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Meinungen

Das Zeitalter des Kapitalkonsums

Ronald-Peter Stöferle
«Kapital ist durch und durch vergänglich.»
Es steht ausser Frage, dass heutzutage ein massiver Kapitalraubbau stattfindet, doch sind nicht alle Menschen in gleichem Masse davon betroffen. Ein Kommentar von Ronald-Peter Stöferle.

Ist in der aktuellen politischen Debatte von Kapital die Rede, wird dieser Begriff stets sehr eindimensional verstanden: Ob es sich nun um die Kapitalanlage eines sparenden Bürgers, die Frage der Kapitalreserven von Vorsorgekassen, das Startkapital eines Jungunternehmers oder die Kapitalgewinnsteuer auf Anlagen handelt – Kapital wird in all diesen Fällen mit Geld gleichgesetzt.

Doch Kapital ist nicht gleich Geld. Ersteres ist eine weitgehend irreversible Struktur, die sich aus heterogenen Elementen wie Gütern, Wissen, Kontexten, Menschen, Talenten und Erfahrungen zusammensetzt. Geld ist bloss das Hilfsmittel, das es uns ermöglicht, die unglaublich komplexe Kapitalstruktur einheitlich zu erfassen und damit betriebswirtschaftlich zu kalkulieren. Geld dient als Grundlage für die wirtschaftliche Bewertung der verschiedenen Ausprägungen von Kapital.

In modernen Ökonomielehrbüchern wird Kapital in der Regel durch den Grossbuchstaben «K» beschrieben. Dieser konzeptionelle Ansatz verleitet allerdings zu der irreführenden Annahme, dass Kapital eine homogene Grösse sei, die noch dazu leicht zu quantifizieren wäre. Unter den verschiedenen ökonomischen Denkschulen ist es die Österreichische Schule der Ökonomik, die die Heterogenität des Kapitals herausstreicht. Zudem haben die «Österreicher» zu Recht erkannt, dass Kapital nicht automatisch wächst oder wenigstens bestehen bleibt. Vielmehr, so ihre Einsicht, muss es aktiv geschaffen, bewirtschaftet und erhalten werden – durch Produktion, Sparen und sinnvolle Investitionen.

Konsum- und Kapitalgüter

Darüber hinaus betonen die «Österreicher», dass man im Produktionsprozess zwischen zwei Arten von Gütern unterscheiden muss, und zwar zwischen Konsum- und Kapitalgütern. Konsumgüter werden für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung verwendet, wie zum Beispiel Lebensmittel. Die Kapitalgüter stellen dagegen Zwischenschritte in der Produktion von Konsumgütern dar. Sie sind also die wirtschaftlichen Mittel, mit denen das Ziel der Bedürfnisbefriedigung mittelbar erreicht wird. Ein Backofen ist das Kapitalgut, das es dem Bäcker ermöglicht, für seine Kunden das Konsumgut Brot herzustellen.

Zur Steigerung der Produktivität und damit des materiellen Wohlstands ist die Kapitalbildung unerlässlich. Die logische Voraussetzung dafür ist wiederum, dass der Konsum von Konsumgütern, d.h. die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, vorübergehend eingeschränkt werden muss, da die knappen Ressourcen in die Produktion von Kapitalgütern umgeschichtet werden. Durch den Aufbau von (zusätzlichen) Kapitalgütern verändert sich in weiterer Folge die Produktionsstruktur der Wirtschaft, sie wird verlängert und vertieft. Diese Eingliederung neuer Kapitalgüter erlaubt das Einschlagen von ertragreicheren Produktionsumwegen. Kapitalaufbau ist also stets der Versuch, über Produktionsumwege längerfristig Mehrertrag zu generieren.

Dieser höhere Ertrag ist jedoch keinesfalls garantiert, da sich die Umwege auch als Irrwege herausstellen können. Letztlich werden nur solche Umwege beibehalten, die die gewünschte Mehrergiebigkeit mit sich bringen. Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass kapitalintensivere Produktionsstrukturen eine höhere Ergiebigkeit aufweisen als weniger kapitalintensive. Je wohlhabender der Wirtschaftsstandort, desto kapitalintensiver ist auch seine Wirtschaftsstruktur. Die Tatsache, dass die heute in unserer Gesellschaft lebenden Generationen einen so hohen Lebensstandard geniessen können, ist das Ergebnis jahrzehnte- oder gar jahrhundertelanger kultureller und wirtschaftlicher Kapitalakkumulation unserer Vorfahren.

