Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
Meinungen

Debatte wird zur Schlammschlacht

US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden liefern sich ein TV-Duell, das einer Demokratie unwürdig ist. Ein Kommentar von USA-Korrespondent Martin Lüscher.

«Drei weisse Männer über siebzig fallen sich ins Wort. Schlauer ist am Ende niemand.»

Wer am desolaten Zustand der US-Demokratie noch Zweifel hatte, wurde am Dienstagabend eines Besseren belehrt. Während der «Debatte» zwischen den beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten dauerte es keine fünf Minuten, bis Amtsinhaber Donald Trump Herausforderer Joe Biden immer wieder ins Wort fiel.

An die von den Parteien im Vorfeld definierten Regeln hielt sich Trump kaum. Er griff Biden persönlich an und unterbrach die Argumente des Demokraten mit teils wirren Einwürfen. Eine inhaltliche Debatte gab es nicht. Noch nicht einmal ein Streitgespräch. Es war eine Schlammschlacht.

Dann platzte Biden der Kragen. «Würdest Du den Mund halten?», gab er zurück. Thema war zu diesem Zeitpunkt die geplante Nominierung von Amy Coney Barrett als Richterin am Supreme Court. Das war das erste von sechs Themen, die in den knapp mehr als neunzig Minuten hätten abgehandelt werden sollen.

Die anderen Themen waren die Coronaviruspandemie, die Wirtschaft, die sozialen Unruhen, die Leistung der beiden Kandidaten sowie die Integrität des Wahlprozesses. Richtig debattiert wurde aber kaum. Das lag auch an Chris Wallace.

Der Moderator von Fox News war total überfordert. Er liess Trump seinem Herausforderer ungehindert ins Wort fallen. Erst nach fast einer Stunde ermahnte er den Präsidenten dezidierter, Biden ausreden zu lassen. Wie halbherzig Wallace versuchte, den Abend zu führen, gab er danach aber gleich selbst zu, als er dem Präsidenten sagte, er werde ihm eine Frage stellen, Trump müsse aber nicht darauf antworten, sondern könne sagen, was er wolle.

So ging es ungehindert damit weiter, dass sich – mit den beiden Kandidaten auf der Bühne und dem Moderator vor der Bühne – drei weisse Männer über siebzig ins Wort fielen. Schlauer war am Ende niemand.

Einen Sieger gab es in der Schlammschlacht nicht. Aufgrund seines ungehaltenen und energischen Auftretens dominierte Trump zwar das Duell und konnte Biden wiederholt auch aus der Fassung bringen, doch die befürchteten Patzer auf der Seite des Demokraten blieben aus.

Biden war zwar öfters genervt und frustriert, ab und an aber ignorierte er seinen Kontrahenten und blickte direkt in die Kamera. In diesen Momenten nutzte der Demokrat die Plattform vor dem Millionenpublikum und sprach die Zuschauer an. Direkt und empathisch thematisierte er die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Herausforderungen der Amerikaner.

Ganz anders Trump. Auf den Wahlprozess angesprochen, warnte er vor Wahlbetrug. Er fabulierte von Postboten, die Briefstimmzettel verkauften, von Stimmzetteln, die in Massen illegal entsorgt würden. Damit stellte er die Legitimation des Wahlprozesses und den möglichen Machtwechsel grundsätzlich in Frage.

Zum Schluss des Abends noch einmal eine deutliche Erinnerung an den desolaten Zustand der US-Demokratie.