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Märkte / Makro English Version English Version »

James Grant: «Das wird ein sehr böses Ende nehmen»

James Grant, Herausgeber des «Grant’s Interest Rate Observer», warnt vor einem Crash in Staatsanleihen, wundert sich über die SNB und rät zum Kauf von Gold.
Milliardenschwere Wertschriftenkäufe, negative Zinsen und möglicherweise bald Helikoptergeld: Die Zentralbanken experimentieren mit immer radikaleren Massnahmen, um die lethargische Wirtschaft in Gang zu bringen. Enden wird das in einem grossen Desaster, fürchtet Jim Grant. In Finanzgeschichte gut bewandert, zählt der Wallstreet-Augur zu den schärfsten Kritikern der ultralockeren Geldpolitik. Er warnt vor der leichtsinnigen Jagd nach Rendite und macht vor allem in Staatsanleihen gefährliche Überbewertungen aus. Für höchst fraglich hält er zudem das beträchtliche Engagement der Schweizerischen Nationalbank in US-Aktien.

Herr Grant, «Grant’s Interest Rate Observer» beschäftigt sich schon über drei Jahrzehnte mit der Entwicklung der Zinsen. Was observieren Sie derzeit?
Die Zinsen sind so winzig, dass man sie kaum noch erkennen kann. Dennoch gibt es in ihrem Umfeld viel zu beobachten. Ich sehe, dass die Tiefzinspolitik schwere Verwerfungen an den Märkten verursacht. Das, weil sie viele Investoren dazu zwingt, dem mickrigen Rest an Rendite nachzujagen, der noch übrig bleibt.

Was hat das für Konsequenzen?
Walter Bagehot, der während der viktorianischen Epoche Englands das Wirtschaftsmagazin «The Economist» leitete, brachte es einmal treffend auf den Punkt. Er sagte, dass der Finanzakrobat John Law mit allem umgehen konnte, ausser einem Zins von 2%. Gemeint hat er damit, dass ultratiefe Zinsen die Spekulation anheizten, fahrlässige Investments begünstigten und zu Fehlallokationen von Kapital führten. Genau das trifft auch heute zu.

John Law feuerte im frühen 18. Jahrhundert die Mississippi-Spekulationsblase an, wegen der Frankreich fast kollabierte. Wie geht die Geschichte dieses Mal aus?
Sie wird für viele Leute ein sehr böses Ende nehmen. In der Chefetage von Schweizer Versicherungs- und Rückversicherungskonzernen wird man jetzt wohl frustriert die Augen rollen, wenn ein Amerikaner wie ich aus 5000 km Entfernung vor der leichtsinnigen Jagd nach Rendite warnt. In einem Geschäft wie in der Assekuranzbranche, in dem langfristige Verpflichtungen mit langfristigen Investments zusammengepasst werden müssen, lässt sich derzeit nicht viel machen, als sich höhere Zinsen zu wünschen. Tatsache ist aber, dass eine Dürre an Rendite herrscht und wir in einer Zeit voller Gefahren leben.

Wo besteht das grösste Risiko?
Wenn es um überbewertete Anlagen geht, rangieren Staatsanleihen an erster Stelle. Investoren erhalten fast nichts und bei negativen Zinsen sogar noch weniger als nichts für das «Privileg», Geld einer Regierung ausleihen zu dürfen, die sich darüber hinaus dem Ziel verschrieben hat, die Währung mit Hilfe der Zentralbank abzuwerten. Ein Verlust ist damit garantiert. Beim Investieren kann es immer wieder passieren, dass man am Schluss Geld verliert. Mit Staatsanleihen ist das aber schon in dem Moment der Fall, in dem man ein Engagement eingeht.

Global rentiert bereits über ein Drittel aller Staatsanleihen negativ. Was heisst das?
Es gibt dazu ein aufschlussreiches Buch mit dem Titel «Die Geschichte der Zinsen». Es ist nicht gerade ein Bestseller, aber dennoch ein substanzielles Werk, zumal es sich mit der Zinsentwicklung seit 3000 v. Chr. befasst. Einer der Autoren ist der New Yorker Finanzhistoriker Richard Sylla. Wie er mir sagte, sind ihm bei seinen Recherchen noch nie negative Zinsen begegnet. Das heisst, wir haben die Zinsen zum ersten Mal seit mindestens 5000 Jahren unter die Nulllinie gedrückt. Ist das nicht eine sensationelle Schlagzeile?

Inzwischen sind es bereits zwei Jahre her, seit die EZB als erste grosse Zentralbank negative Zinsen eingeführt hat.
Auch sonst erleben wir Historisches: In Italien etwa strauchelt Monte dei Paschi di Siena, mit einer Geschichte von über einem halben Jahrtausend das älteste Bankhaus der Welt. Es steht so stark in Schieflage, wie man das ohne offizielle Konkurserklärung überhaupt kann. Ein anderes Beispiel ist die Bank of England, die älteste Zentralbank der Welt. Sie ergreift heute Massnahmen, die sie seit ihrer Gründung vor über dreihundert Jahren noch nie gewagt hat.

Was bedeutet das alles?
In der Finanzwelt gibt es zwar immer wieder neue Trends. Im Grunde ändert sich jedoch wenig, denn Menschen verhalten sich immer gleich. Auch sind Geld und Märkte sehr alte Institutionen. Was hingegen die Geldpolitik betrifft, bewegen wir uns tatsächlich auf Neuland.

