Meinungen

Deflation – besser als Inflation

Inflationierungsbefürworter meinen, Deflation löse Konsumaufschub aus und schwäche so die Nachfrage, Inflation aber löse das Staatsschuldenproblem. Doch etwa 1,5% Deflation wären tragbar, schreibt Reiner Eichenberger.

Reiner Eichenberger
«Inflation bringt einen Zinsanstieg, sodass die Schuldenlast langfristig etwa gleich bleibt.»

Der Streit über die Stabilisierungspolitik in Europa wird immer wirrer. Nun predigen neben französischen und italienischen Politikern auch manche US-Starökonomen dem «Stabilitätshort» Deutschland  eine keynesianische Inflationierungspolitik durch höhere Staatsausgaben und -schulden.  Ansonsten drohten Deflation und eine lange Krise. Nur dumm, dass die Schweiz am Wechselkurs angebunden im Euroboot sitzt. Woher stammen Deflationsangst und Inflationslust?

Die Inflationierungsbefürworter meinen, Deflation bringe Konsumaufschub und so einen Nachfrageeinbruch, Inflation hingegen löse das Staatsschuldenproblem. Dagegen argumentieren die Inflationierungsgegner, dass Menschen bei höherer Inflation unsicherer über die zukünftige Preisentwicklung werden, zunehmend inflations- und marktbedingte Preisänderungen verwechseln und so mehr wirtschaftliche Fehlentscheide treffen. Doch Inflationsbegeisterung ist verfehlt, und die Inflationskritik greift zu kurz.

Inflation bringt neben der Schuldenerosion auch einen Zinsanstieg, sodass die Schuldenlast langfristig etwa gleich bleibt.  Zudem bringt sie ein heute völlig vergessenes Problem: Bei Inflation explodiert die Steuerbelastung auf Kapitalerträgen.

Inflationierte Steuerlast

Die heutigen Steuersysteme sind nicht inflationsneutral. Zwar gibt es vielerorts ähnlich wie in der Schweiz Automatismen zur Korrektur der kalten Progression, doch sie wirken nur für Arbeitseinkommen, nicht aber für Kapitaleinkommen. Diese werden fast überall zum nominellen statt zum realen Wert besteuert.

Normalerweise beträgt der Realzins – die Differenz aus Nominalzins und Inflation – für «risikolose» Anlagen etwa 1,5% jährlich. Für einen begüterten Zürcher Sparer resultiert daraus bei einer Inflationsrate von 3%, einem Nominalzins von 4,5% sowie dem in der Stadt Zürich geltenden Spitzensteuersatz von rund 43% eine nominelle Kapitalrendite nach Steuern von unter 2,6% und damit eine reale Rendite von –0,4%. Nach Bezahlung der Zürcher Vermögenssteuer von rund 0,7% bleibt ein Kapitalschwund von 1,1% jährlich. Der Kapitalschwund steigt bei höherer Inflation noch und erreicht bei einer Inflationsrate von 5% schon 2% jährlich.

Der gleiche Überbesteuerungsmechanismus spielt auch bei der Liegenschaftengewinnsteuer und bei der immer wieder geforderten Kapitalgewinnsteuer, weil auch die Kapitalgewinne durch Inflation aufgebläht werden. Die Überbesteuerung der Kapitaleinkommen ist für die Schweiz infolge ihrer Vollbesteuerung der Kapitaleinkommen und der Vermögenssteuern extrem, gilt aber abgeschwächt für alle Länder, auch für Deutschland und Österreich, wo die Kapitaleinkommen nur mit dem halben Spitzensteuersatz belastet werden und es keine Vermögenssteuern gibt.

Während Sparer und Kapitaleigentümer verlieren, gewinnen die Nettoschuldner, weil sie ihre inflationär aufgeblähten Schuldzinsen steuerlich absetzen können. Insgesamt gewinnt der Staat, weil seine Steuereinnahmen aus inflationierten Kapitalerträgen weit höher als die Ausfälle infolge inflationierter Schuldzinsabzüge sind. Damit ist Inflation ein gigantisches Umverteilungsprogramm zulasten von Sparern und Kapitaleigentümern und zugunsten der Nettoschuldner und besonders des Staates. Doch das ist noch nicht alles. Wegen ihrer steuerlichen Wirkung senkt Inflation die Sparanreize und löst teure Anpassungsreaktionen aus, wodurch Kapital knapper wird und ein Teil der Besteuerung an die Kreditnehmer überwälzt wird. Somit verteuert Inflation die Eigen- und die Fremdkapitalfinanzierung von Unternehmen, senkt die Investitionen und das Wachstum und schädigt schliesslich die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft.

