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Davos und Ungleichheiten

Die Eliten sollten sich nicht so lange gegen Massnahmen sperren, die langfristig in ihrem eigenen Interesse sind, bis Anti-Elite-Politiker an die Macht gelangen. Ein Kommentar von Charles Wyplosz.

Charles Wyplosz
«Schwindelerregend hohe Löhne zu kürzen, wäre eine einfache und symbolträchtige Geste.»

Das World Economic Forum (Wef) in Davos ist ein interessantes Barometer dafür, welche Überzeugungen bei der globalen Elite gerade hoch im Kurs stehen: Jedes Jahr aufs Neue trifft man sich, mit immer neuen Themen – und einem ziemlich kurzen Gedächtnis.

So funktioniert die Welt da oben nun mal. Dieses Jahr gab es Optimismus, komplexe Diskussionen über Blockchain und künstliche Intelligenz, Enthusiasmus über den neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Geringschätzung für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, ausserdem Unbehagen über einiges, was zu gut sei, um wahr zu sein, und nicht zuletzt Lippenbekenntnisse zu der sich verstärkenden Debatte über Ungleichheit. Alles plausibel, nichts weltbewegend.

Das Jahr 2017 war für Unternehmen und Finanz ein erfreuliches. Das stete globale Wachstum und die historisch ausgezeichnete Performance an den Aktienmärkten haben den Teilnehmern des Wef saftige Gewinne beschert.

Jetzt muss man sich den Kopf zerbrechen, was mit diesem Geldsegen zu tun ist, nun, da Aktien teuer sind. Denn was hoch steigt, wird fallen, irgendwann – diese Einsicht lässt sich nicht verdrängen. Auch politisch haben sich die Wogen 2017 einigermassen geglättet.

Der starke Anti-Establishment-Trend wurde durch die Wahlresultate in Frankreich und den Niederlanden gebrochen, Trump hat weniger von seinen Vorhaben umgesetzt als befürchtet, und das Brexit-Lager bröckelt.

Standardantwort Steuerprogression

Die Kombination aus guten wirtschaftlichen Bedingungen und politischen Risiken, bis hin zu Kriegsgefahr, erklärt die in Davos vorherrschende Stimmungslage: Es läuft gut, aber das muss nicht ewig so weitergehen.

Die wirklich entscheidende Frage ist, was die Eliten also zu unternehmen gedenken. Zu sehen gab’s in Davos einiges Händeringen zum Thema Ungleichheit, die, wohl nicht zu Unrecht, als Treiber von Populismus ausgemacht wird. Just zu Beginn des Wef publizierte Oxfam eine entsprechende Studie; sie wurde auch auf der Wef- Webseite aufgeschaltet.

Gemäss dieser Studie entfielen 2017 auf das oberste 1% um die 82% des weltweiten Einkommens. Die meisten Wef-Teilnehmer dürften sich gar zu den obersten 0,1% zählen – denen wiederum gemäss dem World Inequality Report rund 15% der weltweiten Vermögen gehören. Ideen, wie sich dieser Trend umkehren liesse, hatten sie allerdings keine vorzuschlagen – als gäbe es nichts, was sie dagegen tun könnten.

Die Standardantwort auf wachsende Ungleichheit ist eine Verschärfung der progressiven Besteuerung. Unternehmer allerdings warnen, eine zu heftige Progression wirke in Sachen wirtschaftlicher Aktivität abschreckend und sei letztlich somit nachteilig für Wachstum und Beschäftigung.

Nun mag man sich fragen, ob jemand tatsächlich dermassen viel Geld braucht, damit er wirklich hart arbeitet. Unbestritten ist hingegen, dass aggressive Progression die Suche nach Strategien zur Umgehung der Steuern fördert und in dem immer währenden Wettlauf zwischen findigen Anwälten und den Behörden Letztere stets den Kürzeren ziehen.

Die Autoren des World Inequality Report argumentieren aber auch, die fortschreitende Konzentration der Vermögen sei zum Teil auf die Demontage von Staatsunternehmen zurückzuführen, und sprechen sich implizit für eine Umkehr dieses Trends aus. Dieser Ansatz – in dem Marx’ Forderung nach kollektivem Eigentum an den Produktionsmitteln anklingt – lässt ausser Acht, dass die staatlichen Betriebe überall nachweislich schlechter abgeschnitten haben; für die noch bestehenden ist das nicht anders.

