Als 26-Jähriger durchquerte er zu Fuss und auf Skiern die Antarktis, zwei Jahre später den Nordpol und war damit der jüngste Brite, der die beiden Pole erreicht hatte. Er hätte es dabei bewenden lassen können, vielleicht einige Bücher schreiben, die Memoiren verfassen. Aber David de Rothschild will nicht zur Gruppe jener reichen Abenteurer zählen, die den Kick der Sensationen brauchen. In seinem Visier sind die Elemente und die Natur, seine Herzensangelegenheiten.

Auch verweigert er sich dem Weg, den die lange Linie seiner im Bankengeschäft tätigen Ahnen vorgezeichnet hat. 2010 absolviert er auf «Plastiki», einem aus 12‘500 rezyklierten Petflaschen gebauten Boot, 8000 Seemeilen von San Francisco nach Sydney, um so das Bewusstsein der Menschen für die Verschmutzung der Meere durch Plastik zu wecken. Er war unterwegs am Amazonas, im Dschungel, im Urwald von Ecuador, erforschte die Meere und kehrte jeweils mit zahllosen Geschichten über seine Expeditionen zurück.

Er erzählt von grossen und kleinen Wundern der Natur, von Kulturen und Traditionen, die es zu bewahren gilt. Wie es die Nomaden in früheren Zeiten taten und wie er es heute via verschiedene Stiftungen und seinem Label «The Lost Explorer» versucht, das er kürzlich an seinem zeitweiligen Wohnsitz Venice Beach in Kalifornien lancierte.

Weshalb haben Sie sich für diese Lebensform entschieden?
David Mayer de Rothschild: Gegenfrage – weshalb nicht? Schon: als Kind träumte ich davon und beschloss, jeden Tag meines Lebens auf diese Art zu leben. Die Welt zu bereisen, interessante Begegnungen zu machen, Geschichten zu erleben und zu teilen, Gemeinschaften zu unterstützen, die sich für bestimmte Werte engagieren.

Das Leben eines Abenteurers ist noch etwas anders. Was gab den Ausschlag?
Ich denke nicht, dass es einen Anfang gab, ebenso wenig wie ich an ein Ende glaube. Ich betrachte mich auch nicht als Abenteurer und finde auch nicht, dass ich mehr Mut als andere Menschen habe. Wir werden alle als Abenteurer geboren. Es sind lediglich die Umstände, die dazu führen, dass wir keine mehr sind, dass uns die motivierende Neugier abhandenkommt. Zeigen Sie mir ein Kind, das nicht von der Natur fasziniert ist. Mit dem Älterwerden kommen auch die Ängste. Deshalb glaube ich fest an die zentrale Aufgabe der Erziehung. Jeder Mensch verfügt über enorme Fähigkeiten. Aber der Fokus der Erziehung verunmöglicht es jungen Menschen, anders zu denken. Es geht darum, die emotionale Intelligenz zu nutzen. Ausserdem lernen wir die Evolution der Welt zu ignorieren. Ich habe mein Informatikstudium 1999 abgeschlossen. Das iPhone kam 2005 auf den Markt. In nur zehn Jahren hat die digitale Revolution unsere Gewohnheiten völlig umgekrempelt. Keine Vorlesung, kein Professor hat dies vorausgesagt. Wie sollten wir in der Lage sein, uns die nächsten dreissig Jahre vorzustellen? Was wir wissen ist, dass sich die Kinder wieder auf sich selbst besinnen, mehr Selbstvertrauen und Ausdrucksfähigkeit entwickeln müssen. Wer sich nicht ausdrücken kann, fühlt sich frustriert, was wiederum zu Gewalt und Konflikten führt. Aber die dazu notwendigen Instrumente sind oft nicht vorhanden. Ich bin mir meiner persönlichen Chance sehr bewusst.

Hat die AntarktisDurchquerung den Ausschlag gegeben?
Ja, das war mein erstes grosses Abenteuer. Aber ich mag diese Idee einer Heldentat nicht. Das Interessante daran ist zu wissen, was man macht. Ursprünglich ging es bei den Expeditionen lediglich ums Überleben der Spezies. Mit der Entdeckung der Rohstoffe wurde daraus die Eroberung. Noch heute definieren sich viele Forscher so. Der Erste zu sein bleibt die Hauptmotivation des Abenteurers. Eine Dramaturgie, die oft auf Gefahr und Angst basiert. Mich interessiert es nicht, ein Held zu sein. Lieber erzähle ich von dem, was ich gesehen habe und was mich die Natur gelehrt hat.

