Dekantiert

Die Vorurteile gegenüber dem Rosé

Es ist jedes Jahr dasselbe: Die Abende werden länger, die Temperaturen steigen und die Berichte über Roséweine nehmen zu. Doch nicht nur das. Die Berichte folgen auch Jahr für Jahr demselben Muster: Am Anfang steht, dass Rosés lange minderwertig, belanglos, und charakterschwach waren. Im Mittelteil wird ausgeführt, dass sie unterdessen qualitativ zugelegt hätten und keine belanglosen Tropfen mehr seien, sondern durch Vielfältigkeit und als hervorragende Essensbegleiter glänzten.

Als Fazit wird festgehalten, dass Roséweine – selbstverständlich zu Unrecht – immer noch mit vielen Vorurteilen wie der ausschliesslichen Eignung als Apéro-, Grilladen- und Sommerwein kämpfen, gefolgt von der Empfehlung, mehr anspruchsvollen Rosé zu trinken. Dass Berichte über Roséweine seit Jahren diesem Schema folgen, wirft die Frage auf, warum sich die Vorurteile so standhaft halten.

Roséweine sind hellfarbige Weine aus roten Weintrauben. Die Rotweinbeeren liegen dabei wenige Stunden im eigenen Saft. Je nach Intensität des Kontakts mit den Beerenhäuten ist der Roséwein unterschiedlich stark gefärbt. Das Spektrum reicht von lachsfarben bis zu kirschrot. Da ein geringer Alkoholgehalt und frische Aromen angestrebt werden und Roséwein immer kühl getrunken wird, ist er besonders im Sommer beliebt. Dass Rosé nach Ferien klingt, ist aber kaum ein Qualitätsmerkmal. Zudem kann und darf Rosé auch im Winter getrunken werden.

Weinkenner haben Rosé über viele Jahre abgetan, weil er manchmal aus Weiss- und Rotwein zusammengekippt wurde, ein Vorgehen, das zumindest in der EU und der Schweiz ausser bei Schaumweinen verboten ist. Rosé kann aber tatsächlich eher als Nebenprodukt entstehen, indem man Rotweintrauben so behandelt, als würde man Weisswein herstellen. Entweder wird Rosé bei der Rotweinherstellung abgezapft, bevor er richtig rot wird und das volle Aroma der Traubenhäute annehmen kann, oder er wird bewusst sofort von der Schale getrennt.

In der Schweiz steigt der Konsum von Rosé seit Jahren. Auch für die Hersteller ist es ein gutes Geschäft, denn er ist einfacher herzustellen und muss vor dem Verkauf nicht so lange lagern wie guter Rotwein. Ausserhalb der EU ist die Gleichung gestattet, dass Weiss plus Rot gleich Rosé ergeben darf. Was nach der Farbenlehre Sinn ergibt, hat dazu geführt, dass Neue-Welt-Rosés mit dem unrühmlichen Beinamen «Château Cash Flow» versehen wurden. Mit europäischer Weinbautradition hat das wenig zu tun, denn roséfarbene Weine werden hier seit Jahrzehnten ausschliesslich aus roten Trauben gekeltert.

Die Farbe Rosé ist inzwischen fester Bestandteil der Weinwelt. Dies aber weniger, weil Rosés mit wenigen Ausnahmen intellektuelle Weine geworden wären, sondern weil sie auf der Genussskala klar positioniert sind und für unkomplizierten und leichten Weingenuss stehen. Kühl ­getrunken, passt Rosé zu Fisch und zu Fleisch gleichermassen gut, oder eben gar nicht, wenn man daran festhalten möchte, dass Rosé vor allem ein Wein für Menschen ist, die sich nicht für Wein interessieren. Er bietet dafür andere Vorteile, die man eher im Lifestyle-Bereich verortet. Zuerst wäre da die rosa Farbe, die gute Laune macht und die ausgezeichnet zu Abendessen im Freien, zu offenen Schuhen und Sonnenuntergängen passt, weshalb Roséweine für viele Menschen als flüssiger Sommer gilt.

Weinkennertum ist eine ungenaue Wissenschaft, in der hart erworbene Expertise häufig auf Humorlosigkeit trifft. Schade, dass dies bei vielen Weinstories und praktisch allen Berichten über Rosé geschieht. Vielleicht sollten wir mit den unsinnigen Vergleichen zwischen schweren Rot- und leichten Roséweinen einfach aufhören. Der Vergleich ist ähnlich sinnvoll wie derjenige zwischen einem Fiat Panda und einem Ferrari Berlinetta. Somit bleibt wie die für letztlich jedes Getränk banale Konklusion: Roséweine darf man mögen, muss man aber nicht.

Markus Fuchs, Weinakademiker

, Closing Bell / Dekantiert