Ja, den Regierungen stehen nicht allzu viele Instrumente zur Verfügung, und ja, alle diese Instrumente haben negative Nebenwirkungen. Doch machtlos ist man nicht. Es liegt an politischen Massnahmen, dass die Ungleichheit in Europa deutlich weniger ausgeprägt ist als in den USA. Den Mittelweg zu finden, der Ungleichheit verringert, ohne das Wachstum zu ersticken, ist sehr schwierig.

Gerade dies verdient aber eine solch umfassende Debatte, wie Davos sie sonst als sein Verdienst reklamiert – bloss: Ausgerechnet zu diesem Thema zeigt man sich am Wef eher zurückhaltend. Die nordischen Länder zum Beispiel belegen, dass ein Konsens hier möglich ist.

Und vielleicht noch wichtiger: Die Unternehmen selbst können eine Menge tun. So ist in den vergangenen zwanzig Jahren zur Regel geworden, dass das Einkommen von Topverdienern stetig – und oft massiv – steigt, während dasjenige der Mittelklasse stagniert. Die gängige Erklärung ist der scharfe Wettbewerb aus Asien und Lateinamerika, deren Arbeitskosten nur einen Bruchteil derjenigen in den entwickelten Ländern betragen.

Ja, das stimmt – aber das Argument ist auch unredlich. Gemäss Conference Board beliefen sich 2002 die Arbeitskosten pro Stunde in China auf 2,2% derjenigen in den USA. Bis 2013 ist dieser Wert auf 11,3% gestiegen. Diese Differenz ist so riesig, dass es schwerfällt zu glauben, ein Wert von, sagen wir, 15% würde die Konkurrenzfähigkeit der USA gegenüber China vollständig zunichtemachen.

Auf der anderen Seite des Spektrums hätten die obersten 0,1% ihre Einkommen – Millionen Dollar pro Monat – durchaus freiwillig kürzen können, ohne dass sich ihr Lebensstandard auch nur ansatzweise verschlechtert hätte. Doch so sehr es zutrifft, dass die Menge an Gütern, die ein Mensch zu konsumieren vermag, eine Grenze kennt – für die Lust, immer mehr Vermögen anzuhäufen, gilt das offenbar nicht.

Den Gesellschaftsvertrag reparieren

Der unglaubliche Anstieg der Vermögen der Reichsten ist das Resultat expliziter Entscheidungen von Unternehmen. Die Basisbewegung, die darauf hinwirkt, dass Verwaltungsräte verpflichtet werden, die Löhne von Topmanagern offenzulegen und zu rechtfertigen, stösst auf erbitterten Widerstand.

Wenn die Teilnehmer in Davos sich wirklich um den wachsenden Populismus sorgen, wäre eine Kürzung der schwindelerregend hohen Löhne eine ebenso einfache wie symbolträchtige Geste. Sie sollten sich nicht so lange gegen Massnahmen sperren, die langfristig in ihrem eigenen Interesse sind, bis Anti-Elite-Politiker an die Macht gelangen.

Sie sollten auch dafür sorgen, dass sämtliche Mitarbeiter am Gedeihen der Unternehmen teilhaben, die sie führen. Solange der Lebensstandard für jedermann stieg und es die Norm war, dass Kinder es dereinst besser haben als ihre Eltern, war das politische Umfeld einigermassen ruhig.

Ohne solche optimistische Aussicht wenden sich die Menschen den Populisten zu, die die Rückkehr dieser goldenen Zeiten versprechen – auch wenn sie keine Ahnung haben, wie sie das bewerkstelligen möchten.

Die Finanzbranche trägt eine besondere Verantwortung. Die globale Finanzkrise von 2008 war ausgebrochen, weil in vielen Marktsegmenten exzessive Risiken eingegangen worden waren. Seither hat sich im Bereich Regulierung enorm viel getan. Die neuen Regeln bieten noch Raum für Verbesserungen, keine Frage, aber das Ziel darf nicht die Rückkehr zum Zustand von vor 2008 sein.

Ja, die Regulierung schmälert die Gewinne, aber sie macht die Finanzmärkte auch weniger krisenanfällig. Die Krise hat die neue Ära von Misstrauen gegen die Eliten erst eingeläutet, indem sie das Vertrauen in die Managements unterminiert hat. Die Finanzbranche wäre gut beraten, vom Rückbau der Regulierung, wie er derzeit in den USA versucht wird, Abstand zu nehmen.

In seiner Botschaft an die Teilnehmer des Wef sagte Klaus Schwab: Wenn das System beschädigt ist und der Gesellschaftsvertrag nicht mehr greift, müssen Wirtschaftsführer, in Davos und rund um die Welt, eine führende Rolle dabei spielen, sie wieder instand zu setzen. Davon ist leider nichts zu sehen, zumindest noch nicht.

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