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Deglobalisierung muss Inflation nicht zwingend anheizen

Die Robotisierung wird den Arbeitskräftemangel nicht nur mildern, sie könnte ihn sogar ausgleichen und zu einem Überschuss führen. Ein Kommentar von Dalia Marin.

Dalia Marin
«Steigende Transportkosten werden die Abkehr von globalen Wertschöpfungsketten wahrscheinlich noch beschleunigen.»

Inflation scheint heutzutage in aller Munde zu sein. Die Debatte dreht sich in der Regel darum, ob die massiven geld- und fiskalpolitischen Anreize der USA die Inflationserwartungen entfesseln und die Preise ausser Kontrolle geraten werden. Aber es gibt noch einen anderen Trend, der ebenfalls einen Inflationsdruck erzeugen könnte: die Deglobalisierung.

Seit der globalen Finanzkrise 2008 findet eine Deglobalisierung statt. Doch die Coronaviruspandemie hat diesen Trend erheblich beschleunigt. Anhand von Daten aus der Finanzkrise sagen Kemal Kilic und ich voraus, dass der Covid-19-Schock wahrscheinlich zu einem Rückgang der grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten um 35% führen wird – des Hauptfaktors der Globalisierung in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Münchner Ifo-Instituts stützt diese Schlussfolgerung. Sie hat ergeben, dass etwa 19% der deutschen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes planen, ihre Produktion wieder nach Deutschland zu verlagern, 12% davon haben vor, Vorleistungen von deutschen Zulieferern zu beziehen, und 7%, selbst produzieren.

Schwächerer Anreiz zur Verlagerung

Steigende Transportkosten werden die Abkehr von globalen Wertschöpfungsketten wahrscheinlich noch beschleunigen. Während der Pandemie haben sich die Kosten für Container, die für den Transport von Waren von Asien nach Europa und in die USA verwendet werden, fast verzehnfacht, und die Transportarbeiter, die mit immer härteren Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, verlassen ihre Arbeitsplätze. Insgesamt sind die Kosten für den Warentransport für Unternehmen bis zu zehnmal höher als noch vor einem Jahr.

Diese Entwicklungen haben die Rentabilität globaler Wertschöpfungsketten erheblich geschmälert. Die Unternehmen nutzten die Auslandverlagerung, um von den weitaus niedrigeren Löhnen im postkommunistischen Europa und in China zu profitieren, besonders nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Eine Umwälzung im Transportsektor – die Containerisierung – erleichterte diesen Prozess, indem sie dazu beitrug, die Transportkosten so niedrig zu halten, dass sie die Lohnunterschiede nicht ausglichen.

Heute sind diese Unterschiede kleiner, und die Transportkosten sind viel höher, was den Anreiz für die Unternehmen schwächt, ihre Aktivitäten an weit entfernten Standorten zu halten. Darüber hinaus verringert Onshoring (oder «Near-Shoring») ihre Anfälligkeit für globale Schocks.

Transportsektor entscheidend

Charles Goodhart und Manoj Pradhan zufolge ist der daraus resultierende Rückzug aus der Globalisierung verbunden mit der Alterung der Bevölkerung in China und den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ein Rezept für Inflation. Ihrer Ansicht nach hat die Globalisierung die Preise drei Jahrzehnte lang niedrig gehalten: Als die Produktion in Niedriglohnländer verlagert wurde, wurden die Löhne überall gedrückt. Da es immer schwieriger wird, billige Arbeitskräfte zu finden, sowohl im Inland als auch im Ausland, wird die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer in Ländern mit hohem Einkommen zunehmen, was den Inflationsdruck verstärkt.

Haben sie recht? Werden die Konsumentenpreisinflation und die Löhne nach der Pandemie anziehen, wenn die Welt in eine neue Ära der Deglobalisierung eintritt?

Die Antwort hängt erstens davon ab, inwieweit der Umbruch im Frachtsektor anhält. Sollte er, wie einige Beobachter behaupten, einen grundlegenden Wandel durchlaufen, bei dem die Kosten hoch bleiben, könnte dies in den reichen Ländern eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, da die Arbeitnehmer versuchen, einen Ausgleich für die steigenden Preise zu erhalten.

Alte Gesellschaften setzen auf Roboter

Wenn die Unternehmen jedoch ihre Aktivitäten wieder ins Inland verlagern, werden die Auswirkungen der höheren Transportkosten deutlich abgeschwächt. Ausserdem dürfte das Argument, dass der Lohndruck die Inflation anheizen wird, nicht sehr stichhaltig sein. Schliesslich können Unternehmen in Ländern mit hohem Einkommen in vielen Fällen verstärkt Roboter einsetzen, statt teurere lokale Arbeitskräfte einzustellen. In der Tat deuten unsere Untersuchungen darauf hin, dass die Verlagerung von Lieferketten den Einsatz von Robotern in Ländern mit hohem Einkommen fördert.

Die Robotisierung wird auch die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Löhne verringern. Die Unternehmen haben die Alterung der Bevölkerung – und die damit verbundene Schrumpfung der Erwerbstätigenzahlen – seit den Neunzigerjahren vorausgesehen. Wie Daron Acemoglu und Pascual Restrepo gezeigt haben, haben Länder, in denen die Bevölkerung schneller altert, auch schneller Roboter eingeführt. In Deutschland, einer der am schnellsten alternden Gesellschaften der Welt, ist die Zahl der Roboter pro tausend Arbeitnehmer von unter zwei Mitte 1990 auf vier im Jahr 2019 gestiegen.

Die Robotisierung wird den Arbeitskräftemangel nicht nur mildern, sie könnte ihn sogar ausgleichen und zu einem Arbeitskräfteüberschuss führen. Wie Acemoglu und Restrepo hervorgehoben haben, hat die Automatisierung in den vergangenen drei Jahrzehnten weit mehr Arbeitnehmer verdrängt als neue Arbeitsplätze geschaffen. Dies birgt zwar sicherlich Risiken für die Arbeitnehmer, besonders für diejenigen, die in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit steigenden Preisen konfrontiert sind, aber es deutet auch darauf hin, dass die Deglobalisierung in absehbarer Zeit nicht zu einem Inflationsanstieg führen wird.

Copyright: Project Syndicate.