Welches sind die Kriterien eines erfolgreichen Abenteuers?
Am Anfang jeder Forschungsreise steht der Dialog mit mir selbst: Was will ich, was ist mein Ziel? Ich überlege mir die Geschichten, die ich erzählen will und dir mir helfen, zu informieren und zu lehren. Ein Projekt ist erst dann erfolgreich, wenn ich es nach meiner Rückkehr kommunizieren kann.

Ist dies immer der Fall?
Nein, keineswegs. Ich bin seit bald zwanzig Jahren als Forscher aktiv, und während langer Zeit war die Sensationslust grösser als das Interesse für die Umwelt. Seit etwa fünf Jahren ist der Diskurs reifer geworden. Es geht mir darum, die Natur besser zu verstehen, mich ihr zu nähern. Ich versuche deshalb, eine neue Form der Erzählung zu finden. Wenn man mit dem erhobenen Zeigfinger von der Umwelt spricht, ist das Resultat meistens negativ, denn es verstärkt nur die Schuldgefühle. Die Rede von der Apokalypse, den durch die Klimaveränderung hervorgerufenen Katastrophen, funktioniert nicht. Man macht ein-, zweimal jährlich eine Spende, benutzt im Supermarkt keinen Plastiksack und verdrängt dann das Problem wieder, weil Frustration und Ohnmachtsgefühle überwiegen. Vor zwei, drei Jahren habe ich beschlossen, den Ansatz umzukehren und ein durch die Natur bewirktes Gefühl der Verzauberung zu kreieren, dafür zu sorgen, dass eine Beziehung zur Natur entsteht. Denn wir wissen instinktiv, dass es die Natur ist, die uns in einer immer digitalisierteren, verstädterten Welt hilft, uns gut zu fühlen. Angst führt zu weniger Achtung und Respekt, erzeugt weder eine Beziehung noch ein Engagement. Was man jedoch liebt, will man schützen. Mit meinen Projekten will ich die Menschen faszinieren, ihre Neugier wecken und auf diese Art motivieren. Ich will Angst durch Neugier ersetzen, das ist alles.

Welches sind die konkreten Lösungen?
Die Menschen dazu zu bringen, die Natur wieder zu lieben.

Ist das nicht eine etwas gar romantische Vision. Es gibt ja auch Leute, die Sie als den romantischen Explorer bezeichnen…
(Lächelt) Ich glaube, in einem gewissen Sinn muss man schon etwas romantisch sein, an eine gewisse Magie glauben, daran, dass alles möglich ist. Ein Beispiel: Der Mensch hat eine Riesenangst vor dem Hai. Das ist völlig irrational. Die Gefahr an einem Insektenstich, einem Autounfall, an Alkoholismus usw. zu sterben, ist statistisch unendlich viel grösser, als von einem Hai angegriffen zu werden. Weil wir uns vor diesem Fisch ängstigen, ignorieren wir auch, dass die Haipopulation wegen Überfischung zurückgeht. Nun kann man die Geschichte auch anders erzählen, nämlich darüber informieren, dass die Typologie der Haut des Hais einzigartig ist, weil sie das Wachstum von Bakterien verhindert. Einem deutschen Unternehmen ist es gelungen, diese Charakteristiken auf einer Folie natürlich zu reproduzieren, mit der Spitaltüren, Kreditkarten usw. überzogen werden. Diese Objekte des Alltags werden durch diesen natürlichen Bakterienschutz sicherer. Und plötzlich beginnt uns der Hai als einzigartiges, schützenwertes Tier zu faszinieren. Dank solcher Informationen und Geschichten können Dinge geändert werden.

Sie werden bald vierzig. Sehen Sie sich immer noch als Erforscher oder vielmehr als künftiger Investor in Firmen, die etwas bewegen können?
Ich werde auch in Zukunft mit der Natur verbunden sein, mich in der Natur aufhalten, forschen, Wissen vermitteln, das Bewusstsein wecken. Bis zum Schluss. Ich tue dies seit zwanzig Jahren, es ist bereichernd. Ich liebe es, innovative Ideen zu unterstützen. Ich komme soeben aus Costa Rica und vom Amazonas zurück, im Juli reise ich nach Peru, dann erneut in die Wüste Gobi. Ich mache weiter wie bisher.

