Meinungen

Das wilde Feld der Ukraine

Ende des 18. Jahrhunderts drang das Zarenreich in die Steppe am Schwarzen Meer vor und schuf dort «Neurussland». Der Kreml will diese Gebiete zurück. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

Manfred Rösch
«Auf alten Karten ist im Leerraum des Schwarzmeerhinterlands ‹loca deserta› vermerkt.»

Der Osten der Ukraine wird zu Russland zurückkommen, der Westen mag zur Hölle fahren: Das solle ein russischer General in den Neunzigerjahren geknurrt haben; jedenfalls führt es der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington in seinem hitzig diskutierten Buch «The Clash of Civilizations» an. Unterdessen hat sich das zu einem erheblichen Teil bestätigt: Russland hat die Krim erobert, kontrolliert den Donbas und kann sich schier nicht zurückhalten, die von westlicher Dekadenz bedrohten Brüder und Schwestern im Nachbarland zu befreien – und sind sie nicht willig, so braucht der Kreml Gewalt.

Falls Russlands Herrscher Putin demnächst zum Angriff blasen sollte, wäre eine Spaltung der Ukraine durchaus ein Szenario: Der Osten und der Süden – bis an die Grenze Rumäniens  bzw. Moldawiens, zu dem völkerrechtlich auch das von Moskau abhängige Konstrukt Transnistrien gehört –, würden genommen und auf Dauer besetzt. Der aus Moskauer Sicht suspekte Westen der Ukraine könnte als Rumpfstaat und Puffer dahinvegetieren.

Spärlich und spät besiedelt

Damit hätte Russland die erstrebte strategische Position erreicht, ohne sich womöglich ein lästiges Widerstandsnest einzuhandeln. Tatsächlich fabuliert Putin – auf dessen Rücktritt in den nächsten ein, zwei Jahrzehnten nicht zu hoffen ist, wobei kaum ein sanftmütiger Friedensfürst seine Nachfolge anträte – ab und zu gezielt von «Neurussland», Noworossija. Dieser schwammige geografische Begriff meint die Territorien nördlich des Schwarzen Meers, die Zarin Katharina II. (gebürtige Sophie von Anhalt-Zerbst) im 18. Jahrhundert erobern liess.

Grob gesagt sind das die Steppen zwischen Don und Donau, oder etwa der Streifen von Donezk bis Odessa. Heilige russische Erde? Donezk hiess einst Jusowka, benannt nach dem Stadtgründer, dem britischen Industriepionier John Hughes (später trug sie eine Weile das peinliche Etikett Stalino). Odessa wiederum wurde errichtet vom spanischen Offizier José de Ribas, in russischen Diensten Iosif Deribas. Die Geschichte dieses Landstrichs ist vielfältig, nicht so einfältig, wie es Propagandazwecken dienlicher ist.

Diese Gebiete waren sehr lange, bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts, nur spärlich besiedelt, obwohl ihre fette Schwarzerde sich hervorragend für den Pflanzenbau eignet. Traditionell trabten dort allerlei Unbehauste durch, eine buntscheckige Reihe raubeiniger Reitervölker, von den legendären Skythen und Sarmaten bis zu den Kumanen, deren Reste schliesslich in Ungarn strandeten, wovon Ortsnamen mit der Silbe «kun» bis heute zeugen.

Auf alten Karten ist im Leerraum des Schwarzmeerhinterlands «loca deserta» vermerkt, ähnlich wie einst auf der Karte Afrikas «hic sunt leones». Gänzlich verlassen war das Land nicht, doch lassen sich diese Weiten, von den Slawen treffend «das wilde Feld» genannt, aus russischer Sicht eben als eine Art «Wilder Westen» vorstellen: eine zunehmend appetitanregende Prärie, zu Katharinas Zeiten durchstreift von tatarischen Reitern. Land unter loser Oberherrschaft des osmanischen Sultans, begehrt von Russland und vom grossen, aber schwachen Polen-Litauen.

Druck kann kontraproduktiv wirken

Niemandsland, in das sich ukrainische und russische Bauern absetzten, um der Knute polnischer oder russischer Magnaten zu entfliehen. Aus ihnen bildeten sich die Kosakenverbände. Im 17. Jahrhundert gerieten die ukrainischen Gebiete links des Dnjepr, der das Land ungefähr von Norden nach Süden durchströmt, unter russische Oberherrschaft. In den Jahren um 1770 vertrieben die Truppen der Zarin die Osmanen: Das Khanat der Krim war nun nicht mehr Vasall des Sultans, sondern pro forma unabhängig, jedoch an Moskaus Leine; 1783 folgte die Annexion. Als Putin seinerzeit die Heimholung der Krim hymnisch besang, hätte man meinen müssen, sie sei mindestens so lange russisch wie Schwyz eidgenössisch.

