Dekantiert

Darum hat das Weinglas einen Stiel

Früher wurde gebechert – im wahrsten Sinne des Wortes: Über Jahrhunderte floss der Wein aus Bechern in die Kehlen. Ein Weinglas mit Stiel manuell herzustellen, ist handwerklich aufwendig, und vollautomatisch – und damit erschwinglich – produziert werden Gläser erst seit den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts.

Doch auch heute wird der Stiel immer wieder ignoriert, selbst in der Weinwerbung und in Hollywoodfilmen. Vielleicht, weil es bequemer ist, das Glas beim Kelch zu umfassen, oder weil das Balancieren eines gut gefüllten Glases am dünnen Stiel die Feinmotorik einiger Weintrinker übersteigt. Und zugegeben: Chillen geht anders. Cool und lässig ist es nicht.

Der Stiel des Weinglases ist aber nicht nur eine Frage des Stils, sondern vor allem des guten Geschmacks. Die edlen Tropfen kommen erst im Stielglas richtig zur Geltung, optisch wie geschmacklich – aber immer vorausgesetzt, man hält das Weinglas richtig, also am Stiel und nicht am Kelch. Dafür gibt es mehrere Gründe.



«Über Wein wird seit 2000 Jahren geschrieben»
Markus Fuchs, Weinakademiker, zu seiner neuen Wein-Kolumne in der Finanz und Wirtschaft.


Beispielsweise die Temperatur: Kühler Weisswein wird viel zu schnell warm, wenn man den Kelch mit der Hand umfasst. Wer das Glas am Stiel hält, kommt länger in den Genuss eines gut temperierten Weins. Das ist auch der Grund, weshalb Weissweingläser kleiner sind. Der Wein wird in kleineren Portionen kredenzt, damit er nicht in Gefahr gerät, zu lange am Tisch in der Wärme zu stehen.

Hinzu kommt die Optik: Wer das Glas am Stiel festhält, vermeidet es, dass im Lauf des Abends mehr und mehr Fin­gerabdrücke am Kelch zurückbleiben. Weinkenner legen Wert auf einen unverschleierten Blick auf Farbe und Konsistenz des edlen Getränks. Man muss aber kein Sommelier sein, um einen funkelnden Wein im Glas zu schätzen.

Nicht zu vergessen ist der Klang: Beim Anstossen kommen Weingläser am wenigsten gedämpft ins Schwingen, wenn sie möglichst weit unten am Stiel gehalten werden. Ein schöner Klang beim An­stossen gehört zum Weintrinken wie die Ouvertüre zur Oper. Vor allem beim Klang macht sich der Unterschied zwischen hochwertigen Kristallgläsern und Supermarktware deutlich bemerkbar.

Zum Schluss der Geschmack: Rotwein wird aus bauchigen, Weisswein in der Regel aus schlankeren, nach oben zulaufenden Kelchen getrunken. Der Grund ist der Geschmack. Je nach Form landet der Wein beim Trinken auf verschiedene Weise im Mundraum, was wiederum die Wahrnehmung beeinflusst. Die Auffassung, dass die Zunge nur mit der Spitze süsse, im hinteren Bereich bittere und an den Seiten salzige und saure Töne wahrnimmt, wird in zahlreichen Weinbüchern vertreten. Sie wird jedoch zunehmend hinterfragt.

Eine diesbezüglich ebenfalls häufig auftretende Unsicherheit ist diejenige um das «richtige» Weinglas oder die Frage, wie viele verschiedene Weingläser nötig sind. Die klassische Antwort ist so einfach wie einleuchtend: Zwei Weingläser ge­nügen, eines für Rotwein und eines für Weisswein. Diese Ausrüstung findet sich in 90% aller Restaurants und in 95% aller Privathaushalte. Selbstverständlich stimmen nicht alle Leser dieser pauschalen Aussage zu. Sie repräsentieren die ver­bleibenden 10% der Restaurants und 5% der Privathaushalte. Einigkeit herrscht aber auf ­jeden Fall darüber, dass Wein aus einem stilvollen Weinglas sensorisch und ästhetisch besser schmeckt als aus einem Plastiktrinkbecher.

Der Glasstiel hat also viele Funktionen. Nicht nur Sommeliers und Weinprofis sollten das wissen, denn für alle gibt es ­Situationen, in denen es sich lohnt, das Weinglas ernst zu nehmen. Ein romantisches Abendessen beispielsweise. Wer da vorhat, dem Gegenüber einmal ganz tief in die Augen zu schauen, hat beim stil­echten Weingenuss die besten Chancen. Das Glas konzentriert am Stiel zu halten, garantiert die nötige zugewandte Aufmerksamkeit, der Klang beim Anstossen gibt den Moment präzise vor, um einen zugeneigten Blick auszutauschen.

Markus Fuchs

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