Wenn die Inflation sinkt oder gar Deflation einsetzt, sinkt automatisch die Steuerbelastung der realen Kapitalerträge, was die Sparanreize stärkt und Investitionen billiger macht. Das ist bis zu einer Deflation von etwa 1,5% jährlich problemlos. Bei einer so starken Deflation und 0% Nominalzins beträgt ja der Realzins gerade die historisch üblichen 1,5%, weshalb noch keinerlei Konsumzurückhaltung zu erwarten ist. Weil die Steuern am Nominalertrag von null ansetzen, wären sie auch null. Volkswirtschaftlich ist es ideal, wenn die Zinserträge für risikolose Anlagen nicht besteuert werden. Der Staat aber würde nicht nur Geld, sondern auch Kontrollmacht verlieren. Bei 1,5% Deflation würde die Bereitschaft der Bürger sinken, Staatspapiere als «sichere» Anlage zu kaufen, solange sie nicht mehr Rendite als Bargeld geben. Wegen der steigenden Bargeldnachfrage könnten die Zentralbanken die Geldmenge ohne inflationäre Wirkung erhöhen, indem sie Anlagen mit einer positiven Rendite kaufen, so Gewinn machen und gegenüber der Regierung noch stärker werden. So gesehen ist es verständlich, dass Regierungen Deflation des Teufels finden.

Aus Bürgersicht ist die Verteufelung der Deflation unbegründet. Das Konsumaufschubargument ist falsch. Die erwarteten Preissenkungen geben auf den ersten Blick zwar negative Konsumanreize. Wirklich entscheidend für den Konsumaufschub sind aber die Realzinsen, und die müssten ja bis zu einer Deflation von 1,5% nicht über den historisch üblichen Wert von 1,5% steigen. Tatsächlich droht auch bei einer Deflation über 1,5% kein dramatischer Konsumaufschub. Schon nach kurzer Zeit würde der Konsum wieder auf das Normalniveau steigen, weil in jeder Periode einerseits Konsum aufgeschoben, aber andererseits auch Konsum aus der Vorperiode nachgeholt wird. Selbst wenn der Konsumaufschub sehr stark wäre und lang dauerte, wäre das in flexiblen und offenen Volkswirtschaften kein grosses Problem. Unternehmen könnten dann billig und gross investieren, um, sobald der aufgeschobene Konsum nachgeholt wird, gut liefern und richtig Kasse machen zu können. Die Angst vor Deflation beruht also grossteils auf der versteckten und sehr speziellen Annahme, dass die Menschen den Konsum zwar gezielt aufschieben, aber ihn nie nachholen wollen, und die Investoren die zukünftigen Konsumnachholbedürfnisse systematisch unterschätzen.

Verwirrte US-Starökonomen?

Weshalb nun sind manch hoch dekorierte US-Ökonomen trotzdem für Inflationierung? Entscheidend sind die Unterschiede in den Bedingungen zwischen den USA und Europa. Nur wer sie berücksichtigt, zieht die richtigen Schlüsse. Die Vor- und Nachteile keynesianischer Stabilisierungspolitik hängen von wenigstens vier Faktoren ab: Je grösser die Lücken in staatlichen Dienstleistungen und die Mängel in der Infrastruktur, desto vorteilhafter oder weniger schädlich ist das Aufblähen der Staatsausgaben und Investitionen durch aktive Inflationierungspolitik. Je niedriger die allgemeine Steuerbelastung, desto unproblematischer ist die längerfristige Finanzierung zusätzlicher Ausgaben und Schulden mit höheren Steuern. Je niedriger die Kapitalbesteuerung, desto niedriger sind die Kosten von Inflationierung. Je geringer die Korruption in Staat und Wirtschaft, desto eher werden Gelder zur Stabilisierung sinnvoll ausgegeben.

Unter Berücksichtigung dieser vier Aspekte kann man eine aktive Inflationierungspolitik in den USA weit besser als in Europa vertreten. Die Infrastruktur ist oft lausig und kann leicht ausgebaut werden, und die allgemeinen Steuern, die Steuern auf Kapitalerträgen sowie die Korruption sind im Vergleich mit den europäischen Problemländern niedrig. Deshalb nützen in den USA Konjunkturspritzen im Sinne von Investitionsprogrammen mehr und schaden weniger als in Europa. Insofern haben die US-Topökonomen vielleicht recht für ihr Land. Europa hingegen helfen nur tiefgreifende Strukturreformen: Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Deregulierung vieler Branchen, Kürzen schädlicher Subventionen, Bildungsreformen, niedrigere und effizientere Steuern sowie Dezentralisierung und bessere Anreize für Politiker.

Leser-Kommentare

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Adecco AG 21.11.2014 - 14:55
Sehr interessanter Artikel und bestätigt auch, was ich seit Jahren denke. Ich habe zwar nicht alles genau verstanden aber eines sicher: Inflation nützt vor allem dem Staat, schadet vor allem dem Konsument. Und die Argumentation zum Kaufaufschub ist in etwa so verfehlt wie die Behauptung, bei grösserer Zuwanderung würde die Natur nicht darunter leiden. Ich gehe heute in den Supermarkt… Weiterlesen »
Adecco AG 21.11.2014 - 14:59

Es sind ganz klar die hohen Schuldenstände der Staaten und z.T. auch der Privaten, welche Deflation nicht zulassen. Aus diesem Grund bin ich dafür, Schuldenschnitte und Konkurse in Kauf zu nehmen, um die Schulden Last drastisch zu reduzieren. Ohne das, werden wir kaum mehr zu normalen Zins- und Wirtschaftsverhältnissen kommen.