Vor also erst rund 240 Jahren wurden die Karten neu gezeichnet und das Gouvernement Neurussland eingerichtet. Das Gebiet entspricht ungefähr denjenigen Bezirken der Ukraine, die 2004 in der Präsidentschaftswahl für den russlandfreundlichen Wiktor Janukowytsch votiert hatten; gegen ihn brach dann die orange Revolution aus, zum Entsetzen Moskaus. Es sind auch etwa diejenigen Oblasts, denen Leonid Kutschma 1994 seine Wahl zum Präsidenten zu verdanken hatte: Kutschma nahm damals während der Wahlkampagne Unterricht in Ukrainisch.

Die These von der halbierten Ukraine, wohl auch nur die halbe  Wahrheit, stützt sich vor allem auf linguistische Kategorien. Insgesamt herrscht im Osten und Süden heute eher die russische Sprache vor (ein Mischidiom gibt’s ebenso, um die Sache noch komplizierter zu machen), was nicht bedeutet, dass sich alle Russophonen als Russen betrachten und noch weniger, dass sie sich Moskau unterstellen wollen. Der Druck des Kremls kann kontraproduktiv gewirkt und die Ukrainer unterschiedlicher Sprache und Kultur zusammengeschweisst haben.

Das Land ist auch nicht durchwegs orthodoxer Konfession, sofern überhaupt noch religiös (auf der Krim dominierte einst ohnehin der Islam). Ganz im Westen, im Grossraum Lemberg (Lwiw), herrscht der Katholizismus vor, in der griechisch-unierten Form. In mitteleuropäisch anmutenden Städten wie Lemberg (Lwiw) oder Czernowitz wirkt untergründig die polnische und die habsburgische Kulturprägung nach.

Abschreckend statt attraktiv

2014 sorgte Putin für Unruhe, als er sagte: «Neurussland, das ist Charkiw, Luhansk, Donezk, Cherson, Nikolaew, Odessa» – warum dieses Neurussland während der Sowjetzeit an die Ukraine übergeben worden sei, verstehe er nicht. Damit sind seine Irredenta ungeniert bezeichnet. Schon zuvor waren aus polnischen Regierungskreisen Gerüchte an die Öffentlichkeit gedrungen, Putin hätte Polen eine Aufteilung der Ukraine, für ihn eine künstliche Monstrosität, vorgeschlagen: Lemberg sei doch historisch eine polnische Stadt. Was auch immer daran wahr sein mag – die Spaltpilz-Tortur hält Kiew auf Trab.

Moskau hat reale, legitime strategische Interessen: eine friedfertige, wohlgesinnte Nachbarschaft. Ob sich das durch militärische Vergewaltigung erreichen lässt, ist eine rhetorische Frage. An «Hard Power» fehlt es Russland offenkundig nicht, doch von verführerischer, auf Dauer viel wirksamerer «Soft Power», kultureller Ausstrahlung also, ist wenig zu spüren.

Tolstoi, Tschechow, Tschaikowski – alles schon länger her. Alexander Borodin auch; der setzte dem «Wilden Feld» im 19. Jahrhundert ein musikalisches Denkmal: die «Polowetzer Tänze», wunderbare Weisen, die sich später der Broadway mit Gusto aneignete. Derzeit ist in «Neurussland» eher ein Totentanz zu befürchten.

Leser-Kommentare

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c.schmoele 19.01.2022 - 18:49
Interessanter historischer Ausflug, aber… Als es 1871 darum ging, ob das siegreiche deutsche Kaiserreich sich Elsaß-Lothringen einverleiben sollte, ließ der widerstrebende Bismarck sich letztlich von dem Argument umstimmen, diese Gebiete habe Ludwig XIV ja erst vor 200 Jahren geraubt. Wir wissen, welch tiefer Hass der Franzosen damit erzeugt wurde (toujours y penser, jamais en parler). Mir scheint die jüngere Gegenwart,… Weiterlesen »
Hermann Dettinger 20.01.2022 - 18:08

In den Schulbüchern des 19. Jahrhunderts wird die Ukraine als die Kornkammer der Welt bezeichnet. Die deutschstämmige Zarin hat das versteppte Land besiedelt, das benachbarte Bessarabien mit deutschen Landsleuten.
Die Ernährung seiner Bevölkerung hat für Putin die gleiche strategische Bedeutung wie für die grosse Katharina.