Meinungen

Deflation: Die eingebildete Krankheit

Die Europäische Zentralbank bekämpft ein Deflationsphantom. Doch die Probleme der Währungsunion sind nicht monetärer Art und lassen sich nicht von der EZB mit Mitteln der Geldpolitik lösen. Ein Kommentar von Ernst Baltensperger.

Ernst Baltensperger
«Europa leidet nicht an einem Mangel an Geld, sondern an Strukturproblemen.»

Die Hauptsorge vieler Zentralbanken, und ganz besonders der Europäischen Zentralbank (EZB), gilt gegenwärtig der Inflation. Der zu niedrigen Inflation. Tatsächlich ist die Teuerung in vielen Ländern auf ungewöhnlich tiefe Werte gefallen, in der Eurozone (und noch mehr in der Schweiz) sogar in den Negativbereich. Die EZB versucht seit langem, koste es, was es wolle, ihrem Inflationsziel von (knapp unter) 2% möglichst rasch wieder nahe zu kommen. Eine zunehmend schrille Rhetorik malt die Gefahr an die Wand, die aktuelle Niedriginflation könnte in einen unkontrollierbaren Deflationsprozess umschlagen. Am 10. März hat die EZB deswegen ihre Billiggeldpolitik erneut ausgeweitet. Doch ist die ganze Aufregung auch tatsächlich gerechtfertigt? Daran darf man mit guten Gründen zweifeln.

Der Hauptgrund für die aktuell niedrige Teuerung in den Industriestaaten ist, wie jeder weiss, der Zerfall des Erdölpreises, der von einem Niveau von über 100 $ pro Fass binnen zwei Jahren auf 30 bis 40 $ gefallen ist. Die Inflation wird dadurch momentan gegenüber ihrem Trend deutlich nach unten verzerrt. In der Schweiz kommt noch der aufwertungsbedingte Effekt niedrigerer Importpreise hinzu.

Eine Veränderung des Erdölpreises ist aber ein Lehrbuchbeispiel eines «Einmaleffekts» auf das Preisniveau, der den Inflationstrend und die Inflationserwartungen nicht gross und nicht auf Dauer beeinflussen wird. Selbst wenn sich der Ölpreis auf seinem gegenwärtigen niedrigen Niveau stabilisieren sollte, wird sein Einfluss auf die Teuerung nach einiger Zeit verschwinden. Gut möglich auch, dass sich der Erdölpreis, ausgehend von seinem jetzigen Tief, in der Zukunft etwas erholt. Er würde dann, selbst wenn er weit unter seinem ehemaligen Höchststand bliebe, im Gegensatz zur gegenwärtigen Erfahrung die Inflation vorübergehend über ihren Trendwert hinaus erhöhen.

Unnötiges Punktziel von 2% Inflation

Abgesehen von diesem Sondereffekt herrscht heute in der Eurozone eine Trendinflation von rund 1%, in den USA etwa 2% – Werte, die mit Vernunft betrachtet nahezu Preisstabilität signalisieren. Die Inflationserwartungen sind entsprechend auf niedrigem Niveau verankert geblieben, inflationspolitisch eigentlich ideal. Die Zentralbanken sollten den durch den Ölpreis und ähnliche Sondereffekte bedingten Schwankungen der Inflation um ihren Trend keine grosse Beachtung schenken. Inflationsprozesse sind erfahrungsgemäss träge und nur mittelfristig steuerbar. Punktgenau lassen sie sich ohnehin nie kontrollieren.

Die EZB hat sich mit ihrem Punktziel von 2% Inflation selbst unnötig eingeengt und unter Zugzwang gesetzt. Das Mandat der EZB lautet auf Gewährleistung der Preisstabilität. Das Inflationsziel von exakt 2% hat sie sich unbedacht selbst auferlegt. Viel vernünftiger wäre die Wahl eines Teuerungsbereichs (zwischen null und 2%), wie ihn die Schweizerische Nationalbank verwendet und wie er ursprünglich auch für die EZB Geltung hatte. Vorübergehende Abweichungen von diesem Bereich (in beiden Richtungen) sind immer noch kein Grund zur Aufregung, solange nicht die Gefahr von Entwicklungen besteht, die weiter und weiter vom Zielbereich wegführen.

Nun argumentieren die EZB und die Advokaten ihrer Politik, dass gegenwärtig genau diese Gefahr drohe. Der Zerfall des Erdölpreises und die aktuelle Niedriginflation könnten leicht in eine unkontrollierbare Spirale stets weiter sinkender Preise und fallender, ins Negative drehender Inflationserwartungen führen. Konsumschwäche, Investitionsverweigerung und Stagnation wären die Folge. Nur eine ungehemmte Fortsetzung der monetären Expansion könne dies verhindern.