Aber dazu brauchen Sie Geld. Ist es schwieriger geworden, Mittel zu finden oder ist es für jemanden mit Ihrem Namen leichter?
Nein. Ich denke, es hängt vor allem von Personen und weniger von Unternehmen ab. Deshalb arbeite ich mit Breitling. Ich kenne Georges Kern aus seiner Zeit bei IWC. Seine Unterstützung liegt also schon Jahre zurück, als wir das Plastiki-Projekt realisierten. Wir haben uns erneut gesprochen und machen weiter. Wer ein Unternehmen wie Breitling führt, glaubt auch an dessen Werte. Es geht ja nicht nur um den Verkauf von Produkten, sondern auch um die Unternehmenskultur, die vermittelt wird. Diese ist für mich wichtig. Heute haben die Marken begriffen, dass sie Gemeinschaften gründen, Bewusstsein wecken, Geschichten erzählen müssen. Allerdings weiss ich auch, dass für viele Unternehmen die institutionelle Kultur heute eine sehr kurzfristige ist, als Folge der immer kürzeren Wirtschaftszyklen. Ja, ich arbeite mit Breitling, vor allem aber mit Georges Kern. Ich kenne ihn und vertraue ihm und weiss, dass er sich Zeit nimmt, seine Geschichten und seine Abenteuer zu planen und zu erzählen. Wir brauchten fünf Jahre, um Plastiki zu entwickeln. Es gibt noch viele Dinge zu sagen. Die Lösung besteht nicht unbedingt darin, das Extremabenteuer zu suchen und darüber millionenfache Meinungen im Netz zu generieren.

Erklären Sie bitte das Business Model Ihres Unternehmens «The Lost Explorer», denn Sie sind ja nicht nur Explorer, sondern auch Unternehmer.
Das Geschäftsmodell ist einfach. Wir gründen ein Luxuslabel und verwenden den gesamten Profit für den Schutz der Natur. Das ist viel interessanter. Ich möchte gute, möglichst ökoverantwortliche Produkte kreieren. Vor allem geht es mir darum, das Wirtschaftskonzept zu ändern. Heute gehen die Lorbeeren stets an Unternehmen, die die grössten Gewinne erzielen, aber zu Lasten des Planeten. Ich will etwas anderes. Ich investiere die Gewinne in die Natur, indem ich Projekte entwickle. Diese Marke ist eine Entwicklungsplattform. Verändert der Kauf eines Vestons aus Baumwolle die Welt? Nein. Was diese Weste aber beinhaltet, schon. Schlussendlich bedeutet Ökologie, an die andern und nicht an sich selbstzu denken. Mit sämtlichen Produkten, die wir entwickeln, fördern wir online Ausbildung und verantwortliche Ökologie. So unterstützen wir die Allgemeinheit.

Werden Sie von der Rothschild-Familie unterstützt?
Nein, ich habe immer alles selbst erarbeitet. Sämtliche Gelder, ob aus Sponsoring oder Konferenzen, Lesungen, fliessen in die Projekte.

Weshalb haben Sie sich für Los Angeles, eine eher künstliche Stadt, entschieden?
Ich wohne nur teilweise dort, da ich ja oft unterwegs bin. Ich liebe es, in Meeresnähe zu leben, wo ich mich ja auch meistens aufhalte. Ich wohne in Venice in der Nähe der Natur.

Ihre Marke heisst The Lost Explorer, der verlorene Abenteurer. Die beste Art, sich zu verlieren?
Es bedeutet, nicht zu viel nachzudenken, einfach vorwärts zu gehen, sich nicht von der Angst übermannen zu lassen. Sich verlieren heisst nicht unbedingt grosse Exkursionen, sondern einfach, aus der Routine auszubrechen. Wer reist, forscht, ist neugierig. Mit der Rückkehr kommen auch die alten Gewohnheiten zurück, die Neugier ist weg. Das Abenteuer beginnt dann, wenn man sich etwas unwohl, verunsichert fühlt.

In der Schweiz hat der Name Rothschild einen besonderen Klang. Wie klingt er für Sie?
Ich will mich nicht hinter einem Namen verstecken. Ein Name ist mit einem Label vergleichbar, er katalogisiert, steckt einen in eine Schublade, verhindert die Kreativität der andern Art. Der Name Rothschild macht einen nicht zwingend zum Bankier. Das ist sehr restriktiv. Jeder kann das tun und sein, was und wie er will. Das ist der Gral, den wir alle suchen. Ich hatte das Glück, wählen zu können.