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Deglobalisierung steuern

Globalisierungsbefürworter sollten versuchen, den Prozess der teilweisen Deglobalisierung wenigstens geordnet und graduell ablaufen zu lassen. Ein Kommentar von Mohamed A. El-Erian.

Mohamed A. El-Erian
«Nach der aktuellen Phase des Krisenmanagements werden sich zudem die gegenseitigen Schuldzuweisungen verschärfen, was der Deglobalisierung einen zusätzlichen geopolitisch bedingten Schub verleihen dürfte.»

Nachdem sie in den letzten zehn Jahren bereits von zwei grossen Erschütterungen gebeutelt wurde, erleidet die hochgradig vernetzte Verdrahtung der Weltwirtschaft derzeit aufgrund der Covid-19-Pandemie eine dritte – und das ist eine zu viel. Die Globalisierung steht damit vor einer Situation, die durchaus zu einer allmählichen, aber relativ lang andauernden Entkoppelung von Handel und Investitionen führen könnte. Dies könnte den säkularen Gegenwind, dem die Weltwirtschaft ohnehin schon ausgesetzt ist, noch verschärfen.

Appelle, sich auf den aktuellen Globalisierungsprozess zu besinnen, dürften fast mit Sicherheit auf taube Ohren stossen – besonders weil diese letzte Erschütterung gleichzeitig von Regierungen, Unternehmen und den Haushalten der entwickelten Länder angetrieben werden wird. Diejenigen, die bestrebt sind, die Globalisierung längerfristig zu bewahren, täten stattdessen besser daran, sich auf das Minimieren der durch die kommende Phase der Deglobalisierung verursachten Störungen zu konzentrieren und die Grundlagen für einen nachhaltigeren Prozess im Anschluss an diese Phase zu schaffen.

Schon jetzt ist klar, dass viele Unternehmen im Gefolge der schädlichen pandemiebedingten Erschütterung ein Gleichgewicht zwischen Effizienz und Widerstandsfähigkeit anstreben werden, das stärker auf Risikovermeidung angelegt ist. Der mehrere Jahrzehnte währende Flirt der Unternehmen mit kosteneffektiven globalen Lieferketten und Just-in-Time-Lagerverwaltung wird einem stärker lokalisierten Ansatz Platz machen, der die Repatriierung bestimmter Wirtschaftsaktivitäten umfasst.

China in der Kritik

Diese Neigung wird noch verstärkt werden durch staatliche Vorgaben zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit mit Blick auf Produktionsgüter für Sektoren, die als im nationalen Interesse stehend betrachtet werden. In den USA sehen wir dies schon jetzt im Bereich der Energieerzeugung, der Telekommunikation sowie bei Medizin- und Pharmaprodukten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich dieser Trend auf andere Sektoren und Länder ausweitet.

Nach der aktuellen Phase des Krisenmanagements werden sich zudem die gegenseitigen Schuldzuweisungen verschärfen, was der Deglobalisierung einen zusätzlichen geopolitisch bedingten Schub verleihen dürfte. Schon jetzt klagen die USA, dass China nicht genug getan habe, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und andere Länder über dessen Gefährlichkeit zu informieren. Einige US-Politiker fordern sogar, dass China deshalb Reparationen zahlen müsse. Viele in Amerika und anderswo betrachten Chinas ursprüngliche Covid-19-Reaktion als neuerliches Beispiel dafür, dass das Land seiner internationalen Verantwortung nicht gerecht wird.

Zudem intensiviert die sich verschlechternde geopolitische Lage den Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente als Waffe, der sich im jüngsten Handelskrieg zwischen den USA und China – dem zweiten Schlag der jüngsten Zeit gegen den Globalisierungsprozess – bereits beschleunigt hatte. Dies wiederum wird die Befürchtungen vieler multinationaler Unternehmen bestätigen, dass sie sich nicht länger auf zwei zentrale geschäftliche Annahmen verlassen können: die immer stärkere Integration und Vernetzung der weltweiten Produktions-, Konsum- und Investitionsströme und die geordnete und relativ berechenbare Beilegung von Handels- und Investitionskonflikten durch rechtsstaatlich agierende multilaterale Institutionen.

Denkbar ungünstiger Zeitpunkt

Die heutige chinafeindliche Rhetorik wird zudem der ersten Welle des Widerstands gegen die Globalisierung, die vor einem Jahrzehnt eingesetzt hatte, neuen Schwung verleihen. Die durch die vom Globalisierungsprozess ausgehende Verunsicherung und das Gefühl der Marginalisierung einiger Bevölkerungssegmente bedingte establishmentfeindliche Gegenreaktion haben mancherorts zu extremen politischen Bewegungen geführt, die überraschende Erfolge erzielten, nicht zuletzt zum Brexit. Diese Entwicklungen haben die globale politische Zusammenarbeit deutlich geschwächt, was sich an dem unkoordinierten Ansatz der Welt zur Eindämmung von Covid-19 überdeutlich gezeigt hat.

Dies ist kein idealer Zeitpunkt für die Weltwirtschaft, eine säkulare Deglobalisierung zu durchlaufen. Die meisten Länder und nahezu alle Segmente ihrer Volkswirtschaften (Wirtschaft, Staat und private Haushalte) werden aus der Krise stärker verschuldet hervorgehen. Ohne umfassende Umstrukturierungsmassnahmen werden besonders die Entwicklungsländer wegen hoher Arbeitslosenraten, Einkommensverlusten, trägerer Wirtschaftsentwicklung und womöglich eines weniger dynamischen Konsums in ihrer Fähigkeit eingeschränkt sein, diese Schulden zu bedienen.

Diejenigen, die wissen, dass eine grenzübergreifende Vernetzung wirtschaftliche Chancen schaffen kann, von denen beide Seiten profitieren, und die das Risiko militärischer Konflikte verringern, werden vor diesem Hintergrund den Zustand der Zeit vor der Pandemie zu verteidigen suchen. Doch in einer Zeit, in der die mit den pandemiebedingten direkten und indirekten Schäden kämpfenden Regierungen verstärkt nach innen blicken, die Unternehmen noch immer unter den Störungen ihrer globalen Lieferketten und Märkte leiden und die privaten Haushalte ein stärkeres Mass wirtschaftlicher Unsicherheit empfinden, dürfte dieser Ansatz kaum durchdringen.

Grundsatzkrieg ist nicht zu gewinnen

Statt einen nicht zu gewinnenden Grundsatzkrieg zu führen, sollten die Globalisierungsbefürworter einen pragmatischeren Ansatz verfolgen, der sich auf zwei Prioritäten konzentriert. Erstens sollten sie Wege finden, um den Prozess der teilweisen Deglobalisierung geordnet und graduell ablaufen zu lassen und dabei sich selbst antreibende Störungen, die vielen Leuten unnötig Schmerz und Leid zufügen, zu vermeiden. Zweitens sollten sie mit der Errichtung eines stabileren Fundaments beginnen, um einen diesmal breitere Gruppen einbeziehenden und nachhaltigeren Globalisierungsprozess einzuleiten, bei dessen Konzeption und Umsetzung der private Sektor unweigerlich eine grössere Rolle spielen wird.

Um auf eine Analogie aus dem Baseball zurückzugreifen: Dieser dritte Schlag gegen die Globalisierung hat sie für den Augenblick zurück auf die Bank geschickt. Doch wie beim Baseball wird sie eine weitere Chance erhalten. Die Herausforderung besteht nun darin, die Zeit auf der Bank zu nutzen, um die Situation besser zu durchschauen und gestärkt ins Spiel zurückzukommen.

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