Ich halte dieses Szenario für ein Phantom und eine Ablenkung von anderen, tatsächlichen Problemen. Ich habe noch niemanden getroffen, der ernsthaft glaubt, Konsum und Investitionen würden heute auf breiter Basis zurückgestellt, weil für die Zukunft noch etwas niedrigere Güterpreise erwartet werden. Im Gegenteil, bei vielen Menschen dominiert bis heute der Eindruck der «gefühlten» Inflation («alles wird immer teurer, von der Bahn bis zur Krankenkasse»), was immer die Statistik auch sagen mag. Inflationserwartungen lösen sich nicht so rasch von ihrem Anker, nach Jahrzehnten von Erfahrungen mit steigenden Preisen schon gar nicht in Richtung nach unten. Die Geldpolitiker versuchen hier eine eingebildete Krankheit zu kurieren. Insofern ist die EZB «une malade imaginaire».

Nun ist es natürlich nicht so, dass die Eurozone nicht wirkliche Probleme hätte, im Gegenteil. Doch diese Probleme sind nicht monetärer Art und lassen sich nicht von der EZB mit den Mitteln der Geldpolitik lösen. Sie sind in der Struktur der Europäischen Währungsunion und der politischen Systeme ihrer Mitgliedländer bedingt: verkalkte, unflexible Arbeits- und Gütermärkte, unsolider Finanzhaushalt mancher Staaten, labile Bankensysteme. Der aufgestaute Reformbedarf in diesen Bereichen ist gross. Europa leidet nicht an einem Mangel an Geld, sondern an Strukturproblemen und mangelnder Reformbereitschaft. Vielleicht ist es ein neues Krankheitsbild, sich genau dort krank zu fühlen, wo nichts wirklich fehlt (nämlich bei der Preisstabilität), und die tatsächlichen Krankheitssymptome systematisch zu verdrängen. Die Europäische Zentralbank hat in der Vergangenheit gelegentlich betont, mit ihrer Politik ihren Mitgliedländern Zeit zur Lösung ihrer realen Probleme kaufen zu wollen. Sie hat dies schon allzu lange getan. Echte Reformen sind daraus nicht entstanden, und ein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung lässt sich damit nicht begründen.

Es ist auf diesem Hintergrund auch nicht besonders schwierig zu verstehen, warum die Inflation im Durchschnitt auf einem so niedrigen Niveau geblieben ist, obwohl die Welt von den Zentralbanken doch mit Geld geflutet worden ist. Man braucht dazu auch keine Lehrbücher umzuschreiben, wie manche meinen. Man müsste nur die alten Texte mit Verstand und Vernunft lesen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre hat unsere Volkswirtschaften in einem äusserst labilen Zustand hinterlassen, der besonders in Europa nach wie vor durch eine hohe Verschuldung (von Privaten und Staaten), durch schwachbrüstige Bankensysteme und durch fehlende Reformwilligkeit vieler Staaten gekennzeichnet ist. Die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat das Ihre dazu beigetragen, diesen Zustand zu verfestigen.

Endloser Krisenmodus verunsichert

Solche Bedingungen, begleitet von einer Zentralbankpolitik, die endlos Krisenmodus signalisiert, sind nicht geeignet, Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft zu schaffen. Im Gegenteil, sie sind Gift dafür. Dass Konsum und Investitionen auf niedrigem Niveau verharren, kann dann nicht überraschen. Ebenso wenig ist es ein Wunder, dass unter solchen Bedingungen die von den Zentralbanken geschaffenen riesigen Geldbestände ihren Weg nicht in die Realwirtschaft finden und eine Inflation der Güterpreise bisher ausgeblieben ist.

Es besteht die Gefahr, dass die Weltwirtschaft, und besonders die europäische, weiter schwach und zerbrechlich bleibt, wenn die Zentralbanken und die restliche Wirtschaftspolitik den Krisenmodus unbegrenzt weiterführen und die Staaten sich notwendigen Reformen verweigern. Die Verunsicherung über die Zukunft könnte in diesem Fall noch lange anhalten und einer Normalisierung im Wege stehen. Im schlimmsten Fall könnte dann eine eskalierende Verschuldungskrise zum Zusammenbruch von Finanz- und Realwirtschaft führen. Mit dem Risiko einer Deflationsspirale, die man durch fortgeführte monetäre Expansion verhindern müsste, hat dies aber nichts zu tun.

Leser-Kommentare

Philip Hjelmer 30.03.2016 - 11:47
Leider wird selten ein Unterschied zwischen guter und schlechter Deflation gemacht. Die schlechte wird durch eine konjunkturbedingte Nachfrageschwäche hervorgerufen und kann in Kombination mit Kapazitätsüberschüssen zu einer Abwärtsspirale der Preise führen. Die gute hingegen ist das Ergebnis von Produktivitätssteigerungen und tiefere Importpreise. Dass die Preise in der Schweiz, gemessen am Landesindex der Konsumentenpreise, in den letzten fünf Jahren um 3%… Weiterlesen »
Jean Ackermann 30.03.2016 - 12:24
Ich denke, dass die lockere Geldpolitik der EU-Zentralbank ein ganz anderes Ziel als die Deflationsbekämpfung hat. Das Hauptziel ist, einige südliche EU Staaten vor der Insolvenz zu bewahren! Wer würde schon bei diesen niedrigen Zinsen, Anleihen von diesen hochverschuldeten Staaten kaufen, wenn er nicht sicher wäre, dass Draghi mit seinen gigantischen Anleihenkäufen diese Saaten auf keinen Fall in die Zahlungsunfähigkeit… Weiterlesen »