Fatale Trennung des Geldes vom Gold

Ist ein Kapitalstock einmal aufgebaut, ist er nicht für die Ewigkeit bestimmt. Kapital ist durch und durch vergänglich. Es verschleisst sich, wird im Produktionsprozess verbraucht oder veraltet. Vorhandenes Kapital erfordert daher fortwährende Reinvestitionen, die in der Regel direkt aus dem Kapitalertrag finanziert werden können. Werden solche Reinvestitionen vernachlässigt, weil beispielsweise der gesamte Ertrag oder mehr konsumiert wird, führt dies zu Kapitalverbrauch.

Nicht nur unser verkürztes Verständnis von Kapital führt zu dessen unbewusstem Konsum. Der gegenwärtige Kapitalkonsum ist auch systemisch bedingt. Ein massgebliches Ereignis war die 1971 vorgenommene Loslösung unseres Geldes vom Goldanker. Dieser zweifelhafte politische Akt hat uns die seither andauernde «Ära des Papiergeldes» betreten lassen. Rückblickend lässt sich sagen, dass es ein fataler Fehler war, die letzte Verbindung zu Gold zu lösen. So hat diese Trennung unter anderem eine noch nie dagewesene Instabilität der Zinsen zur Folge gehabt. Während die Zinsen – solange das Geld noch an Gold gebunden war – relativ wenig volatil waren, stiegen sie nach 1971 dramatisch und erreichten 1981 einen Höchststand von ungefähr 16% (zehnjährige Staatsanleihe der USA), bevor sie einen Sturzflug einleiteten, der bis heute andauert. Mit diesem massiven Rückgang des Zinsniveaus in den vergangenen 35 Jahren ist auch der Kapitalstock innerhalb unserer Gesellschaft beständig geschrumpft.

Ein Beleg für die Kapitalerosion ist der Rückgang der sogenannten Yield Purchasing Power, auf Deutsch am besten mit Renditekaufkraft umschrieben. Sie besagt, wie viele Güter das Einkommen oder genauer der Zinsertrag der Ersparnisse kauft. Aufgrund der fallenden Yield Purchasing Power ist die Möglichkeit, Zinsertrag aus Sparguthaben zu generieren, natürlich drastisch gesunken. Sobald Null- oder Negativzinsen erreicht sind – was gegenwärtig der Fall ist –, reicht die Rendite des angesparten Kapitals oft nicht mehr aus, um davon leben, geschweige denn einen angemessen Lebensstandard finanzieren zu können. Folglich muss zur Stabilisierung des Einkommensniveaus das angesparte Kapital aufgebraucht werden, wie wenn der Bauer mit seinem Saatgut nicht die Felder bestellt, sondern es selbst essen muss.

Mildernde Faktoren

Es steht ausser Frage, dass heutzutage ein massiver Kapitalraubbau stattfindet, doch sind nicht alle Menschen in gleichem Masse davon betroffen. So wirkt sich die Zentralbankpolitik negativ auf das Wirken der Unternehmer aus. Investitionen, besonders kapitalintensive, erscheinen aufgrund der durch die Zentralbankinterventionen künstlich gedrückten Zinsen lukrativer, als sie es eigentlich sind, die Gewinne der Unternehmer erscheinen höher und die Reserven niedriger. Diese und andere inflationsbedingte Verzerrungen begünstigen den letztlich wohlstandsmindernden Konsum des Kapitalstocks.

Zwei Faktoren haben die Folgen des internen Kapitalverzehrs in den vergangenen Jahrzehnten jedoch deutlich gemildert: der technologische Fortschritt und die stark zunehmende wirtschaftliche Verflechtung mit Osteuropa und Asien, bedingt durch den Zusammenbruch des Kommunismus. Andernfalls hätte der Konsum in den westlichen Ländern schon längst deutlich eingeschränkt werden müssen. Gleichzeitig schafft es der allumfassende, umverteilende Wohlfahrtsstaat, der entweder direkt über Steuern oder indirekt über das Geldsystem permanent grosse Mengen an Kapital umverteilt, die Auswirkungen des Kapitalverbrauchs in gewissem Masse zu kaschieren. Es bleibt abzuwarten, wie lange das noch so weitergehen kann. Doch ist der Kapitalstock erst einmal aufgebraucht, wird das Erwachen unangenehm sein.