Jetzt wird sogar über Helikoptergeld diskutiert, bei dem Geld unter Umgehung des Bankensystems direkt verteilt wird. Kommt es wirklich so weit?
Ich höre schon das Knattern der Rotorblätter in der Luft. Auch werden die Trommeln für eine expansive Fiskalpolitik geschlagen. Es scheint sich ein Konsens zu bilden, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen stösst. Die grossartige neue Idee ist daher, die Staatsausgaben zu erhöhen, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Auch das sind keine gute Nachrichten für Investoren in Staatsanleihen.

Gerade in den USA wird kaum noch vom Sparen gesprochen. Beide Präsidentschaftskandidaten werben mit grossen Investitionen im öffentlichen Sektor.
Ich kann mit Hillary Clinton ebenso wenig anfangen wie mit Donald Trump. Mein Problem ist, dass einer der beiden gewinnen wird. Was für ein Trauerspiel!

Der wachsende Frust über die wirtschaftliche Stagnation ist wohl auch ein Hauptgrund für das «Phänomen» Trump.
Ich frage mich, wie die Welt aussehen würde, wenn wir während der Finanzkrise eine natürliche Bereinigung der Märkte zugelassen hätten. Zentralbanken intervenieren zwar bereits seit zweihundert Jahren bei Panikausbrüchen. Die Bank of England etwa flutete das System beim Börsencrash von 1825 massiv mit Liquidität. Neu ist aber, dass die Finanzmärkte konstant mit den Opiaten der Geldpolitik verarztet werden. Meiner Meinung nach schadet das mehr, als es nützt. Die Weltwirtschaft stolpert weiterhin vor sich her, und das nicht trotz, sondern gerade wegen der radikalen Eingriffe der Zentralbanken.

Im Gegensatz zu den meisten Notenbanken versucht das Federal Reserve, die Zinsen in den USA zu erhöhen. Wird das Fed-Chefin Janet Yellen gelingen?
Janet Yellen ist sehr abwägend und risikoscheu. Ihre Forschungen haben sich auf den Arbeitsmarkt konzentriert, weshalb sie wohl sehr mitfühlend ist. Ihre Überzeugungen decken sich mit den meisten Ökonomen, die an Interventionismus glauben: geringes Vertrauen in Märkte und wenig Respekt vor dem Preismechanismus. Obwohl das Fed zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren will, wird es deshalb immer eine Entschuldigung haben, um mit der nächsten Zinserhöhung zu warten. Wie oft hat es schon gesagt, es werde bei der nächsten Gelegenheit, im nächsten Quartal oder im nächsten Jahr handeln? Daher glaube ich nicht, dass es zu einem weiteren Zinsschritt kommt.

Auch den Finanzmärkten fehlt offenbar der Glaube daran.
Wallstreet hält das Federal Reserve in Geiselhaft. Wenn die Aktienkurse nur schon ein paar Prozent sinken, kriegt das Fed Angst. Das erstaunt nicht, fühlt es sich doch massgeblich verantwortlich für die hohen Bewertungen finanzieller Vermögenswerte. Mit absoluter Sicherheit lässt es sich nicht belegen. Es gibt aber klare Hinweise darauf, dass die Zentralbanken weltweit erheblich zum Boom an den Finanzmärkten beitragen. Sie werden sich deshalb auch dafür verantwortlich fühlen, wenn es zu einer Baisse an der Börse kommt. So greift das Fed jedes Mal ein, wenn die Kurse unter Druck geraten.

Verhalten sich die Börsen deshalb so selbstgefällig? In den USA eilen die Aktienkurse derzeit von Rekord zu Rekord.
Ist das nicht seltsam? Der Aktienmarkt bewegt sich auf einem Rekordhoch, während sich der Bondmarkt so verhält, als ob wir in der Grossen Depression wären. Derweil kauft die Schweizerische National Bank im grossen Stil Aktien von US-Unternehmen.

Mittlerweile hat die SNB über 60 Mrd. $ in amerikanische Valoren investiert.
Interessant ist, was hinter diesen Engagements steckt. Die SNB kreiert aus dünner Alpenluft Schweizer Franken, mit denen sie Euros kauft und diese dann weiter in Dollar umwechselt. Das alles ohne jegliche Anstrengung, nur mit dem Drücken auf ein paar Computertasten. Dann ruft sie ihren Broker des Vertrauens an – wahrscheinlich UBS (UBSG 17.12 1.54%) – und geht an der US-Börse gross auf Einkaufstour.

Auch andere Notenbanken kaufen aber eifrig Wertschriften. Den Anfang hat das Fed mit den QE-Programmen gemacht.
Klar, Zentralbanken drucken schon seit Generationen Geld. Dem milliardenschweren Engagement der SNB in US-Aktien haftet aber etwas besonders Aussergewöhnliches an. Sie beteiligt sich an bedeutenden Unternehmen aus dem Leitindex S&P 500 (SP500 2575.21 0.51%), die echte Gewinne erwirtschaften – und das mit Geld, das aus dem Nichts erschaffen wurde.

Wie sollen sich Investoren in diesem bizarren Umfeld am besten verhalten?
Ich bin sehr optimistisch für Gold (Gold 1279.89 -0.79%) und Minenaktien. Die Welt wird den Glauben an die theoretischen Hochschulmodelle der Zentralbanken verlieren. Gold ist keine konventionelle Anlage und im Prinzip kein gutes Investment. Es ist wie Geld und das ist steril, wie Aristoteles einst sagte. Im Gegensatz zu einem Unternehmen erwirtschaftet Gold keinen Gewinn und zahlt keine Dividende. Daher rate ich nicht, alles auf Gold zu setzen. Es bietet aber die Chance, in das geldpolitische Chaos unserer Zeit zu investieren.