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«Das zweite Maschinenzeitalter hat begonnen»

Erik Brynjolfsson, Ökonom der Universität MIT, warnt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» vor den sozialen Herausforderungen des technologischen Fortschritts.

Wenn die Roboter übernehmen, was wird dann aus uns Menschen? Dieser Frage geht Erik Brynjolfsson nach. Er lehrt am Massachusetts Institute of Technology Wirtschaftswissenschaften und ist einer der profundesten Experten, wenn es um ökonomische Auswirkungen von technologischen Neuerungen geht. Er fürchtet, dass sich die Einkommensschere mit der fortschreitenden Digitalisierung weiter öffnet. Im neuen Buch «The Second Machine Age» fordern er und sein Kollege ­Andrew McAfee deshalb ein grundsätzliches Umdenken im Bildungswesen.

Professor Brynjolfsson, Roboter sind daran, unseren Alltag zu revolutionieren. Was kommt da alles auf uns zu?
Mit dem Beginn des ersten Maschinenzeitalters veränderte sich die Welt ab Mitte des 18. Jahrhunderts fundamental. Erfindungen wie die Dampfmaschine oder der Verbrennungsmotor haben uns auf eine neue Bahn gebracht. Sie lösten einen Wachstumsschub aus, der zu enormen Verwerfungen in der Gesellschaft führte. Jetzt sind wir mitten im Beginn des zweiten Maschinenzeitalters, das die Welt mindestens ebenso tiefgreifend verändern wird.

Weshalb?
Für den Umbruch sind zwei Faktoren entscheidend: Energie und Kontrolle. Im ersten Maschinenzeitalter wurden die Grenzen der Muskelkraft von Mensch und Tier gesprengt. Dennoch brauchte es weiterhin Menschen, um die Maschinen zu kontrollieren. Die Technologie ist inzwischen zwar noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie das menschliche Gehirn voll­ständig imitieren kann. Roboter sind aber bereits fähig, viele kognitive Arbeiten zu erledigen, die wir ihnen vor wenigen Jahren kaum zugetraut hätten.

Was hat das für Konsequenzen?
Die Robotik steht am Wendepunkt. Ein prominentes Beispiel ist das führerlose Auto von Google (GOOGL 992.19 -0.06%), das bereits problemlos auf der Autobahn im Silicon Valley fährt. Auch arbeiten Roboter mittlerweile Seite an Seite mit Menschen, wogegen sie früher noch in Stahlkäfigen betrieben werden mussten, weil sie so gefährlich waren und ihre Umgebung kaum wahrnahmen. Zudem erfordern sie keine speziellen ­Programmierfähigkeiten mehr. Es reicht, wenn man sie durch einfaches Vorzeigen lehrt, was sie tun sollen. Das eröffnet ganz neue Einsatzmöglichkeiten.

Und was bedeutet das für die Wirtschaft?
Es wird zwei Effekte geben: erstens eine enorme Produktivitäts- und Vermögenszunahme, die weit über das hinausgeht, was wir bisher gesehen haben. Auch nehmen Lebensqualität und -erwartung zu. Andere Vorteile sind mit herkömmlichen Daten wie etwa dem Bruttoinlandprodukt nicht messbar, weil beispielsweise mehr und mehr Dienste gar nicht mehr bezahlt werden. Das zeigt sich bei Wiki­pedia oder bei Musik. So ist die Musikindustrie gemäss offiziellen Zahlen nur noch halb so gross wie vor zehn Jahren. Dennoch höre ich heute mehr Musik und in besserer Qualität als je zuvor.

Was ist der zweite Effekt?
Es besteht die Gefahr, dass sich Einkommensunterschiede weiter vergrössern. Bereits heute ist das oberste Prozent der Gesellschaft so wohlhabend wie nie zuvor. Der Mittelklasse hingegen geht es weniger gut als früher. In den USA etwa ist das ­Jahreseinkommen eines typischen Haushalts geringer als in den späten Neunzigerjahren. Obschon der Kuchen mit der wachsenden Wirtschaftsproduktion grösser wird, profitieren also nicht alle gleichermassen davon.

Was hat das mit ­technologischem ­Fortschritt zu tun?
Für einen talentierten Entrepreneur standen die Chancen nie besser als heute. Dank des Internets und neuer Produktionstechniken lassen sich Milliarden von Konsumenten erreichen. Umgekehrt ist es eine der schwierigsten Zeiten für alle, die nur über eine durchschnittliche Ausbildung verfügen. Im ­ersten Maschinenzeitalter erleichterten neue Technologien den Menschen die physische Arbeit. Die Frage lautet heute, ob uns Roboter bald nicht mehr nur ­helfen, sondern ganz ersetzen. Hinzu kommt, dass der technologische Fortschritt Märkte schafft, in denen das Gros der Einnahmen auf einen oder wenige Akteure entfällt. Das verstärkt die Einkommensverdichtung zusätzlich.

Was lässt sich dagegen unternehmen?
Das erste Maschinenzeitalter hat sich als enormer Glücksfall erwiesen. Die Anfangsphase war zwar hart, und nicht wenigen Menschen ging es zunächst schlechter. Dann hellte sich die Situation aber auf, weil gute Entscheide getroffen wurden. In den USA erhielt die breite Bevölkerung eine Schulausbildung, ein neues Steuergesetz federte die Einkommensungleichheit ab, und es gab eine Explosion von ­Innovation und Unternehmertum. Jetzt sind wir abermals gefordert, uns an neue Bedingungen anzupassen. Dabei sind Kreativität und der zwischenmenschliche Austausch gefragt. Auch müssen wir Unternehmertum fördern, Sozialwerke reformieren und Anreize setzen, die neue Jobs schaffen. Wenn das gelingt, bin ich optimistisch, dass uns ein bislang ungeahnter Wohlstand bevorsteht.