als in den vorangegangenen Wochen. Ihre Bereitschaft, gegenzusteuern, ist grösser geworden und sie liefern konkrete Leitlinien für eine geldpolitische Straffung: nicht die Drosselung der Anleihenkäufe (Tapering), sondern eine Anhebung des US-Leitzinses – das ist die zweite Überraschung. Die achtzehn anwesenden stimmberechtigten sowie nicht stimmberechtigten Fed-Mitglieder rechnen damit, dass sie das Zielband für den Fed-Funds-Geldmarktsatz rund ein Jahr früher erhöhen könnten als sie bisher annahmen: bereits 2023 statt erst ab 2024. Sieben Fed-Vertreter können sich sogar vorstellen, dass die Zinswende bereits im Dezember 2022 vollzogen wird.

Eine neue Perspektive für Anleger

Für Anleger bedeutet das, dass sie sich künftig wieder die gesamte Zinskurve anschauen sollten. Nicht nur die mittleren und langen Laufzeiten, die durch QE beeinflusst werden, sondern auch das kurze Ende bis zwei, drei Jahre Laufzeit, das seine Impulse durch die erwartete Zinspolitik der Notenbanken erhält. Dort herrscht seit langem absolute Ruhe. Nur wenige Zentralbanken in den Industrieländern resp. wichtigeren Währungsräumen fassen sie bislang ins Auge: Norwegen, beispielsweise. Und nun also auch die USA. Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?